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„Wehr Dich!”: Kindertrainings sollen vor Gewalt schützen

Von: Barbara Laufer, dpa
Letzte Aktualisierung:

Stuttgart. Alle Eltern kennen die beklemmende Angst, dass ihr Kind Opfer von Gewalt werden könnte. Viele besorgte Mütter und Väter schicken ihren Nachwuchs deshalb zu einem Kindersicherheitstraining.

In solchen Kursen sollen die Kinder lernen, sich besser gegen gewalttätige Angriffe zur Wehr zu setzen. Vertreter von Kinderschutzorganisationen und der Polizei raten, sich vor der Auswahl eines Kurses sehr genau zu informieren und auf die Qualität der Angebote und Trainer zu achten.

„Es gibt die unterschiedlichsten Konzepte und viele verschiedene kommerzielle und auch andere Anbieter”, erläutert Birgit Horländer vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg in Stuttgart. Einige Kurse arbeiten bereits mit Kindergartenkindern, die meisten richten sich jedoch an die Altersgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen.

Je nach konzeptionellem Schwerpunkt lassen sich Selbstbehauptungs- oder Selbstverteidigungstrainings unterscheiden. In beiden Fällen lernen die Kinder, mögliche Gefahren zu erkennen und Stimme und Gesten bewusst einzusetzen, um Hilfe zu holen. In Gesprächen und Rollenspielen trainieren sie, wie sie sich in gefährlichen Situationen verhalten können. Selbstverteidigungstrainings vermitteln den Kindern zusätzlich körperliche Abwehrtechniken.

„Es geht bei den Selbstsicherheitstrainings aber nicht darum, Kindern vorzumachen, sie könnten sich gegen Erwachsene körperlich wehren”, betont Martina Huxoll, Gewalt-Fachberaterin beim Deutschen Kinderschutzbund in Nordrhein-Westfalen. „Eher darum zu trainieren, selbstsicher aufzutreten.” Dazu gehört es, Grenzen zu setzen, Bedürfnisse klar zu äußern und deutlich „Nein!” zu sagen. Außerdem müsse den Kindern klar gemacht werden: Die Verantwortung für Gewalt liegt immer bei dem Erwachsenen. Selbst wenn etwas passiert - Kinder tragen niemals die Schuld daran.

Einhellig weisen die Expertinnen auf eine zentrale Schwäche vieler Kurse und Programme hin. Sie konzentrierten sich auf das Bild eines fremden Täters, etwa den unbekannten Mann, der mit Schokolade lockt oder aus seinem Auto heraus nach dem Weg fragt. „Das ist ein totaler Ausnahmefall”, sagt Martina Huxoll, „wann lauert schon jemand im Gebüsch?” Nach wie vor kommen die meisten Fälle sexuellen Missbrauchs im Familien- und Bekanntenkreis vor. „Hier besteht eine viel größere Gefahr für Kinder als im öffentlichen Raum”, bekräftigt Horländer.

Der Entwicklungspsychologe Prof. Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin ist sich sicher: „Der Schlüssel zum Schutz von Kindern ist eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Kindern.” Kinder müssten erfahren, dass Mama und Papa sie nicht für dumm halten, wenn sie ihnen etwas Unangenehmes erzählen. Die Kurse können die sichere Bindung zwischen Kindern und Eltern fördern. Ebenso wichtig seien aber auch Trainings für Eltern sowie alle Angebote, die Familien insgesamt stärken.

Als problematisch beurteilt der Experte für frühkindliche Entwicklung die Gefahr einer Übersensibilisierung durch die Sicherheitsprogramme. „Die Kinder reagieren möglicherweise danach sehr misstrauisch. Vormals schöne Dinge - etwa mit Papa in der Badewanne sitzen - könnten plötzlich negativ bewertet werden.”

Ein schlecht konzipierter Kurs kann also nicht nur viel Geld kosten, sondern dem Kind im schlimmsten Fall schaden. „Neben vielen guten Präventionsprojekten gibt es natürlich auch einige "schwarze Schafe" unter den kommerziellen Anbietern, die auf einen Trend aufspringen, um Geld zu machen”, warnt Birgit Horländer.

Letztlich gibt es nach Ansicht der Experten keine hundertprozentige Sicherheit, dass dem eigenen Kind nichts passiert. „Diese Ängste müssen Eltern aushalten lernen. Vergleichbar der Situation im Verkehr - auch da kann es trotz aller Kurse und Aufklärung zu einem Unfall kommen”, sagt Prof. Scheithauer. Aber Eltern sollten sich immer vor Augen halten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit tatsächlich sei. „Die Fälle, in denen Kinder in ein Auto gezerrt oder aus der Straßenbahn verschleppt werden - also die Fremdtäterfälle - sind wirklich äußerst gering.”

Literatur: Ursula Fassbender u.a.: Starke Kinder wehren sich - Prävention gegen Gewalt: Das Kindersicherheitstraining, Kösel, ISBN: ISBN: 978-3-466-30645-9, 16,95 Euro.

(Internet: Der Deutsche Kinderschutzbund Nordrhein-Westfalen hat eine Checkliste zu Kindersicherheitstrainings zusammengestellt. Sie kann im Internet heruntergeladen werden unter www.kinderschutzbund-nrw.de, Stichwort „Aus dem Landesverband”, „Materialien”.)

INFO-KASTEN: Schwarze Schafe unter Anbietern erkennen

Der Kinderschutzbund, die Polizei und freie Träger haben Broschüren und Checklisten herausgegeben, die Eltern helfen, seriöse und sinnvolle Kindersicherheitstrainings zu beurteilen. Die Alarmglocken sollten demnach immer dann läuten, wenn realitätsnahe Rollenspiele - etwa gespielte Überfälle auf das Kind -, Erfolgsversprechen wie „Geld-zurück-Garantien” oder Crash-Kurse angeboten werden. Seriöse Kurse beziehen die Eltern mit ein, verfügen über pädagogisch und psychologisch erfahrene Trainer und sind eingebunden in ein Konzept zur Gewaltprävention oder Sexualerziehung.
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