Unterstützen statt Einmischen: Die Scheidung des Kindes respektieren

Von: Bettina Levecke, dpa
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Scheidung / Mutter / Tochter
Auch nach einer Scheidung wollen viele Eltern Kontakt zu ihrem Schwiegerkind halten: Dieser Wunsch sollte aber vorab mit dem eigenen Kind besprochen werden, damit es sich nicht verraten fühlt. Foto: dpa

Schmallenberg. Die Scheidung von Kind und Schwiegerkind belastet auch viele Eltern: Aus Fürsorge wird deshalb oft vermittelt und Position bezogen. Doch Eltern, die sich einmischen, können Kinder am wenigsten gebrauchen. Stattdessen sind Unterstützung im Alltag und Betreuung der Enkel gefragt.

Oft ahnen Eltern schon früh, dass in der Ehe ihres Kindes nicht mehr alles rund läuft. Doch wenn aus einer Vorahnung traurige Gewissheit wird, leidet nicht nur das getrennte Paar. Eine Scheidung macht auch Eltern und Schwiegereltern zu schaffen. Statt gut gemeinter Ratschläge brauchen erwachsene Kinder jetzt vor allem eines: Unterstützung.

Erst feiert man Verlobung und Hochzeit, Jahre später müssen Tränen getrocknet und Trost gespendet werden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wird in Deutschland rund jede zweite Ehe wieder geschieden. Allein 2008 traten über 190.000 Paare vor den Scheidungsrichter. „Es ist für viele nicht leicht, die Trennung und Scheidung von Kind und Schwiegerkind mitanzusehen”, sagt Klaus Fischer, Familientherapeut bei der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Schmallenberg (Nordrhein-Westfalen).

Schnell wird deshalb Stellung bezogen oder sich eingemischt: „In ihrer Verzweiflung und Trauer über die verfahrene Situation des Kindes neigen Eltern dazu, wieder in alte Rollenmuster zu fallen”, weiß Fischer aus vielen Beratungsgesprächen. Auch Thomas Gerling-Nörenberg, Sozialpädagoge und Familientherapeut in Münster, sagt, dass Eltern in Krisensituationen gerne wieder das Zepter in die Hand nehmen: „Eltern fühlen sich immer verantwortlich für das Glück ihrer Kinder, auch wenn diese schon längst erwachsen sind.”

Und so hagelt es gute Ratschläge, wird vermittelt und beraten: „Das kann aber böse nach hinten losgehen”, warnt Fischer. Wer sich ungefragt einmische, riskiere neue Streitpunkte. Doch noch mehr Stress können die ohnehin nervlich angeschlagenen Kinder nicht gebrauchen, sagt Ute Zander, Diplom-Psychologin in Hamburg: „Ratschläge und Vorwürfe bringen das Fass zum Überlaufen.”

Auch Eltern, die wütend reagieren, dem Kind Schuldzuweisungen machen und ihren Frust mit Beleidigungen ausdrücken, müssen sich nicht wundern, wenn vormals offene Türen nun zugeschlagen werden: „Wer gerade in der emotional sehr belastenden Phase einer Trennung steckt, wird sich Kritik von den eigenen Eltern nicht lange anhören”, sagt Zander.

„Eltern müssen die Entscheidung ihres Kindes zwar nicht verstehen, aber respektieren”, sagt Fischer und rät betroffenen Eltern, den Kindern stärkend zur Seite zu stehen. „Bieten Sie Ihre Hilfe an, fragen Sie, was Sie tun können.” Ob finanzielle Unterstützung, Hilfe im Haushalt oder bei der Betreuung der Enkelkinder: „In einer schwierigen Lebensphase ist konkrete Hilfe oft sehr entlastend.”

Besonders die Fürsorge für die betroffenen Enkelkinder sei eine wichtige Aufgabe. „Oma und Opa schenken Kindern wertvolle Sicherheit, wenn Mama und Papa getrennte Wege einschlagen”, sagt Gerling-Nörenberg. Wichtig sei es, gegenüber den Enkelkinder niemals Partei zu ergreifen: Wer vor den Kindern über den Schwiegersohn oder die Schwiegertochter lästert, bringe die Enkel in eine belastende Situation, warnt Fischer.

„Die Trennung von Kind und Schwiegerkind kann auch zu massiven Ängsten bei Eltern führen”, sagt Zander, „besonders im Hinblick auf das Alter.” Wenn das Familienleben sehr eng ist, man vielleicht zusammen wohnt oder auch konkrete Pläne für das Leben und die Pflege im Alter vereinbart hat, kann eine Scheidung zu Umbrüchen führen.

„Natürlich haben Senioren dann Angst, dass die Trennung auch ihr Leben verändert, sie vielleicht zurück- oder alleingelassen werden.” Wichtig sei es, über diese Befürchtungen zu sprechen: „Sagen Sie offen, wovor Sie Angst haben.” Dabei gelte es, ein wenig Geduld mitzubringen. „Geben Sie Ihrem Kind ein wenig Zeit, sein Leben wieder zu ordnen.”

Wer sehr unter der Scheidung leidet, sogar regelrecht trauert, sollte sich als Gesprächspartner eine unbeteiligte Person, zum Beispiel entfernte Verwandte oder Freunde suchen. „Das Gefühlswirrwarr ist dort besser aufgehoben als bei den betroffenen Kindern”, sagt Gerling-Nörenberg. Natürlich könne man sich auch mit den Kindern über die gegenseitigen Gefühle austauschen: „Allerdings sollten Eltern sehr genau auf die Signale der Kinder achten, ob es ihnen zu viel wird.”

Nach vielen Beziehungsjahren und entstandener Freundschaft möchten die meisten Eltern trotz Scheidung den Kontakt zum Schwiegerkind aufrecht erhalten. „Gerade wenn Enkelkinder da sind, ist das ein verständlicher und wichtiger Wunsch”, sagt Fischer. Bei stark zerstrittenen Paaren sollte dieser Wunsch aber vorab mit dem eigenen Kind besprochen werden. Das Kind könnte das Verhalten sonst missverstehen und sich verraten fühlen.

Allerdings müssten Eltern sich den Umgang mit dem Schwiegerkind nicht verbieten lassen. „Wenn das Verhältnis gut war und man sich mag, muss das Kind diesen Wunsch respektieren.” Wichtig dabei sei, dass Eltern nicht beginnen, private Details zwischen den Fronten auszuplaudern: „Werden Sie nicht zum Postboten, Überbringer persönlicher Nachrichten oder zum Spion”, warnt Fischer.


Großeltern als Fels in der Brandung

Eine Scheidung ist eine große Belastung für Paare, besonders wenn Kinder betroffen sind. „Großeltern können jetzt für alle Beteiligten zum stabilen Fels in der Brandung werden”, sagt die Psychologin Ute Zander. Bei den Eltern findet das trennungsgeplagte Kind eine Schulter zum Ausweinen und die Enkelkinder die bestärkende Sicherheit, dass die Familie weiterhin bestehen bleibt. „Großeltern, die jetzt Zuversicht und Stärke ausstrahlen, nehmen einer Scheidung zumindest etwas Schrecken.”

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