Hamburg/Wasserburg - Wenn Alkohol, Tabak und Medikamente zum Problem werden: Auch spätes Aufhören lohnt sich

Wenn Alkohol, Tabak und Medikamente zum Problem werden: Auch spätes Aufhören lohnt sich

Von: Maria da Silva, dapd
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Hamburg/Wasserburg. Früher gabs höchstens nach Feierabend noch ein Bier mit Kollegen - heute wird die erste Flasche schon vor dem Mittagessen geöffnet. Suchterkrankungen sind auch unter Senioren verbreitet.

Vor allem der übermäßige Konsum von Alkohol, Tabak oder Medikamenten ist bei Älteren ein Problem, berichtet Gabriele König, Leiterin des Suchttherapiezentrums Hamburg. Manche seien schon in jüngeren Jahren süchtig geworden und trügen diese Abhängigkeit mit sich ins Alter. „Bei anderen wird der Konsum erst im Alter problematisch”, sagt König.

Veränderungen der Lebensgewohnheiten, beispielsweise durch den Eintritt in den Ruhestand oder das Gefühl der Einsamkeit nach dem Verlust des Partners könnten die Auslöser sein oder dazu führen, dass der Konsum verstärkt wird. „Bei anderen führt die Mischung von Alkohol mit Medikamenten im Alter zu Problemen, oder sie vertragen einfach nicht mehr so viel wie in jungen Jahren”, sagt König.

Allerdings wird das Thema Drogenkonsum im Alter von Experten häufig vernachlässigt. „Lange Zeit hat man angenommen, Suchtprobleme legten sich im Alter von selbst - oder die Suchtkranken erreichten das Seniorenalter gar nicht”, sagt Dirk Wolter von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie in Wiehl. Darüber hinaus würde bei Älteren beispielsweise ein übermäßiger Alkoholkonsum oft übersehen.

„Die Leute gehen dann davon aus, der Betroffene sei einfach ein bisschen tattrig”, sagt der Experte aus dem bayerischen Wasserburg. Viele seien zudem der Ansicht, man sollte den Senioren doch „das bisschen Lebensqualität” lassen, das ihnen Zigaretten oder Alkohol vermeintlich bescheren.

Stürze, Atemnot, Depressionen

Dabei sorgt der Suchtmittelmissbrauch für erhebliche körperliche Einschränkungen. „Viele Raucher leiden unter extremen Atemwegsbeschwerden”, sagt Wolter. Auch das Schlaganfallrisiko steige durch den Tabakkonsum stark an. Häufige Stürze, Depressionen und eingeschränkte geistige Fähigkeiten seien oft Folgen von Alkohol- und Beruhigungsmittelkonsum.

Ebenfalls besonders kritisch und unter Senioren weit verbreitet sei der übermäßige und langfristige Konsum von starken Schmerzmitteln, die neben Verwirrtheit auch schwerwiegende körperliche Beschwerden auslösen könnten.

„Viele solcher Nebenwirkungen werden bei Senioren als normale Alterserscheinungen abgetan”, weiß Gabriele König. Dabei könnten viele Betroffene ihr Leben ohne die Suchtmittel wesentlich lebenswerter gestalten. Auch das Sozialleben verbessere sich häufig, wenn man seinen Suchtmittelkonsum einschränke. „Denn das Umfeld von Süchtigen zieht sich häufig mit der Zeit zurück”, sagt König.

Es lohne sich durchaus, auch nach jahrzehntelangem Konsum noch aufzuhören, da sich viele Symptome noch zurückbilden können. „Man weiß heute, dass es sogar bei bereits bestehendem Lungenkrebs eine Verbesserung bringen kann, wenn der Patient aufhört, zu rauchen”, bestätigt Dirk Wolter.

Das Thema in der Familie ansprechen

Gabriele König ermutigt Freunde und Familienmitglieder, betroffene Senioren offen auf die Problematik anzusprechen. „Oft ist das die einzige Möglichkeit, jemanden dazu zu bringen, dass er sein Konsumverhalten kritisch sieht”, sagt die Expertin. Mitunter müsse man auch unangenehme Tatsachen beim Namen nennen - beispielsweise, dass man die Enkel nicht mehr zur Oma lassen kann, weil diese in ihrem Rausch nicht gut auf sie aufpasst.

Wichtig sei, dass man ohne Vorwürfe an das Thema herangeht, sondern vielmehr betont, dass man sich Sorgen um die Gesundheit des Betroffenen macht - und dass es Hoffnung auf Besserung gibt. „Gut ist auch, wenn man anbietet, denjenigen zu einer Beratungsstelle zu begleiten”, sagt König. Vielen Senioren sei gar nicht klar, welche Hilfsmöglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen. „Ebenso wissen Angehörige oftmals nicht, dass Beratungsstellen auch für sie Angebote bereit halten”, sagt König.

Hinweise von anderen ernst nehmen

Ein deutlicher Hinweis auf eine Abhängigkeit sei das Gefühl, nicht mehr ohne das Suchtmittel auszukommen, erklärt Dirk Wolter. Auch ein generell zu häufiger, zu umfangreicher, zu lange andauernder oder unkontrollierbarer Konsum sei ein Alarmsignal. „Wenn man von anderen auf seinen Konsum angesprochen wird, sollte einem das außerdem zu denken geben”, sagt der Experte.

Aber auch, wer nicht süchtig ist, kann durch Rauschmittel Schaden nehmen: „Bei vielen Senioren bewegt sich der Konsum bereits im risikoreichen Bereich, so dass eine Reduzierung auf jeden Fall sinnvoll wäre”, sagt Gabriele König. Das Thema Sucht ist für Senioren besonders schambesetzt, weiß Dirk Wolter.

Bei Suchtberatungsstellen oder auch im Internet gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Unter Umständen kann man die eigenen Kinder oder andere Vertrauenspersonen um Hilfe bei der Suche nach Informationsmaterial bitten”, sagt der Experte. Habe man den Eindruck, ein Problem mit einem Suchtmittel zu haben, sollte man einen Arzt oder eine Suchtberatungsstelle aufsuchen, empfiehlt Wolter.

Grundsätzlich würden bei Senioren dieselben Therapien angewendet wie bei jüngeren Abhängigen. „Oft reicht schon eine strukturierte, schrittweise Verringerung”, sagt Wolter. Zugrundeliegende Probleme wie eine Angsterkrankung könnten in einer Psychotherapie bearbeitet werden.

Wichtig sei, dass man sich an einen Arzt wendet, bevor man mit einem Entzug oder einer Reduzierung beginnt. Mitunter könnten dabei nämlich gesundheitliche Komplikationen auftreten. „Bei Medikamenten ist es beispielsweise sehr wichtig, dass man sie nicht plötzlich ganz absetzt”, sagt Wolter. Auch bei einer Alkoholentwöhnung sei eine medizinische Betreuung unabdinglich, um bei Problemen einschreiten zu können.


Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Rauchentwöhnung: 01805/313131 (0,14 Euro/Min. aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 Euro/Min.)

Bundesweite Sucht- und DrogenHotline: 01805/313031 (0,14 Euro/Min. aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 Euro/Min.)

Telefonseelsorge: 0800/1110111 oder 0800/1110222 (kostenlos)

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