Aachen - Alarm im Ohr: Brummen, Schwindel, Hörverlust

Alarm im Ohr: Brummen, Schwindel, Hörverlust

Von: Sabine Rother
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Riesig als Modell, winzig beim Menschen: Das menschliche Ohr - hier als Objekt im Hygienemuseum Dresden - ist ein höchst kompliziertes Organ mit sehr kleinen „Bauteilen” und haarfeinen Gefäßen, die von bildgebenden Verfahren kaum erfasst werden: „Hörsturz” ist das Thema beim nächsten AZ-Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen. Fünf Experten sprechen über Möglichkeiten und Chancen bei Diagnostik und Therapie. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die Attacke kommt plötzlich, dumpf, irritierend, und wen es trifft, der ist erschrocken, panisch: Ein aufdringliches Brummen im Ohr, das Hören wird schwierig, ist verzerrt, versagt oder produziert ein Echo, zusätzlich weckt ein Schwindelgefühl Unwohlsein: Der „Hörsturz” ist eine Erkrankung, die jeden treffen kann, ob jung oder alt.

Und selbst die Beschwerden sind sehr individuelle - mal ist das Gleichgewicht gestört, dann wieder wird ein Ohr völlig taub oder der gefürchtete Tinnitus, ein beständiges Ohrgeräusch, stellt sich ein, das aber häufig mit der Behandlung auch wieder verschwindet: „Hörsturz” lautet das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 7. Juli, 18 Uhr, im Großen Hörsaal 4 (GH4) des Universitätskrankenhauses (Pauwelsstraße).

Zum brisanten Thema geben Rat und Auskunft Professor Dr. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie (Universitätsklinikum), Professor Dr. Jürgen Alberty, niedergelassener Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Aachen, Dr. Hans Michael Wellmer, Oberarzt in der Tagesklinik für psychosomatische Rehabilitation in Aachen, Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie, Dr. Alfred Nachtsheim, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Aachen, sowie Dr. Hans-Joachim Kreß, Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie im Marienhospital Aachen.

Der „Hörsturz”, die akute Hörminderung oder plötzliche Ertaubung ist ein Phänomen, das schon frühzeitig dokumentiert wurde. Tragisch verlief die Erkrankung nach einer Kaskade von Hörstürzen beim Komponisten Ludwig van Beethoven („Ich bringe mein Leben elend zu...), und selbst in unseren Zeiten modernster Forschung hat man die genaue Ursache der Minderdurchblutung, die häufig auch als „Infarkt im Innenohr” bezeichnet wird, noch nicht ermitteln können, wobei psychische Belastungen, Stress und Aufregung wiederkehrende Faktoren sind. Fest steht, dass ein Hörsturz mit und ohne Tinnitus auftreten kann, dass sich aber auch umgekehrt ein Tinnitus mit und ohne Hörminderung einstellen kann.

Statt Notfall ein Eilfall

„Es handelt sich beim Hörsturz nicht um einen Notfall, aber es ist ein therapeutischer Eilfall, der ernst genommen werden muss”, betont der HNO-Arzt Jürgen Alberty. Durchblutungsfördernde Substanzen gehören zur üblichen Therapie, auch Kortison ist im Einsatz. „Wissenschaftlich erwiesen ist die Wirkung nicht”, gibt der Facharzt zu, der weiß: „Den klassischen Hörsturz-Patienten gibt es nicht, es kann jeden treffen, sogar schon Jugendliche.” Was man vermutet, sind Probleme in den kleinsten Gefäßen.

Trotz aufwändiger Diagnostik am Ohr mit feinsten Messungen und gutem diagnostischem Gerät zum Blick ins Ohr: „Diese Gefäße des Körpers sind so winzig, dass es noch keine Methode gibt, sie wirklich zu untersuchen oder darzustellen.” Die Auslöser der Attacke sind zwar noch immer unklar, dennoch gibt es in manchen Fällen Verbindungen zu Grunderkrankungen. „Eine Infektion kann vorliegen, es kann aber auch im Bereich der Halswirbelsäule und im Kiefergelenk eine Störung sein”, so Alfred Nachtsheim aus Erfahrung.

