Waldems - Rüpel an der Leine: Aggressiven Hund schrittweise an Neues gewöhnen

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Rüpel an der Leine: Aggressiven Hund schrittweise an Neues gewöhnen

Von: Nicola Menke, dpa
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Nicht nachgeben: Verhalten sich Hunde an der Leine rüpelig, brauchen sie eine strenge Führung. Foto: dpa

Waldems. Eigentlich ist er der liebste Hund auf Erden. Doch an der Leine wird er manchmal zum Rüpel: Er bellt, knurrt und zerrt mit voller Kraft, um sich loszureißen.

„Man spricht hier von Leinenaggression. Die meisten Hunde zeigen sie, wenn sie auf Artgenossen treffen, manche aber auch in Reaktion auf Fußgänger oder Fahrradfahrer oder wenn ein Auto vorbeifährt”, erklärt Katrin Voigt vom Berufsverband der Hundeerzieher und Verhaltensberater in Waldems bei Wiesbaden.

Auslöser des angriffslustigen Verhaltens ist selten ein aggressives Wesen. „Es kann unterschiedlich motiviert sein. Bei jungen Hunden, die immer frei laufen durften und mit der Geschlechtsreife an die Leine müssen, ist es etwa oft Frustration darüber, dass sie plötzlich so eingeschränkt sind”, erläutert Esther Würtz, Mitglied der Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie. Einige Rassen seien auch sehr energiegeladen. Blieben sie unausgelastet, artikuliere sich ihr Bewegungsdrang oft durch auffälliges Leinenverhalten.

Häufigste Gründe für das Gepöbel an der Leine sind aber Angst und Unsicherheit. Dass sie aufkommen, kann mit schlechten Erfahrungen zu tun haben, die der Hund gemacht hat - vielleicht kam es beim Treffen mit einem Artgenossen zu einer Beißerei. Eine weitere Ursache kann sein, dass er sich in einer ungewohnten Situation wiederfindet. „Beispielsweise trifft er auf Artgenossen und ist unsicher, weil er wenig Erfahrung mit ihnen hat”, sagt Würtz. Indem er bellt, knurrt und Imponiergehabe zeigt, versucht er, das Gegenüber fernzuhalten.

Unabhängig davon, woher das aggressive Verhalten rührt, bleibt die Frage, warum es sich bei vielen Hunden nur zeigt, wenn sie angeleint sind. „Sie können sich an der Leine einfach oft nicht so verhalten, wie es ihren Instinkten entspricht, sondern sind abhängig von den Entscheidungen ihres Besitzers”, erläutert Voigt. So hätten sie etwa keine Möglichkeit auszuweichen, wenn sie sich bedroht fühlen. „Und wenn sie auf Artgenossen treffen, können sie angeleint oft nicht so aufeinander zugehen, wie es aus Hundesicht höflich wäre.” Will heißen: nie direkt, sondern mit einem Bogen, um die Individualdistanz zu wahren.

„Freilaufende Hunde, die sich noch nicht kennen, bleiben oft auch erst einmal stehen oder legen sich hin, um sich zu taxieren”, erklärt Christine Holst vom Verband der Tierpsychologen und Tiertrainer. Anhand kleiner Details, wie der Körpersprache des anderen, entscheide der Hund dann, ob Spielen, Meiden oder Angriff angesagt sei. „Kann ein Hund die eigene Individualdistanz nicht bestimmen und fühlt sich bedroht, wird er, wenn er nicht fliehen kann, entweder Schutz hinter seinem Menschen suchen oder mit Aggression reagieren.”

Ist das leinenaggressive Verhalten einmal da, wird es schnell zur Regel. „Hunde lernen kontextbezogen: Wenn sich ihre Pöbelei bezahlt macht, da sie das gefürchtete Gegenüber fernhält, ist es wahrscheinlich, dass sie daran festhalten”, erläutert Voigt. Was jedoch nicht heißt, dass man das unschöne Verhalten nicht beeinflussen kann. „Letztlich hängt es ja vor allem auch von mir ab, wie mein Hund sich an der Leine benimmt”, erklärt Holst. So muss, wer sich beim Spaziergang unsicher fühlt, damit rechnen, dass sein Vierbeiner es merkt und sich das Gefühl auf ihn überträgt. „Der Hund braucht eine klare Führung. Er wird sich nur sicher fühlen, wenn man sich souverän verhält und signalisiert, Es ist alles in Ordnung, ich regele das für dich.”

Voraussetzung dafür ist, dass das Halter-Hund-Gespann die Grundsätze der Leinenführung beherrscht: „Idealerweise sollte man seinen Vierbeiner an der lockeren Leine führen und durch kleine Impulse leiten können, ohne Gezerre oder Zug am Halsband mit zu kurzer Leine”, erklärt Holst. Weiß man nicht wie, sollte man sich professionelle Unterstützung holen. Sonst stellt sich schnell ein Gefühl der Überforderung ein und man begegnet dem Verhalten an der Leine falsch. „Etwa durch lautstarkes Schimpfen oder Bestrafen. Das versetzt den Hund zusätzlich in Stress”, erklärt Würtz. Und da er situationsbezogen lerne, könne sich sein rüpelhaftes Verhalten noch verfestigen.

Will man, dass der Vierbeiner sich an der Leine benimmt, heißt es trainieren: Punkt eins ist eine verbesserte Leinenführung, Punkt zwei das Abgewöhnen des Fehlverhaltens. „Zum Beispiel durch Gegenkonditionierung, sprich indem man dem Hund eine alternative Verhaltensweise als Antwort auf den negativen Reiz beibringt”, erklärt Würtz. Eine Methode dazu sei, ihn vor Einsetzen der aggressiven Reaktion - wenn er das gefürchtete Gegenüber sieht, es aber noch weit entfernt ist - mit etwas Angenehmen zu beschäftigen, sei es dem Lieblingsspielzeug oder einem Leckerli. Oft wird der Negativreiz so zum Positivreiz.

Ebenfalls hilfreich kann es sein, Abbruchsignale zu trainieren und den Hund in kleinen Schritten an das Objekt seiner Leinenaggression heranzuführen: ihn etwa unter kontrollierten Bedingungen mit anderen Hunden konfrontieren. Generell gelte, dass der Halter vor jeder Übung der Ursache für die Verhaltensauffälligkeit auf den Grund gehen sollte. „Nur wenn man sie kennt, kann man ihr erfolgreich entgegenwirken”, sagt Holst.
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