Hannover/Krefeld - Damit sich das Kind gut entwickelt: Hörscreening bei Neugeborenen

Damit sich das Kind gut entwickelt: Hörscreening bei Neugeborenen

Von: Bettina Levecke, dpa
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Einen schmerzlosen Hörtest mit einem TEOAE Echo-Screen: Die flächendeckenden Hörtests für Neugeborene werden in Westfalen-Lippe immer engmaschiger. Mediziner arbeiten an dem zentralen Erfassen von Daten aus der Region. Foto: Waltraud Grubitzsch, dpa

Hannover/Krefeld. Seit knapp einem Jahr ist das Neugeborenen-Hörscreening eine Pflichtleistung der Gesetzlichen Krankenkassen. Der kostenlose Test soll zur gesunden Entwicklung des Kindes beitragen, indem Hörschäden so früh wie möglich erkannt und behandelt werden.

„Schwerhörigkeit im Neugeborenenalter tritt bei ein bis zwei Kindern pro 1000 Geburten auf”, sagt Prof. Thomas Lenarz von der Hals-Nasen-Ohrenklinik der Medizinischen Hochschule Hannover. „Bei Risikokindern liegt die Häufigkeit um bis zu 20-fach höher.”

Unbehandelt hat eine Schwerhörigkeit weitreichende Folgen. „Eine Hörbeeinträchtigung wird ohne Screening oft erst im zweiten oder dritten Lebensjahr entdeckt”, sagt Karin Radke-Harm, Leiterin der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie am Helios-Klinikum Krefeld. „Dann kann es für eine normale Sprachentwicklung aber schon zu spät sein.” Denn das Hören ist eine elementare Voraussetzung für die Laut- und Sprachbildung: „Auch die intellektuelle, soziale und emotionale Entwicklung leiden.”

Bekommen Kinder erst mit zwei bis vier Jahren ein Hörgerät, haben sie große Schwierigkeiten, die Defizite aufzuholen. Das Gehirn hat sich zu diesem Zeitpunkt schon ohne die Reize des Hörens weiterentwickelt. „Man muss hören können, um das Hören überhaupt lernen zu können”, erläutert Radke-Harm. Wird der Hörschaden bereits beim neugeborenen Kind erkannt, kann vorgebeugt werden.

Obwohl laut Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses das Neugeborenen-Hörscreening seit dem 1. Januar 2009 zur gesetzlichen Kassenleistung geworden ist, fallen immer noch viele Kinder aus dem Netz. „Anscheinend wird das Screening noch nicht in allen Kliniken angeboten”, sagt Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Köln. „Das Screening sollte zudem innerhalb der ersten drei Tage nach der Geburt stattfinden. Da haben aber schon viele Mütter die Klinik wieder verlassen.”

Hinzu kommen ambulante Geburten, Entbindungen zu Hause oder in einem Geburtshaus. „In diesen Fällen ist die Hebamme die Ansprechpartnerin und sollte den Eltern Hinweise zum Hörscreening geben”, sagt Radke-Harm. Spätestens beim ersten Besuch des Kinderarztes sollte es auffallen, wenn es bislang kein Screening gab. „Wenn im Untersuchungsheft kein Vermerk ist, muss der Kinderarzt den Eltern Empfehlungen aussprechen, wo das Screening nachträglich gemacht werden kann.”

Danach liegt es aber an den Eltern, sich zu kümmern. „Aufgrund der Datenschutzbestimmungen gibt es natürlich keine zentrale Stelle, die die Geburten mit den durchgeführten Screenings abgleicht”, erklärt Lenarz. „In letzter Konsequenz tragen die Eltern die Verantwortung.” In einigen Bundesländern gibt es aber Screening-Zentralen, die sich darum kümmern, dass auffällig getestete Kinder nachuntersucht werden.

Sorgen, das Hörscreening würde das Baby belasten, brauchen Eltern nicht haben: „Die Untersuchung ist völlig harmlos und wird am besten durchgeführt, wenn das Kind schläft”, erklärt Kinderarzt Hartmann. Das Kind bekommt einen kleinen Stöpsel ins Ohr gesteckt. Dieser sendet kurze akustische Reize ins Ohr und provoziert bei einem gesunden Ohr die sogenannten transitorisch evozierten otoakustischen Emissionen, kurz TEOAE. „Das Innenohr schickt Signale zurück, die wir dann messen können”, sagt Radke-Harm.

Bei Risikokindern - zum Beispiel Frühgeborenen, Kindern mit Neugeborenengelbsucht oder familiärer Vorbelastung - empfiehlt sich neben der TEOAE-Untersuchung eine sogenannte AABR-Messung. „Hier werden bestimmte Hirnströme untersucht, die bei einem gesunden Ohr auf auditive Reize reagieren”, erklärt Hartmann.

Gibt es beim ersten Test einen auffälligen Befund, müssen Eltern nicht gleich in Panik ausbrechen. „Das Screening zeigt immer etwas mehr Verdachtsfälle als tatsächlich Hörschädigungen vorliegen”, beruhigt Lenarz. So können Schmatz- oder Nuckelgeräusche das Ergebnis verfälschen. „Manchmal ist auch Flüssigkeit im Mittelohr die Ursache für ein auffälliges Ergebnis”, ergänzt Radke-Harm.

Erst die Folgeuntersuchungen bringen Klarheit. Für diese sollten sich Eltern mit ihrem Baby möglichst bald an einen Facharzt, eine Klinik oder Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie oder an einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit pädaudiologischer Qualifikation wenden. Adressen erhalten sie in der Geburtsklinik oder beim Kinderarzt.

Natürlich ist es für junge Eltern ein großer Schock, wenn das Baby einen Hörschaden hat. „Wir können heute aber bei frühzeitiger Therapie ganz viel erreichen”, stellt Lenarz klar. Mit Hörgeräten lassen sich die meisten Hörprobleme gut in den Griff bekommen. Bei starker Schwerhörigkeit oder Taubheit können Kinder mit modernen Cochlea-Implantaten wieder hören.
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