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Warum leitende Angestellte nur äußerst selten in Teilzeit arbeiten

Von: Dirk Baas, epd
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Düsseldorf. Wer als Führungskraft in der Wirtschaft seine Arbeitszeit reduziert, riskiert einen Karriereknick. Besonders Frauen würden dann von Vorgesetzten kaltgestellt und unter ihrer Qualifikation eingesetzt, heißt es in einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf.

Folglich bleibt Leitungspersonal mit Teilzeitjob die große Ausnahme. Dabei sind sich die Experten einig: Von flexiblen Arbeitszeitmodellen profitieren Arbeitgeber und Beschäftigte.

„Karriere wird ab 20 Uhr gemacht”, wissen Manager. Und arbeiten meist auch so. Doch in den Vorstandsetagen „gibt es eine ganz starke Bewegung in eine andere Richtung”, sagt Stefan Becker (43), Geschäftsführer der Frankfurter „berufundfamilie gGmbH”. Immer mehr Männer nähmen Elternzeit und versuchten, ihrer Verantwortung für die Familie besser gerecht zu werden. Aber, so Becker: Teilzeitarbeit sei „in den Köpfen vieler Chefs noch immer ein Frauenthema”.

Die „berufundfamilie gGmbH”, eine Tochter der „Hertie-Stiftung”, berät seit zehn Jahren Firmen, die eine familienbewusste Personalpolitik umsetzen wollen. Laut Becker nimmt die Zahl der Unternehmen zu, die mehr Flexibilität zugunsten der Familie zuließen. Es gebe bereits „enorm viele Angebote, vom Job-Sharing bis zur Telearbeit zu Hause”.

Die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern erhielt 2001 einen juristischen Schub. Bundeserziehungsgeld- und Teilzeit- und Befristungsgesetz sichern erstmals einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit - allerdings nur, sofern keine betrieblichen Gründe dagegenstehen. Beschäftigten, und damit auch Leitungskräften, ist es möglich, ihre Arbeitszeit in der Elternzeit oder in weiteren Phasen der Kinderbetreuung zu reduzieren.

Kaum mehr als Theorie, urteilt Angelika Koch in ihrer Studie für das WSI. Nur zwei Prozent der Männer in leitenden Funktionen arbeiteten laut Mikrozensus 2004 in Teilzeit. Bei den Frauen waren es vierzehn Prozent, so die Professorin an der Universität Duisburg-Essen. Sie befragte zuletzt 20 Personalverantwortliche in fünf deutschen Großunternehmen, um zu erfahren, „warum Führungsposition und familienfreundliche Arbeitszeiten so selten zusammenkommen”.

Fazit: Die überwiegende Zahl der Personalchefs stehen der Teilzeitarbeit von Leitungskräften ablehnend gegenüber. Bis auf zwei Ausnahmen hat keiner der Befragten schon mal Führungspositionen mit reduzierter Arbeitszeit ausgeschrieben oder hat das in Zukunft vor.

„Führung findet immer statt”, wird Koch zufolge auf vielen Chefetagen als Kernargument gegen Teilzeitjobs vorgebracht. Die uneingeschränkte Verfügbarkeit leitender Angestellter sei zwingende Voraussetzung für die Übernahme von Leitungsposten. Sie kritisiert, dass nicht die Qualität der Arbeit die Karriere bestimmt, sondern das Arbeitszeitmodell.

Weil Vollzeitarbeit als unabdingbarer Standard gilt, wird der Aufstieg im Job zwangsläufig mit dem Verzicht auf Familie erkauft: Nur 32 Prozent der weiblichen Führungskräfte lebten 2004 mit Kindern zusammen.

Wie flexibel Manager in Teilzeit arbeiten können, ergründete die Deutsche Rentenversicherung Bund 2006 in einem Praxistest. 27 Führungskräfte loteten mit ihren Vorgesetzten mindestens sechs Monate lang aus, unter welchen Bedingungen reduzierte Arbeitszeiten und auch Heimarbeit möglich sind. Ergebnis: Die Mehrheit der Vorgesetzten gab am Projektende an, sich sogar vorstellen zu können, auch mit anderen Führungskräften flexible Arbeitszeiten zu vereinbaren.

2007 hat das von „berufundfamilie” gegründete „Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik” (FFP) erstmals die betriebswirtschaftlichen Effekte flexibler Arbeitszeitmodelle untersucht. Ergebnis: Die Motivation der Beschäftigten lag um 17 Prozent höher als in Betrieben, die wenig Rücksicht auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nehmen. Und: Die Fehlzeiten sanken um 13 Prozent.
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