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Von Tigermüttern und Kinderdompteuren: Reifung wichtiger als Disziplin

Von: Rolf Stegemann, epd
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Junge/Vater/Erziehung/Hausaufgaben 2
Dresserien oder reifen lassen? Mit dem neuen Buch der Drillverfechterin Amy Chua ist eine weitere Erziehungsdebatte aufgeflammt. Foto: dapd

Frankfurt. Sie flammt in regelmäßigen Abständen wieder auf: Die Debatte um Disziplin in der Erziehung. Aktueller Fall ist die „Tigermutter” und Drillverfechterin Amy Chua, die in den vergangenen Wochen für neuen Zündstoff gesorgt hat.

Amy Chua übertrifft alles bisher Dagewesene. Wo vermeintlich strenge Fachleute zu etwas mehr Konsequenz im Kinderzimmer raten, packt die US-Chinesin sämtliche Werkzeuge elterlicher Macht aus, setzt auf Strenge, Verbote und immer wieder auf Üben, Üben, Üben.

Vergessen sind gegen Amy Chua und ihre Thesen die Aufreger vergangener Jahre wie der Internatsleiter Bernhard Bueb mit seinem Buch „Lob der Disziplin” oder der Bonner Kinderpsychiater Michael Winterhoff, der mit seinem Werk „Warum unsere Kinder Tyrannen werden” Schlagzeilen machte. Ihnen gegenüber stehen Therapeuten und Pädagogen wie der Däne Jesper Juul oder der Hannoveraner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann, die die Kleinen lieber an der langen Leine führen wollen und auf die Kraft der Beziehung setzen.

Allen gemeinsam ist: Ihre Erziehungsratgeber, ihre Pro- und Contra-Bücher, werden ihnen druckfrisch aus den Händen gerissen, als stünde der elterliche Weltuntergang kurz bevor. Experten überrascht das nicht. Sie sprechen schon länger von einer Generation verunsicherter Eltern. Gut für die Verleger, weniger gut für die Kinder.

„In unserer Gesellschaft gibt es keine allgemeingültigen Regeln und Werte mehr”, sagt Werner Thole, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Eltern suchen deshalb nach Orientierung und Verlässlichkeit - und schaffen so einen Nährboden für alte Normen und neue Experimente.

Aber diese Suche könne ihnen kein Erziehungsratgeber abnehmen, ist sich der Professor an der Universität Kassel sicher. Vielmehr sollten sich Eltern im 21. Jahrhundert darauf einstellen, dass sie sich in Erziehungsfragen immer wieder neu entscheiden und über einen Werte- und Regel-Kanon verständigen müssen.

Auch Michael Winterhoff, selbst Auslöser einer Erziehungsdebatte, sieht eine große Verunsicherung. Eltern 2011 hätten kein Konzept, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen, beobachtet der Bonner Kinderpsychiater. Deshalb erlebten Erziehungsstile wie die der Tigermutter Amy Chua eine Wiedergeburt.

Es fehle die Intuition, aus einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung heraus das Richtige zu tun, sagt er. Und wie verbessern Eltern ihre Intuition? - Das erkläre er in seinem vierten Buch, das im kommenden Herbst erscheine, lächelt der mittlerweile zum Medienprofi gewordene Autor.

Neben der verbreiteten Unsicherheit sehen die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Gudrun Schuster und Andreas Renger viele Eltern unter einem großen Druck, alles richtig machen zu wollen und ihre Kinder auf den richtigen Weg in die Zukunft zu bringen. Da liege der Griff zu Ratgebern und damit zu vermeintlichen Autoritäten auf der Hand, sagt Renger, der seit mehr als 20 Jahren die städtische Beratungsstelle im rheinischen Niederkassel leitet.

Statt immer wieder neue Ratgeber zu konsultieren, sollten Eltern selber herausfinden, „was für sie richtig und was falsch ist”, urteilt Schuster. Mit Blick auf das Kind und mit allen Konsequenzen - den Mut zum Scheitern inklusive.

Auch Bergmann stellt das Kind und nicht ehrgeizige Elternziele in den Mittelpunkt und empfiehlt allen Ratsuchenden Jesus und die von ihm vorgelebte bedingungslose Liebe als Vorbild. Statt „Kids auf der Überholspur” zu erziehen, sollten Eltern von Jesus lernen: „Hört bloß auf, eure Kinder perfekt zu wollen.”

Letztendlich sei nicht die x-te Erziehungsdiskussion notwendig, sondern eine Reifung der Erwachsenen, ist sich Renger sicher: Mit Eltern, die sich der Auseinandersetzung, den Fragen und Problemen stellten, die mit ihren Kindern wüchsen. Mit gereiften Eltern, die in diesem Sinne ihre eigenen Ratgeber seien. Das wäre dann schlecht für die Verleger, aber gut für die Kinder.

Amy Chua, Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte, Nagel & Kimche, Zürich 2011, 256 S., 19,90 Euro Jesper Juul, Elterncoaching. Gelassen erziehen, Beltz Verlag Weinheim 2011, 272 S., 17,95 Euro.
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