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Selbstbewusstsein lässt sich trainieren

Von: dapd
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Hamburg/Trier. Vor dem ersten Arbeitstag in der neuen Abteilung hatte Sophie nächtelang nicht geschlafen. Als sie schließlich im neuen Büro steht, bekommt sie kein Wort heraus.

Eine Kollegin stellte ihr ihre Mitstreiter vor und erklärt ihr die Abläufe - doch Sophie bekommt davon nur Bruchstücke mit. In ihrem Kopf kreist ununterbrochen der Satz „Was stelle ich mich blöde an”. „Wenn man irgendwo neu anfängt, ist das für die meisten Menschen nicht ganz einfach”, sagt Barbara Berckhan, Diplompädagogin und Kommunikationstrainerin in Hamburg. Menschen mit wenig Selbstwertgefühl steigerten sich in solche Situationen aber häufig hinein.

Dem Selbstwertgefühl kommt Berckhan mit zwei Fragen auf die Spur: Fühle ich mich gut mit mir? Traue ich mir etwas zu? „Bei den meisten Menschen ist das eine schwankende Angelegenheit”, sagt die Expertin, „denn in Lebenskrisen wie dem Ende einer Partnerschaft oder Enttäuschungen im Beruf lässt die Zufriedenheit mit sich selbst nach.” Darüber hinaus gebe es auch Menschen mit einem chronischen Selbstwertmangel.

„Meist haben sie in ihrer Kindheit einen besonders starken inneren Kritiker entwickelt”, erläutert die Autorin des Buches „Einfach selbstsicher!” Damit meint sie die abwertenden inneren Stimmen, die auch Sophie nur zu gut kennt: „Wie blöde stelle ich mich denn an” oder „Das war ja mal wieder Mist”.

Nicht alle Menschen mit wenig Selbstwertgefühl reagieren auf schwierige Situationen so still wie Sophie. „Manche kompensieren ihre Ängste auch und strotzen äußerlich vor Selbstbewusstsein”, sagt Berckhan. Dann erklären sie zum Beispiel lautstark, wie leicht ihnen die Lösung des Problems falle. Die Trierer Diplompsychologin Stefanie Stahl unterscheidet zwischen Menschen, die am liebsten mit einer Tarnkappe durchs Leben gehen würden, und den sogenannten Zicken: „Damit meine ich unsichere Frauen und Männer, die sich mit aggressiven Strategien schützen wollen.” Sie führten oft wegen Kleinigkeiten lange Diskussionen oder explodierten bei nichtigen Anlässen.

Die Diplompsychologin hält das Selbstwertgefühl für die Schaltzentrale der Psyche. „Menschen mit einem Selbstwertproblem sind zum Beispiel leicht kränkbar, scheuen Konflikte, haben Angst davor, Fehler zu machen und trauen sich nichts zu”, sagt Stahl. Dies habe Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, also Beruf, Familie und Partnerschaft. „Manche Menschen passen sich etwa ihrem Partner extrem an, weil sie sich nicht trauen, für ihre eigenen Wünsche und Rechte einzustehen”, sagt Stahl, die das Ratgeberbuch „Leben kann auch einfach sein!” geschrieben hat.

Sie scheuten den Streit, fühlten sich aber eingeengt. Der einzige Ausweg sei für sie oft die Trennung vom Partner. „Das sind die Menschen, die Zigaretten holen gehen und nicht wiederkommen”, berichtet die Psychologin.

Wer sein Selbstwertgefühl steigern will, sollte sich seine Gefühle bewusst machen und überlegen, welche konkreten Situationen ihm wichtig sind. Will man zum Beispiel die Beziehung ändern, muss man seinem Partner Wünsche und auch Kritik mitteilen. Um die Angst davor zu überwinden, kann man sich überlegen, was im schlimmsten Fall passiert: Der Partner wird so wütend, dass er einen verlässt. Das Ende der Beziehung droht jedoch auch dann, wenn man nichts sagt und irgendwann selbst weggeht.

Mit der Frage „Was fällt mir schwer?” spürt Barbara Berckhan die Situationen auf, die Probleme bereiten. „Und da wo die Angst ist, da geht es lang”, rät die Kommunikationstrainerin. Wer wie Sophie schlecht auf andere Menschen zugehen kann, sollte dies in seinem Alltag üben. „Das geht ganz gut mit halbfremden Menschen, also etwa mit einer Sprechstundenhilfe oder dem Verkäufer im Zeitungskiosk”, sagt Berckhan. Bei ihnen sagt man dann nicht nur „Guten Tag”, sondern lächelt sie auch kurz an und kommentiert das Wetter oder sagt etwas anderes, das der andere als Anknüpfungspunkt für Smalltalk nutzen kann.

Auch bei solchen Übungen wird sich der innere Kritiker zu Wort melden und das eigene Verhalten schlecht machen: „Da habe ich aber gerade Blödsinn geredet” oder „Das werde ich nie lernen”. Um diese inneren Stimmen nicht mehr so mächtig werden zu lassen, empfiehlt Berckhan die Methode des „Diamanten zählen”. Dabei führt man sich vor Augen, was man schon erreicht hat. Das gelte für konkrete Situationen, in denen man seine Ängste überwunden habe. „Letztlich geht es aber auch darum, das Normale wertzuschätzen”, sagt die Autorin. Schließlich habe man Familie und Freunde, könne seine Miete bezahlen und bewältige einen oft stressigen Alltag.
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