Detmold/Rostock - Zum Familienurlaub in die Jugendherberge

Zum Familienurlaub in die Jugendherberge

Von: Andreas Heimann, dpa
Letzte Aktualisierung:
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Gemeinsam spielen, klettern und toben - viele Familien haben die Jugendherberge für ihren Urlaub entdeckt. Foto: dpa

Detmold/Rostock. Jugendherbergen hatten lange das Image, Schlafplätze für lärmende Schulklassen zu sein: Zimmer mit zehn Betten, Pfefferminztee zum Abendbrot, Dusche auf dem Flur, Licht aus um halb zehn. Urlaub hört sich anders an.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Neue Angebote locken nun vermehrt Familien. „Der Anteil steigt von Jahr zu Jahr”, sagt Knut Dinter, Sprecher des Deutschen Jugendherbergswerkes (DJH). Heute entfallen knapp ein Fünftel aller Übernachtungen auf Familien.

Nicht für jede Familie kommt das infrage, im Vergleich zur gehobeneren Hotellerie sind Abstriche beim Komfort unausweichlich: „Man hat oft wenig Platz für Koffer und die Kleidung, nur ein Spind, in den nicht viel reinpasst”, sagt Prof. Torsten Kirstges von der Jade-Hochschule Wilhelmshaven. „Und oft gibt es Doppelstock-, statt Doppelbetten, so dass die Eltern übereinander schlafen müssen.” Außerdem sei nur ein Teil der Zimmer mit WC und Dusche ausgestattet. „Das erwarten viele Urlauber heute aber.”

Dabei werden die Familien für die Jugendherbergen immer wichtiger, denn die Schülerzahlen sinken, und regelmäßige Klassenfahrten sind nicht mehr selbstverständlich. „Viele Jugendherbergen haben ihre Häuser saniert”, sagt DJH-Sprecher Dinter. Viele Zimmer, die voller Doppelstockbetten standen, wurden bereits entrümpelt. Vor allem aber haben die Jugendherbergen familiengerechte Angebote entwickelt, die den Aufenthalt interessant machen sollen: Es gibt Ausflüge in den Hochseilgarten oder zum eigenen Kletterfelsen, Geocaching, Segelkurse und Surfunterricht, Erlebnistage im Bayerischen Wald oder Kanutouren durch das Fränkische Seenland.

In einzelnen Bundesländern liege der Familienanteil inzwischen bei fast einem Drittel, sagt Dinter, in Rheinland-Pfalz etwa oder in Mecklenburg-Vorpommern. Das Bundesland mit der langen Ostseeküste hat 28 Jugendherbergen zu bieten, die 2011 rund 480.000 Übernachtungen zählten. „Oft Häuser in attraktiven Lagen”, sagt Tobias Woitendorf, Sprecher von Mecklenburg-Vorpommern Tourismus - „in Binz auf Rügen zum Beispiel.”

Ähnlich sei es in Zingst, Kühlungsborn oder Heringsdorf - und seit Juli vergangenen Jahres auch in Prora auf Rügen. Das macht sie für Familien attraktiv. „Was viele Familien neben der Lage interessiert, sind Preissicherheit und die Zwanglosigkeit, die Jugendherbergen bieten”, sagt Woitendorf.

Kerstin Krause leitet zusammen mit ihrem Mann Ronald seit 27 Jahren die Jugendherberge Waldkater in Thale im Ostharz. „Als wir angefangen haben, kamen vor allem Schüler und Studenten.” Nach der Wende brachen die Schülerzahlen ein. Heute ist Thale eine der Jugendherbergen mit ungewöhnlich hohem Familienanteil: „2011 waren es zum ersten Mal mehr Familien als Schulklassen.” Und der Trend setze sich fort. „Das ist wie ein Schneeballsystem”, sagt Krause. „Wenns einer Familie gefällt, erzählt sies zwei anderen weiter.”

Inzwischen sind in der Jugendherberge mit fast 200 Betten unter den Stammgästen etliche Familien. Die Krauses waren davon selbst überrascht. Aber es gibt gute Gründe: „Man kann das Auto hier ruhig stehen lassen und trotzdem viel unternehmen.” Es gibt ein „Bauspielhaus” mit Riesenrutsche und Kletterkegel, für Mountainbiker eine Downhillstrecke. Bei schlechtem Wetter geht es in die Therme. Vor allem aber können Familien Pauschalpakete mit kindgerechtem Programm buchen: Dazu gehört Kino genauso wie Minigolfspielen, ein Spieleabend oder eine Sagenwanderung mit einer „Hexe” als Führerin. Sogar eine eigene Kinderanimateurin hat die Jugendherberge.

Ursula Tempel ist seit 21 Jahren Herbergsleiterin in Wyk auf der Nordseeinsel Föhr. Seitdem hat sich vieles verändert. „Früher hatten Jugendherbergen das Image, nur für die jungen Leute da zu sein.” In den vergangenen Jahren habe der Familienanteil angezogen - auf inzwischen 20 Prozent. „Das ist ein stabiler Trend”, sagt Tempel. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Manche Familien hätten die Jugendherbergen wegen des guten Preis-Leistungsverhältnisses für sich entdeckt. Auf Föhr kostet die Übernachtung mit Verpflegung 26 Euro pro Person. Bei anderen zähle vor allem, dass Kinder leicht Anschluss finden.

Die Nachfrage für den Urlaub in der zertifizierten Familien-Jugendherberge mit 162 Betten ist groß: „Für den folgenden Sommer kann man ab September buchen”, erklärt Tempel. „Die zehn Zimmer mit Dusche und WC sind dann meist sofort vergeben.” Wer sicher sein möchte, eins abzubekommen, muss sich den Termin also merken - und kann dann online buchen unter www.jugendherberge.de. Das Reservierungssystem des DJH bietet den Überblick, ob noch etwas frei ist - eventuell in anderen Jugendherbergen der Umgebung. „Oder man muss spontan nachfragen”, rät Tempel.

Auch in der Umwelt-Jugendherberge Grumbach im sächsischen Erzgebirge ist der Anteil der Familien kontinuierlich gestiegen: „Viele kamen früher nur für ein verlängertes Wochenende”, erzählt Herbergsleiterin Sabine Schuricht. Mittlerweile bleiben manche im Sommer sogar gleich für 14 Tage. Die Gäste wohnen in einer denkmalgeschützten ehemaligen Mühle, die in diesem Jahr 200 Jahre alt wird. Auf die neue Zielgruppe wird in vieler Hinsicht Rücksicht genommen: „Es gibt eine Spielecke, Kinderbetten, Windeleimer und Babyphon”, zählt Schuricht auf. Und für die etwas älteren Kinder Programme, die sich um Naturerleben und Umweltlernen drehen.

Ganz neu ist das Pauschalpaket „Der Ruf der Brennnessel”, das im April zum ersten Mal im Angebot ist. Auf Bergwiesen sammeln Kinder und Eltern Wildkräuter und bereiten daraus Salat zu, schauen sich im Kräutergarten um, lernen Kräuteressig und -öl selbst herzustellen. Und wenn die Kinder von all dem Freunden oder Oma und Opa schreiben möchten, lernen sie „Papier” aus Brennnesseln herzustellen und daraus eine Postkarte zu basteln. Falls sie sie an eine befreundete Familie schicken, hat Sabine Schuricht vielleicht schon bald neue Gäste.
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