„Borreliose und auch Allergien können den Hörsturz bewirken.” Schon die Bakterien, die bei einer Mittelohrentzündung auftreten, oder Viren bei Masern und Mumps sind potentielle Gründe. Selbst im Hinblick auf die Multiple Sklerose ist das Ereignis nicht ohne Bedeutung. „Man darf keine Panik machen, aber ein Hörsturz kann auf MS hindeuten”, sagt Nachtsheim. Auch er bestätigt: „Die Gefäße im Innenohr sind dünner als ein Haar, sie entziehen sich meist jeder Diagnostik.” Per Hirnstammaudiometrie erlangt man zum Beispiel Auskunft über mögliche Ursachen einer Schädigung des Hör- und Gleichgewichtsnervs, also in der Region vom Innenohr bis zum Hirnstamm. „Beim Hörsturz kann ja auch Schwindel auftreten, der hier verursacht wird.”

„70 Prozent Heilung”

Dabei ist er im Blick auf seine Patienten recht optimistisch: „Je früher man etwas unternimmt, um so besser. Bei 70 Prozent der Patienten gehen die Beschwerden wieder weg.” Die Tatsache, dass selbst Allergien eine Auslöserfunktion einnehmen, kann er erklären: „Heuschnupfen und Schimmelpilze, lösen Schwellungen aus, die wiederum die Durchblutung behindern.” Und Kortison? „Kurzfristig muss man sich wegen der Nebenwirkungen prinzipiell keine Sorgen machen, aber bei Bluthochdruck und bei Diabetikern sollte es schon straff überwacht werden.”

Den Faktor Stress sieht er durchaus unter den Auslösern. „Gestresste Menschen knirschen oft mit den Zähnen, was wiederum dem Kiefergelenk schadet”, erklärt Nachtsheim. Vor unseriösen Behandlungsangeboten mit „Wunderwirkung” wart Martin Westhofen. „Sauerstoffdruckkammer und Überdrucktherapie bewirken nichts.” Diskussionen der Bundesärztekammer, die formuliert, dass Mittel zur Durchblutungsförderung „keine Evidenz” haben, verfolgt er kritisch.

In der von Ursachen gesteuerten Therapie kennt er zudem auch operative Verfahren, etwa bei der diagnostizierten Störung des Innendrucks. Selbst einen „genetischen Code” schließt er nicht aus. „Es gibt Familien, in denen der Hörsturz häufig auftritt.” Dennoch: Entspannung ist wichtig: In der Vielzahl der Verfahren entscheiden sich Hörsturz-Patienten häufig für die „Progressive Muskelrelaxation” (PMR) nach Jacobsen.

„Man lernt dabei, sich auf andere Dinge zu konzentrieren”, erläutert Hans-Joachim Kreß die Übungen, bei denen das An- und Entspannen gewisser Muskelpartien dafür sorgt, dass, so Kreß, der „Fokus fortgenommen wird”, das Ohr nicht mehr im Mittelpunkt steht. „Man entwickelt eine neue Gelassenheit, aber die Entspannung nach Jacobsen gehört zur Prävention eines weiteren Hörsturzes.” Muskelgruppen (etwa im Kopf- und Halsbereich) können sogar ausgespart werden. „Begleitung und der Austausch in einer Gruppe mit Menschen, die unterschiedliche Probleme haben, sind wichtig”, meint Kreß. „Wir haben alle unsere eigene, individuelle Alarmglocke...”

Gibt es den „Typ Hörsturz”? Aus ärztlicher Sicht eher nicht - aber: „Es fällt schon auf, das Betroffene ganz besonders verantwortungsbewusst sind, dass sie großes Pflichtgefühl haben und sich mit ihrer Arbeit stark identifizieren”, hat Dr. Michael Wellmer beobachtet. „Oft sperrt sich ein Patient gerade deshalb dagegen, vom Arzt krankgeschrieben zu werden. Die Begleitung durch einen Psychosomatiker könnte etwa darin bestehen „Genuss neu zu erlernen” und zudem eine Depression abzuwenden, eine Verzweiflung, die manchmal nach dem Hörsturz eintritt.

Selbst wenn die konkreten Ursachen für den Hörsturz nicht erwiesen sind: „Eine Überdosis Aspirin kann die Erscheinungen auslösen”, so Westhofen. Und der permanente „Knopf im Ohr” des Walkmans oder MP3-Players wird von HNO-Ärzten nicht gern gesehen: „Beruflich dürfen 85 Dezibel nicht überschritten werden, hier beschallen sich die Menschen oft permanent mit 120 Dezibel!”

Mehr Informationen beim Forum Medizin, der Eintritt ist frei, Fragen sind erwünscht.
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