Wechseln statt Draufzahlen: Richtig auf Strompreiserhöhung reagieren

Von: Felix Rehwald, dpa
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Hamburg. Viele Kunden haben schon lange das Gefühl, beim Strom draufzuzahlen - egal wie sie mit der Energie haushalten. Ihr Gefühl trügt sie nicht, belegen Statistiken von Marktbeobachtern. Seit dem Jahr 2000 ist Strom immer teurer geworden - auch in diesem Sommer wird erhöht.

Verbraucher kennen die Nummer zur Genüge: Irgendwann schickt der Energieversorger, von dem sie ihren Strom beziehen, die Ankündigung, dass ihr Tarif um soundsoviel Euro teurer wird. Wenn nicht in diesem, dann kommt die Preiserhöhung im nächsten Jahr. Hinnehmen sollten Verbraucher Preiserhöhungen nicht. Denn es gibt auch noch günstige Anbieter, zu denen sich ein Wechsel lohnt.

Von den rund 900 Stromanbietern in Deutschland hätten seit Januar 2010 bereits mehr als die Hälfte, nämlich 467 Firmen, die Preise erhöht, sagt Dagmar Ginzel vom Verbraucherportal Verivox. Dabei stiegen die Tarife um durchschnittlich 5,9 Prozent.

Allein im Juli erhöhten laut der Verivox-Statistik 32 Anbieter ihre Preise um durchschnittlich 5,9 Prozent. 13 weitere Unternehmen wollen im August mit Preiserhöhungen um durchschnittlich 7,1 Prozent nachziehen. Darunter ist dann auch der zweitgrößte deutsche Energieversorger RWE, der zum 1. August seine Strompreise um 7,3 Prozent in der Grundversorgung nach oben schrauben will. Knapp zwei Millionen Stromverbraucher sind allein von dieser Preiserhöhung betroffen.

Und ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. „Wir gehen nicht von sinkenden Strompreisen aus”, betont Verivox-Sprecherin Ginzel. Seit dem Jahr 2000 seien die Preise für Verbraucher kontinuierlich gestiegen.

Hintergrund sei die Erhöhung der Quoten im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es schreibt bestimmte Strommengen vor, die aus regenerativen Energiequellen zu erzeugen sind. Vergütet werden sie von den Energieversorgern.

Auch RWE begründet seine Preiserhöhung mit der Ökostromförderung sowie mit gestiegenen Beschaffungskosten: Die Umlage sei zu Jahresbeginn um 55 Prozent gestiegen und werde nun an die Kunden weitergegeben. Hinzu kommen laut Verivox gestiegene Netznutzungsentgelte.

Die derzeit diskutierte Brennelementesteuer im Zusammenhang mit der von der Bundesregierung beabsichtigten Verlängerung der Kernkraftwerklaufzeiten hat laut dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) jedoch keinen Einfluss auf den steigenden Strompreis. 2,3 Milliarden Euro jährlich will der Bund mit der Abgabe den Atomkonzernen abknöpfen.

Die neue Steuer spiele bei der Strompreisbildung keine Rolle, erläutert vzbv-Energiereferent Thorsten Kasper. Der Preis entstehe an der Strombörse, und hier gelte: „Das teuerste Kraftwerk bestimmt den Preis.” Kernkraftwerke sind nun gerade nicht die teuersten Kraftwerke. Denn sie produzieren noch weitaus günstiger Strom als etwa Kohle-, Gas- oder Windkraftwerke.

Zu welchen Konditionen die Energieversorger an der Strombörse oder direkt bei den Kraftwerken ihren Strom ordern, bestimmt letztlich die Preispolitik der Unternehmen gegenüber ihren Kunden. So kann es durchaus sein, dass ein Stromversorger entgegen dem allgemeinen Trend seine Tarife senkt, weil er selbst besonders günstig eingekauft hat. Die Einstellung unattraktiver Tarife sowie lokalpolitische Gründe könnten weitere Ursachen für eine Strompreissenkung sein, so Ginzel.

