München/Berlin - Sexuelle Gewalt an Jungen: Eltern reden zu wenig darüber

Sexuelle Gewalt an Jungen: Eltern reden zu wenig darüber

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München/Berlin. Über sexuelle Belästigungen zu reden, ist für Jungs besonders schwer. „Das ist immer noch ein Tabuthema”, sagte Ulrike Tümmler-Wanger von der Beratungsstelle kibs in München, die sich speziell an männliche Opfer sexueller Gewalt richtet.

Viele davon fürchteten, von anderen nicht ernst genommen oder sogar ausgelacht zu werden. „Wer sich als Opfer bekennt, gilt als Memme. Bei Jungen gibt es aber immer noch das Bild: Der ist stark und kann sich immer verteidigen”, sagte Tümmler-Wanger anlässlich einer Tagung zum Thema Sexuelle Gewalt an Jungen in Berlin dem dpa-Themendienst.

Eltern dürften das Thema bei Jungen daher nicht vergessen, wenn es um die sexuelle Aufklärung ihrer Kinder geht, mahnte Tümmler-Wanger. Ein typischer Satz von Eltern sei: „Mit meiner Tochter hab ich ja darüber geredet, aber bei meinem Jungen habe ich da gar nicht dran gedacht.” Jungs hätten daher oft nicht gelernt, wann sie Nein sagen sollen, wenn ihnen eine Annäherung zu weit geht. „Da müssen Eltern einfach mal konkret werden und sagen: Wenn der Onkel Dir zu nahe kommt, musst Du Dir das nicht gefallen lassen.”

Bei Mädchen seien Ratschläge wie „Lass dich nicht von fremden Männern ansprechen” oder „Geh nicht allein durch dunkle Gassen” schon Standard für Eltern. Dadurch sei auch die Möglichkeit einer Vergewaltigung viel öfter ein Thema. Bei Jungs sei das so gut wie nie der Fall. „Vielen fehlen dadurch einfach die Worte, wenn sie zum Opfer sexueller Gewalt werden”, erläuterte Tümmler-Wanger.

Das passiert öfter, als viele denken: Nach einer in Berlin vorgestellten Studie aus dem Jahr 2004, für die 500 Berliner Jungen bis 15 Jahre interviewt wurden, hat jeder vierte Junge schon einmal sexuelle Belästigung erlebt, jeder zwölfte sexuelle Gewalt.

An eindeutigen Zeichen lassen sich solche Übergriffe aber nicht erkennen. „Ein klares Missbrauchssyndrom gibt es nicht”, sagte Tümmler-Wanger. Eltern könnten lediglich die Augen offen halten, wenn das Kind zum Beispiel einen sehr engen Kontakt zu seinem Fußballtrainer hat. „Und wenn das Kind sich plötzlich zurückzieht, sollten sie das nicht einfach auf die Pubertät schieben, sondern das Gespräch suchen.”

Zu direkte Vorstöße könnten dabei aber einschüchtern, gab Tümmler-Wanger zu bedenken. Besser sei ein vorsichtiger Einstieg - etwa so: „Sag mal, ist Dir eigentlich schon mal was Komisches passiert, zum Beispiel dass Dir jemand zu nahe gekommen ist?”

Mütter hätten es dabei unter Umständen leichter, das Eis zu brechen. „Oft ist es ja so, dass sich Jungen da, wo es um Gefühle geht, eher der Mutter zuwenden”, sagte Tümmler-Wanger. Pauschal lasse sich das aber nicht sagen. „Letztlich kommt es immer darauf an, wer den besseren Draht zum Kind hat.” Zudem sei der Vater oft auch ein Vorbild, wenn es um die eigene Männerrolle geht. Und um diese drehen sich auch einige Ängste betroffener Jungen: „Einige fragen sich zum Beispiel: Werde ich jetzt schwul?”, erläuterte Tümmler-Wanger. Denn in den meisten Fällen würden Jungen von Männern missbraucht.

Männergespräche seien bei diesem Thema aber nicht automatisch leichter zu führen, im Gegenteil: In einer Jungenrunde trauten sich die wenigsten Opfer, sich den anderen anzuvertrauen. Eher suchten sie Beistand in einem Gespräch unter vier Augen mit dem besten Freund.
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