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Das künstliche Gelenk wackelt: Wann eine Wechsel-OP nötig ist

Von: Lea Sibbel, dpa
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Gelenk
Wenn ein künstliches Gelenk erneuert wird, muss es nicht immer komplett ausgetauscht werden. Foto: dpa

Heidelberg. Ein künstliches Gelenk soll Betroffenen das Leben erleichtern. Doch manchmal versagt der Gelenkersatz seinen Dienst und muss ausgetauscht werden. Warum solche Wechseloperationen, sogenannte Revisionen, nötig werden, hat viele Gründe.

Manchmal kann ein (Sport-)Unfall die Ursache sein, oft sind reguläre Vorgänge im Inneren des Körpers Grund für den Wechsel.

Der häufigste Anlass für eine Revision ist die Lockerung des Gelenks, sagt Volker Ewerbeck, Chefarzt der Orthopädischen Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg. Dazu kommt es, wenn sich die Verbindung zwischen Knochen und künstlichem Gelenkteil löst.

Dafür können Krankheitskeime verantwortlich sein, oft ist es aber der Körper selbst: „Auch der Knochen ist ein lebendiges Gewebe”, erläutert Nils Graf Stenbock-Fermor (Aachen), Vorsitzender des Deutschen Orthopäden-Verbands in Köln. Das heißt: Baut sich der Knochen ab, lockert sich das Gelenk, das darin verankert ist.

Auch Abrieb kann dazu führen, dass ein Austausch nötig wird. „Hier kommt es auf das Material an”, erläutert Ingo Tusk, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention. „Bei der Hüfte wird häufig Keramik verwendet, das heißt, zwei Keramikflächen gleiten aufeinander. Keramik hat den Vorteil, dass sie sehr glatt ist. Leider ist sie aber auch porös.”

Künstliche Kniegelenke bestehen dagegen meist aus Metallstücken und einer Kunststoffschicht aus Polyethylen, die zwischen dem Metall liegt. Dass Lockerung und Abrieb Hand in Hand gehen können, wird besonders beim Polyethylen deutlich: „In den früheren Versionen des Kunststoffs haben sich Partikel abgerieben, die die Osteoklasten im Knochen aktiviert haben”, erklärt Ewerbeck.

Osteoklasten sind Zellen, die für den Knochenabbau sorgen. Die kleinen Kunststoffpartikel konnten in den Zwischenraum von Gelenk und Knochen gelangen und dort den Knochenabbau begünstigen. In der Folge lockerte sich das Gelenk. „Der Abrieb muss also gestoppt werden, damit keine Lockerung entstehen kann. Deshalb wurde der Kunststoff auch weiter verbessert und hat heute einen viel geringeren Abrieb.”

Weitere Ursachen für Wechsel-Operationen sind Infektionen und Unfälle, zum Beispiel Brüche. „Infektionen sind aber recht selten. Sie können kurz- oder mittelfristig auftauchen, also direkt nach der OP oder erst ein Jahr später”, schildert Tusk.

Der Vorteil von Brüchen und Infektionen bestehe darin, dass der Patient sie durch die Schmerzen direkt bemerkt. „Bei Lockerungen und Abrieb kann es geschehen, dass der Patient erst gar keine Beschwerden hat. Deshalb sind regelmäßige Kontrollen sehr wichtig”, ergänzt Ewerbeck.

Neben den Kontrollgängen kann auch der Patient selbst bis zu einem gewissen Grad mithelfen, das Risiko einer Revisions-OP zu verringern. Denn der Einsatz einer ersten Prothese sei immer ein 50/50-Geschäft, sagt Tusk. Auf der einen Seite müssten die Ärzte die Prothese gut einbauen, auf der anderen Seite sei der Patient gefragt, aktiv mitzuarbeiten.

„Mit einer Prothese sollte man Sportarten mit schnellen Richtungs- und Tempowechseln vermeiden, zum Beispiel Squash”, empfiehlt Stenbock-Fermor. Vollkommen entsagen sollte der Patient sportlichen Aktivitäten aber keinesfalls. „Gut können Ausdauersportarten wirken. Sie verbessern die Muskelführung, und dann hat auch das Gelenk bessere Laufzeiten.”

Denn ein Verzicht auf Bewegung könne sogar zu weiteren Problemen führen, warnt Tusk. „Ein neues Gelenk soll ja vor allem neue Lebensqualität schaffen, nicht nehmen.” Deshalb müsse es möglich sein, auch mit Prothesen viele Sportarten betreiben zu können. „Insbesondere junge Patienten wollen schließlich aktiv sein, bestenfalls ohne große Einschränkungen.” Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking oder Schwitzen auf dem Crosstrainer - diese Sportarten eignen sich für Prothesenträger ganz besonders.

Ist dann irgendwann doch ein Wechsel nötig, genügt es häufig, nur einen Teil des Gelenks auszutauschen. „Die Implantate sind modular, das heißt, sie bestehen aus mehreren Elementen. Meistens reicht es, das Element auszutauschen, das beschädigt ist oder die Beschwerden verursacht”, erklärt Ewerbeck. Wenn nur ein Baustein ausgetauscht wird, sei das Risiko einer Revisions-OP nicht größer als bei einer Erstimplantation, beruhigt der Orthopäde.

Und er fügt hinzu, dass Wechsel-OPs heute schließlich nicht die Regel seien, auch wenn die Tendenz steige: Bei etwa 12 Prozent der Operationen mit künstlichen Hüft- und Kniegelenken handle es sich um Revisionen, die restlichen 88 Prozent seien Erstimplantationen. Wer die Tipps von Ärzte und Physiotherapeuten beherzigt, sich richtig bewegt und Übergewicht vermeidet, kann die Nutzungsdauer von künstlichen Hüft- und Kniegelenken vielleicht sogar um einige Jahre verlängern. Normalerweise liegt sie bei etwa 15 Jahren.


Immer mehr neue Knie und Hüften

Es werden immer mehr künstliche Knie und Hüften implantiert. Die Zahl der Hüft-OPs ist dem aktuellen „Report Krankenhaus 2010” der Krankenkasse Barmer GEK zufolge seit 2003 altersbereinigt um neun Prozent gestiegen, die Zahl der Knie-OPs um rund 43 Prozent. Allein im Jahr 2009 wurden demnach etwa 209.000 Hüft- und 175.000 Knieprothesen eingesetzt. Auch die Zahl der Revisions-OPs hat deutlich zugenommen: Um 41 Prozent bei Hüften und 117 Prozent bei Knien zwischen 2003 und 2009.

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