Altersforscher Kruse beim 1. Pflegekongress

Von: Sabine Rother
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Aachen. „Die Anforderungen an Medizin und Pflege alter Menschen werden sich in Zukunft erheblich ausweiten”, sagt Professor Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, sehr offen.

„Das betrifft in gleicher Weise die Versorgung körperlich erkrankter, demenzkranker und sterbender Menschen.” Der enge statistische Zusammenhang zwischen Lebensalter und Häufigkeit der Demenz werde die medizinische, vor allem aber die pflegerische Versorgung rasch und tiefgreifend verändern.

Was bringen die nächsten Jahre? Worauf sollte sich eine Gesellschaft einstellen, deren Anteil an hochaltrigen Menschen deutlich ansteigen wird? Der 1. Pflegekongress in der Städteregion Aachen beschäftigt sich am kommenden Sonntag unter dem Motto „Weil es gemeinsam besser geht” mit den vielfältigen Aspekten der Pflege.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt wird gemeinsam mit dem übrigens gleichfalls aus Aachen stammenden Andreas Kruse und weiteren Experten über die Zukunft der Pflege bei einer Podiumsdiskussion ins Gespräch kommen. Und das ist dringend notwendig, wie Kruse, seit 1990 für die Altenberichte des Bundestages und der Bundesregierung verantwortlich, mahnt.

War die Palliativmedizin bisher eher ein Bereich, in dem unheilbaren Krebspatienten den Mittelpunkt bildeten, so ist nun ein Umdenken notwendig. Kruse: „Der Gerontologe trifft vielfach auf Multimorbidität sowie auf verschiedene hirnorganische Erkrankungen.” So geht es in vielen Fällen nicht mehr darum die letzte Lebensphase zu begleiten, sondern man trifft auf lang andauernde, fortschreitende und, so Kruse, „chronisch auszehrende Krankheiten”. Hier gelte es, die Versorgungssysteme entsprechend hin zu einer „auf Dauer angelegten Beziehung zum Patienten” zu verändern. Gleichzeitig sei die Verletzlichkeit des hochbetagten Menschen, dessen soziales Umfeld oft nicht mehr sehr stabil ist, deutlich erhöht.

Veränderungen registriert der Gerontologe mit Blick auf das gesellschaftliche Umfeld. „Die berufliche und - dadurch bedingt - die räumliche Mobilität der Menschen nimmt zu, aus diesem Grunde ist die familiäre Pflege ist in Zukunft nicht mehr selbstverständlich.” Dabei schneidet Deutschland beim EU-Vergleich noch immer sehr gut ab. „Nur 4,1 Prozent der über 65-Jährigen werden stationär betreut”, betont Kruse. Doch diese Zahl wird sich nach Meinung des Experten ändern. Auch weil die Zahl der Hochaltrigen steigt.

Neben der medizinischen und pflegerischen Herausforderung sieht er große Aufgaben in der psychologischen, sozialen und seelsorgerischen Begleitung. Die „Zukunft der Pflege”, das Diskussionsmotto der Veranstaltung, ist für Kruse ein gesellschaftlicher „Weckruf”: „Wer sich eine fachlich und ethisch kompetente Pflege wünscht, muss überlegen, wie viel er investieren will, denn die jetzige soziale Pflegeversicherung versteht sich lediglich als Unterstützung familiärer und nachbarschaftlicher Hilfen.” Der Mensch sei inzwischen durchaus bereit, sich bewusst mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, aber nicht mit der möglichen Situation einer über viele Jahre andauernden Pflegebedürftigkeit oder Demenzerkrankung.

Kruse fordert eine Neupositionierung der Medizin, die den Fächern Geriatrie und Gerontopsychiatrie einen deutlich größeren Raum zuordnen müsse. Soziale Unterschiede und die Sorgen vor einer „Zwei-Klassen-Pflege” ignoriert er nicht: „Noch sehe ich in Deutschland keine Rationierung, aber wir gehen davon aus, dass die soziale Ungleichheit im Alter in Zukunft deutlich zunehmen wird, woraus langfristig eine Zwei-Klassen-Pflege entstehen kann.”

1. Pflegekongress in der Städteregion Aachen, Sonntag, 26. April, ab 11 Uhr, Eurogress Aachen, Berlin-Saal, Monheimsallee. Der Eintritt ist frei. Eröffnung durch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. 11.15 bis 12.30 Uhr: Podiumsdiskussion „Zukunft der Pflege”. 13 bis 15 Uhr: Bürgerforum zu Pflege und Beratung in der Städteregion Aachen. Experten sowie Vertreter der ausstellenden Dienstleiter geben Rat, Tipps und Auskunft. Fragen sind erwünscht.
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