Wuppertal - Schlau und isoliert: Der Umgang mit hochbegabten Kindern

Schlau und isoliert: Der Umgang mit hochbegabten Kindern

Von: Jan Filipzik, ddp
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Wuppertal. Als Leon zur Welt kam, schrie er die erste Zeit ohne Unterbrechung. Nachts schlief er kaum, den Blickkontakt mit anderen Menschen mied er. Auch Spielen mit anderen Kindern war unmöglich. Die Diagnose des Arztes war für Leons Mutter ein Schock: Autismus und Wahrnehmungsstörungen.

Doch im Alter von drei Jahren begann Leon, der zuvor nie ein Wort gesagt hatte, zu sprechen - in vollständigen Sätzen und grammatikalisch korrekt. Wieder ging seine Mutter mit ihm zum Arzt. Dessen Urteil lautete nun: Hochbegabung. Ein Test wies bei Leon einen Intelligenzquotienten (IQ) von 137 nach.

Der Bochumer Diplom-Psychologe Hagen Seibt beschäftigt sich seit rund 15 Jahren mit diesem Thema und weiß, was Mutter und Sohn durchgemacht haben. „Hochbegabte Kinder haben meist niemanden, mit dem sie sich austauschen können und leiden sehr darunter”, erklärt Seibt, der im Berufsverband Deutscher Psychologen den Arbeitskreis „Hochbegabte/Potenziale” leitet.

Mit der Diagnose enden die Probleme in den seltensten Fällen. „Es gibt kaum vernünftige pädagogische Ansätze für die Behandlung hochbegabter Kinder. Auch das Schulsystem ist nicht auf Hochbegabte ausgerichtet”, kritisiert Seibt. Oft lasse man solche Kinder lediglich ein oder zwei Klassen überspringen. Das sei viel zu wenig. „Auch das Sozialverhalten und die emotionale Entwicklung müssen speziell gefördert werden”, fordert der Psychologe.

Wie schwer das Leben mit einem hochbegabten Kind sein kann, hat auch Leons Mutter Jutta Mühlhof (Name geändert) erfahren. „In der Schule wurde Leon gemobbt, von anderen Eltern wurde ich als schlechte Mutter abgestempelt, weil ich ihm angeblich die Kindheit nehmen würde”, sagt die 41 Jahre alte Wuppertalerin. Alte Freundschaften zerbrachen unter dem Druck, plötzlich stand Mühlhof ganz alleine da.

„Die Hochbegabten will keiner haben”, ist Leons Mutter überzeugt. Weil er in der Schule nicht ausreichend gefordert wurde, erteilte Mühlhof ihrem Sohn Zuhause extra Unterricht. Er lernte Japanisch und studierte Philosophie. „Oft konnte ich aber auch nicht mehr nachvollziehen, womit Leon sich gerade beschäftigte”, räumt sie ein.

Nach Angaben der Bochumer Bundesgeschäftsstelle für Hochbegabtenförderung sind rund zwei Prozent der Bevölkerung hochbegabt. „Von Hochbegabung spricht man bei einem IQ zwischen 130 und 150. Als normal gilt ein Intelligenzquotient zwischen 90 und 110”, erläutert deren Leiter Karsten Otto. Spezielle Tests, die meist mehrere Stunden dauern, könnten genau klären, ob und auf welchen Gebieten genau ein Kind hochbegabt sei.

Dabei gehört zu einer Hochbegabung viel mehr als nur eine außergewöhnlich hohe Intelligenz, wie Jutta Mühlhof an ihrem eigenen Sohn feststellen musste. „Hochbegabte haben eine viel stärkere Wahrnehmung und neigen oft zu Depressionen”, sagt sie und berichtet von ihrem Kind: „Er ist oft sehr ernst. Ihm fehlt die kindliche Freude, die Spontaneität und die Unbedarftheit.”

Leon ist mittlerweile 14 Jahre alt und hat gelernt, sich in seiner ganz eigenen Welt zurechtzufinden. Vor sechs Jahren hat er einen jüngeren Bruder bekommen: Noah. Auch er ist hochbegabt. „Jetzt weiß ich wenigstens, wo ich mit ihm hingehen und wie ich ihn behandeln muss”, sagt Mühlhof.

Vor kurzem hat Noah freiwillig 18 Stunden lang gehungert, weil seine Oma die aus seiner Sicht „falschen Nudeln” gekocht hatte. „Hochbegabte Kinder bestimmen sich selber und lassen sich nichts von anderen sagen”, hat Mühlhof inzwischen gelernt.
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