Hamburg/Berlin - Über- oder unterversichert: Für Vorsorge gibt es kein Patentrezept

Über- oder unterversichert: Für Vorsorge gibt es kein Patentrezept

Von: Anne Gottschalk und Thorsten Wiese, dpa
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Police über Police: Über sein Risikoprofil kann nur jeder selbst entscheiden. Foto: dpa

Hamburg/Berlin. „Geldfresser aussortieren”, „Hunderte von Euro sparen”: Mit solchen Worten werben Verbraucherschützer und -organisationen immer wieder dafür, dass Versicherte ihren Policenordner prüfen sollten.

Gerade zum Ende des Jahres laufen viele Verträge aus, denn häufig - wie bei der Kfz-Versicherung - endet das Versicherungsjahr mit dem Kalenderjahr. Oft werden auch konkrete Sparpotenziale in Euro und Cent beziffert. Kündigen und sparen - so leicht ist es aber nicht.

Der Bund der Versicherten (BdV) in Henstedt-Ulzburg bei Hamburg zum Beispiel schätzt, dass die Deutschen etwa 400 Euro pro Jahr sparen könnten, wenn sie ihre Versicherungspolicen überprüften und gegebenenfalls andere abschließen. Die Versicherer zweifeln diese Zahl an: Ihnen zufolge haben die Deutschen Nachholbedarf bei der Altersvorsorge und sollten sich eher noch stärker absichern.

Die Wahrheit liege - wie so oft - in der Mitte, sagt Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Jeder müsse seinen Bedarf individuell prüfen: „Ich könnte nie 400 Euro sparen.” Richtig sei aber, dass der Umfang der Leistungen und der Beitrag je nach Anbieter unterschiedlich sein kann. „Und der teuerste ist nicht immer der beste.”

Patentrezepte helfen also nicht weiter. „Sicherheit ist eine subjektive Frage”, auf diese Formel bringt es der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin. Dennoch kann es sich lohnen, die Zahlenspiele der Anbieter- und der Verbraucherseite nachzuvollziehen. Laut der Statistik des GDV gaben die Deutschen 2008 durchschnittlich 1780 Euro pro Kopf für ihren Versicherungsschutz aus.

Davon entfallen im Schnitt 820 Euro auf die Altersvorsorge etwa mit privaten Rentenversicherungen und kapitalbildenden Lebensversicherungen, 580 Euro auf den reinen Risikoschutz mit Haftpflicht-, Kfz-, Unfall-, Berufsunfähigkeits-, Hausrat- und Risikolebensversicherungen. Rund 370 Euro fließen in private Krankenversicherungen.

Eine Auswertung von Daten des Informationsdienstleisters Acxiom durch dpa-RegioData ergab, dass jeder Bundesbürger im Schnitt 1905 Euro pro Jahr für Versicherungen ausgibt. Wo die durchschnittlichen Einkommen höher sind - etwa in Hamburg oder Baden-Württemberg und Bayern -, liegt dieser Durchschnittswert sogar höher als 2000 Euro. Ein Grund dafür sei, dass in diesen Bundesländern auch höhere Vermögenswerte versichert werden.

Die Bedürfnisse sind also unterschiedlich. Aber bei den Beiträgen gebe es erhebliche Unterschiede, erläutert BdV-Referent Thorsten Rudnik - Sparpotenzial sei also häufig genug vorhanden. Allein bei den vom BdV empfohlenen Versicherungen ließen sich pro Kopf und Jahr 400 Euro einsparen. Und zum Grundschutz, den die Organisation empfiehlt, gehörten keine Handyversicherungen, kein Glasbruchschutz, keine Reisegepäckversicherung und kein Schutz gegen „häusliche Notfälle”.

Einen konkreten Beleg für die Summe von 400 Euro hat der BdV nicht. Die Zahl beruhe auf Schätzungen. „Für eine Haftpflichtversicherung kann man zwischen 70 und 200 Euro pro Jahr zahlen, für eine Hausratversicherung zwischen 150 und 300 Euro”, erläutert Rudnik. Selbst für eine Kfz-Versicherung mit Haftpflicht und Teilkasko schwanken die Beiträge einzelner Versicherungen um bis zu 100 Euro. Und diese Versicherungen seien so gut wie unverzichtbar.

Darüber hinaus sei eine Unfallversicherung sinnvoll, die auch Kinder einschließt. Vater oder Mutter sollten zudem eine Risiko-Lebensversicherung abschließen, die im Todesfall die Hinterbliebenen finanziell absichert. „Eine Hausratversicherung lohnt sich nur bei einer teuren Wohnungseinrichtung”, ergänzt Rudnik. Teure Spezialversicherungen seien oft unnötig. Der BdV zählt dazu unter anderem die Insassenunfallversicherung für das Auto.

Unter dem Strich fallen diese Policen finanziell kaum ins Gewicht, macht der GDV geltend: Eine Glasversicherung koste den Verbraucher durchschnittlich sechs Euro im Jahr. Die Insassen-Unfallversicherung schlage mit nur 1,60 Euro pro Jahr zu Buche. Die Versicherer weisen außerdem darauf hin, dass im Alter Leistungen fehlen, wenn an der privaten Altersvorsorge gespart wird. Sie verweisen auf die Faustregel, dass jeder zehn Prozent seines Jahreseinkommens für die Altersvorsorge zurücklegen sollte - mit etwa 800 Euro seien die meisten damit unterversichert.

Allerdings lässt sich auch mit anderen Produkten als solchen der Versicherer für das Alter vorsorgen. Verbraucherschützer raten zum Beispiel vom Sparen mit Kapitallebensversicherungen ab: Es sei unklar, wie viel Geld vom Beitrag in den Spartopf wandert, wenn gleichzeitig Teile in eine Risikovorsorge abgezweigt werden müssen. „Ich empfehle die kapitalbildende Lebensversicherung auch nicht grundsätzlich. Aber wenn der Arbeitgeber Zuschüsse oder den ganzen Beitrag zahlt: Warum soll ich dann auf das Geschenk verzichten?”, gibt Weidenbach zu bedenken. Es gebe für jede Versicherung eine Situation, in der sie sinnvoll sein kann. „Man muss auch dem Verbraucher seine Einschätzung der Lage lassen.”

Literatur: Ratgeber der Verbraucherzentralen, Richtig versichert - Wer braucht welche Versicherung?, ISBN: 978-3936350531, 12,90 Euro.
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