Ärzte wollen häufiger Musik verschreiben

Von: Christof Bock, dpa
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Münster. Einfach einmal Johann Sebastian Bach statt einer Spritze verschreiben: Ärzte wollen die heilsame Wirkung von Musik häufiger therapeutisch einsetzen. Bislang komme Singen und Musizieren vor allem nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zum Einsatz, berichteten am Montag in Münster Initiatoren des Projekts „Musik und Medizin”, darunter die Ärztekammer Westfalen-Lippe.

Ärzte könnten aber auf Jahrtausende altes Wissen zurückgreifen, um das Gehirn und damit den ganzen Körper mit Rhythmik und Melodie zu beeinflussen, sagte der Neurophysiologe Prof. Erwin-Josef Speckmann. „Es gibt eine Gruppe von Medikamenten mit der Aufschrift "Musik"”.

Schnelle Rhythmen seien zum Beispiel hilfreich bei niedrigem Blutdruck, erläuterte Speckmann. Diese sogenannte Hypotonie sei mit der klassischen Medikamentenmedizin nur schwer zu behandeln. Musik könne da viel besser helfen. Denn: „Das Gehirn bestimmt, wie hoch der Blutdruck ist”, wie der der Neuromediziner betonte. Auch bei anderen chronischen Krankheiten sei der Effekt von Gesang und Noten spürbar.

„Es ist nicht so, dass wir sagen: "Macht Musik und alles ist gut"”, betonte Kammerpräsident Theodor Windhorst. In den Wartezimmern und Operationssälen sei jetzt auch keinesfalls eine nervige Dauer- Berieselung wie im Supermarkt geplant. „Aber wir müssen mehr Musik in unseren Alltag bringen.”

Die Wirkung auf die Neuro-Transmitter gehöre bereits zum Lehrstoff, werde aber viel zu sehr vernachlässigt. „Wir haben bisher keine Fachrichtung, die auf die Balance der Seele zielt außer Psychiatrie und Psychotherapie”, so Windhorst. Als Startschuss ist ein medizinisch-musikalischer Kongress am 20. August in Münster geplant. Die Ärzte erhoffen sich regen Zulauf auch von Patienten.

Jürgen Bleibel, ein gefragter Jazzpianist, gehört auch zu der Initiative. Sein Rezept: „Um den Blutdruck zu senken, würde ich die Brandenburgischen Konzerte von Bach oder Mozarts Klavierkonzerte empfehlen.” Die klassischen Künste Musik und Medizin seien im griechischen Altertum noch verbunden gewesen. Seit zehn Jahren werde das Therapeutikum Musik etwa bei Demenzpatienten wiederentdeckt.

Für Bleibel ist das erst der Anfang: „Es geht darum, ein Gleichgewicht herzustellen. Das Ziel ist, dass die Menschen gar nicht erst krank werden. Wer täglich singt, hat ein stärkeres Selbstvertrauen und bleibt eher gesund.” Branchengrößen schwören drauf. Als Jazzlegende Paul Kuhn einmal nach einer schweren Herzoperation entlassen wurde, war sein erstes tapferes Statement: „Musik ist die beste Medizin.”
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