Laut der Verivox-Statistik haben seit Januar immerhin 129 von 900 Versorgern die Preise gesenkt - um durchschnittlich 4,5 Prozent. Im Juli waren es 15 mit einer Preissenkung von durchschnittlich 4 Prozent.

Wie stark Verbraucher von der unterschiedlichen Preisgestaltung profitieren können, zeigt eine Modellrechnung, die Verivox angestellt hat: Demnach beträgt die Ersparnis bei einem Wechsel vom Grundversorgungstarif zum günstigsten verfügbaren Angebot mit monatlichen Abschlägen für einen Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden durchschnittlich 220 Euro.

Es kann also nicht schaden, sich nach Alternativen umzuschauen, wenn eine Preiserhöhung ins Haus flattert. Laut Thorsten Kasper vom vzbv haben Verbraucher, die in der Grundversorgung sind, in diesem Fall ein Sonderkündigungsrecht: Innerhalb eines Monats nach der Ankündigung können sie zu einem anderen Anbieter wechseln. Versorger müssen ihren Kunden Preiserhöhungen sechs Wochen vorher mitteilen.

Anders sieht es rechtlich aus, wenn Verbraucher mit ihrem lokalen oder einem anderen Versorger einen Sondertarif vereinbart haben. „Da gilt das Vertragsrecht”, erläutert der Energiereferent. Verbraucher sollten dann in ihrem Vertrag nachschauen, was dort für den Fall einer Preiserhöhung geregelt ist.

So sind laut Kasper in Sonderverträgen vertragliche Kündigungsrechte möglich, die mit dem gesetzlichen Sonderkündigungsrecht in der Grundversorgung identisch sind. Es können aber auch kürzere Kündigungsfristen festgelegt sein - oder es ist gar nichts geregelt. Dann wird es für Verbraucher schwierig, vorab aus ihrem Vertrag auszusteigen.

Dagmar Ginzel empfiehlt Wechselwilligen, einen Vergleich anzustellen, bei dem der Verbrauch aus der letzten Stromrechnung sowie der Wohnort zugrunde zu legen sind. Denn nicht jeder Versorger beliefert jede Region. Hilfreich sind Vergleichsportale, bei denen sich per Mausklick Alternativen zum Stromversorger finden lassen.

Das Vergleichsportal Check24 rät, darauf zu achten, dass die Vertragslaufzeit nicht zwölf Monate übersteigt. Dadurch könnten Verbraucher flexibler auf Veränderungen im Strommarkt reagieren. Zu empfehlen sei auch eine „Preisgarantie”, die mindestens der Vertragslaufzeit entsprechen sollte.

Vzbv-Referent Kasper rät, auf eine Regelung der Kündigungsfristen zu achten. Auch ein Blick auf die Zahlungsmodalitäten kann nicht schaden: So bestehen manche Versorger auf Vorauskasse für ein Jahr, um günstige Tarife anbieten zu können. Hier müssen Verbraucher entscheiden, ob sie sich darauf einlassen. Auch die Frage nach Öko- oder Atomstrom muss jeder für sich beantworten.

Ist ein günstigerer Anbieter gefunden, ist der Wechsel selbst schnell beantragt. Bei vielen Versorgern können Verbraucher laut Check24 die entsprechenden Antragsformulare herunterladen oder online ausfüllen. Wichtig ist es, den Zählerstand parat zu haben. „Alles Weitere übernimmt üblicherweise der neue Anbieter”, heißt es. Er kündigt den Vertrag mit dem alten Versorger, meldet den Verbraucher beim Netzbetreiber um und leitet die Belieferung in die Wege.

Von der Umstellung selbst bekommen Verbraucher nichts mit. Technische Änderungen etwa am Zähler sind nicht nötig. „Strom ist ein standardisiertes Produkt, bei dem es außer in der Herstellung keine Qualitätsunterschiede gibt”, erläutert das Vergleichsportal. Im besten Fall merken Verbraucher die Umstellung allerdings bei der nächsten Stromabrechnung - wenn diese deutlich niedriger ausfällt.
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