Wie aus kleinen Helden echte Kerle werden: Männliche Bezugsperson sorgt für Balance

Von: Maria Hilt, ddp
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Junge/Vater/Erziehung/Hausaufgaben
Eltern sollten nicht mehr als nötig tätig werden, wenn es um Hausaufgaben geht. Foto: ddp

Bargteheide/Hannover. Jungen sind die neuen Sorgenkinder. Waren es früher die Mädchen, die in vielen Bereichen benachteiligt waren und besondere Förderung brauchten, gelten heute eher die Jungs als das „schwache Geschlecht”. Dabei sind Jungen heute nicht unbedingt anders als früher. „Der Erziehungsstil ist es, der sich gewandelt hat.

Heute sind in Kindergarten und Schule Werte wie Frieden, Harmonie, Ruhe und Sanftheit wichtig”, sagt der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann aus Hannover. In dieser sehr weiblich geprägte Pädagogik hätten primär männliche Interessen wie Toben, Balgen und Klettern keinen Platz: „Die Jungen haben in diesem Umfeld keine Möglichkeit, sich selber kennenzulernen.”

Oft sehnen sich Jungs daher nach männlichen Vorbildern im Alltag. „Der Vater stellt einen wichtigen Gegenpol zur Mutter dar. Er bringt oft eine andere, gelassene Sichtweise ins Spiel, die ebenso wichtig ist wie die Betrachtungsweise der Mutter”, erklärt der Familienberater Jan-Uwe Rogge aus Bargteheide bei Hamburg. Es sei daher wichtig, dem Vater Raum und Zeit in der Erziehung einzuräumen, damit er sich mit seinem Sohn beschäftigen kann. „Väter sollten mit ihren Söhnen eigene Rituale entwickeln, die die Bindung zwischen ihnen verstärken”, sagt Rogge. Fahrradtouren, Angelausflüge, aber auch die Gute-Nacht-Geschichte könnten feste Vater-Sohn-Aktivitäten sein.

„Auch wenn der Vater nicht als Bezugsperson zur Verfügung steht, kann man sich bemühen, einem Jungen einen anderen männlichen Gegenpart anzubieten”, sagt Wolfgang Bergmann. Es sei wichtig, dass auch alleinerziehende Mütter hier aktiv würden und sich auf die Suche nach Männern machten, die sich regelmäßig mit ihrem Sohn beschäftigten. Oft nähmen auch Großväter die männliche Vorbildrolle sehr gut ein. „Es ist wichtig, dass die Mütter ihre Söhne hier auch ein Stück loslassen”, sagt Bergmann.

Zudem sollten Eltern ihren Söhnen die Freiheit lassen, sich auszutoben und ihren Körper zu erproben. „Es ist wichtig, dass Jungen auch Jungen sein dürfen. Sie sollten beispielsweise raufen dürfen, ihre Hierarchien körperlich festlegen können”, sagt Bergmann. Durch dieses Kräftemessen entwickelten Jungen auch ein Feingefühl dafür, was ihnen und anderen weh tut, und wo sie ihren Aggressionen Grenzen setzen müssen. „Lässt man Jungs nicht die Möglichkeit, die Ordnung der Welt kennenzulernen, dann lernen sie auch nicht, achtsam mit sich und ihrer Umgebung umzugehen”, sagt Bergmann.

Bis ins Jugendalter hinken Jungs gleichaltrigen Mädchen in der Entwicklung oft hinterher. „Besonders in Bereichen wie Intellekt und Feinmotorik sind Jungen oft langsamer als Mädchen”, sagt Rogge. Er rät Eltern, die Besonderheiten der Entwicklung ihrer Söhne zu akzeptieren und deren Eigenarten schätzen zu lernen.

Auch Bergmann kritisiert, dass vor allem Mütter oft schon früh einen Leistungsgedanken in die Erziehung brächten, weil sie sich Sorgen um die Zukunft ihrer Söhne machen. Die Söhne bekämen den Eindruck vermittelt, sie müssten ein ganz tolles Kind sein, um geliebt zu werden. „Dieser Leistungsdruck macht die Jungs oft unruhig und unkonzentriert”, sagt Bergmann.

Er plädiert dafür, die Entwicklung der Jungen mit mehr Gelassenheit zu betrachten und sie nicht mit Förderkonzepten und pädagogischen Maßnahmen zu überhäufen. „Eltern sollten nicht ständig überlegen, ob ihr Sohn auf dem richtigen Entwicklungsstand ist”, sagt Bergmann: „Es ist viel wichtiger, dass man sich einfach über das Kind freut, und dass man es auch mal für seine schönen Sandburgen lobt.”

Weiterführende Literatur zum Thema Jungen
- Wolfgang Bergmann: „Kleine Jungs - große Not. Wie wir ihnen Halt geben”, Beltz, 2008, 12,90 Euro, ISBN: 978-3407228987
- Frank Beuster: „Die Jungenkatastrophe - Das überforderte Geschlecht”, Rowohlt, 2006, 8,95 Euro, ISBN: 978-3499619977 Steve Biddulph: „Jungen! Wie sie glücklich heranwachsen”, Heyne, 2009, 8,95 Euro, ISBN: 978-3453214958
- Arne Hoffmann: „Rettet unsere Söhne - Wie den Jungs die Zukunft verbaut wird und was wir dagegen tun können. Mit 10-Punkte-Sofortprogramm”, Pendo, 2009, 16,95 Euro, ISBN: 978-3866122277 - Bettina Mähler, Jan-Uwe Rogge: „Lauter starke Jungen - Ein Buch für Eltern”, Rowohlt, 2003, 9,90 Euro, ISBN: 978-3499615399 William F. Pollack: „Jungen - Was sie vermissen, was sie brauchen. Ein neues Bild der seelischen Entwicklung unserer Söhne”, Beltz, 2007, 16,90 Euro, ISBN: 978-3407228376
- Leonard Sax: „Jungs im Abseits - 5 Gründe, warum unsere Söhne immer unmotivierter und antriebsloser werden”, Mit einem Vorwort von Wolfgang Bergmann, Kösel, 2009, 17,95 Euro, ISBN: 978-3466308224 - Dieter Schnack, Rainer Neutzling: „Kleine Helden in Not - Jungen auf der Suche nach Männlichkeit”, Rowohlt, 2000, 8,95 Euro, ISBN: 978-3499609060
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