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Reden ohne Worte: Den Umgang mit Demenzkranken erleichtern

Von: Julia Kirchner, dpa
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Demenz
Die Betreuung von Demenzkranken nimmt viel Zeit in Anspruch: Zusätzliche Betreuer sollen die Pflegekräfte in Pflegeheimen künftig unterstützen. Dabei handelt es sich nicht um Pflegetätigkeiten, sondern um Hilfsangebote wie Vorlesen, Musizieren oder die Begleitung bei Spaziergängen. Foto: dpa

Bochum. Die Hose liegt in der Spülmaschine, die Arbeitsplatte in der Küche ist schon viermal abgewischt, ständig wird Geld verlegt: Das Zusammenleben mit Demenzkranken kostet Angehörige viel Kraft. Können sich Betroffene zudem nur noch schwer sprachlich ausdrücken, fällt der Zugang zu ihnen schwer.

Mit einigen Hilfsmitteln können es Angehörige aber schaffen, den Umgang mit den Erkrankten zu verbessern.

Einige Länder setzen dazu auf technische Hilfsmittel: In Japan wurde beispielsweise eine therapeutische Robbe entwickelt, die in Altenheimen eingesetzt wird. Sie soll bei Bewohnern Emotionen wecken. Einer Studie der Fachhochschule Frankfurt am Main zufolge regte die Robbe die Konversation zwischen den Bewohnern an und brachte sie dazu, über ihre Krankheit zu reflektieren. Viele reagierten beim Streicheln des Plüschtieres mit positiven Gefühlsausdrücken wie Lächeln. Aus Schweden kommt die Idee der „Empathy Dolls”, lebensgroße Puppen, die so viel wie kleine Kinder wiegen, sitzen und stehen können. Sie werden ebenfalls bei Demenzpatienten eingesetzt und sollen einen entspannenden Effekt haben.

Grundsätzlich sei es sehr schwierig zu beurteilen, welche Mittel bei Demenzpatienten Glücksgefühle hervorrufen: „Die Betroffenen können oft keine Auskunft mehr darüber geben”, sagt Philipp Stude, Oberarzt an der Neurologische Klinik Bergmannsheil in Bochum. Ob es einem Patienten gut gehe, sei letztlich eine Frage der Interpretation. Für sein Wohlbefinden sprechen aber zum Beispiel ein zugewandter Blick, eine friedliche Stimmung oder dass der Erkrankte auf Ansprache reagiert. Auslösen lässt sich dieser Zustand bei vielen Demenzpatienten über alte Hobbys, Musik, Kunst oder Tiere. „Die Angehörigen wissen meist, was dem Erkrankten Freude macht.” Eine allgemeingültige Strategie gebe es aber nicht: „Es muss individuell angepasst werden.”

Viele Demenzkranke entwickeln im Laufe ihrer Krankheit geradezu phobische Ängste, etwa, dass jemand Fremdes im Zimmer sei oder Geld gestohlen wurde. „Erkrankte brauchen dann das Gefühl, ernst genommen zu werden”, sagt Prof. Sabine Bartholomeyczik vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Standort Witten. Angehörige sollten deshalb versuchen, die Ängste nicht abzutun, sondern ihnen auf den Grund zu gehen. Gudrun Piechotta-Henze, Pflegewissenschaftlerin an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, rät, auf Aussagen wie „Ich bin bestohlen worden” zum Beispiel mit „Das ist sicher belastend für dich” zu antworten.

Auch mit offensichtlich falsch wahrgenommenen Tatsachen oder Äußerungen werden Demenzkranke besser nicht direkt konfrontiert. Stattdessen könne es Angehörigen helfen, sich klarzumachen: „Es gibt nicht nur die eine Wahrheit, sondern verschiedene.”

Verlieren Demenzkranke die Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, erschwert das den täglichen Umgang gehörig. Angehörige können den Verlust der Sprache aber durch andere Sinnesreize zumindest teilweise kompensieren: „Es ist wichtig, Erinnerungsinseln zu schaffen. Das geht zum Beispiel durch Berührung oder bestimmte Speisen”, sagt Piechotta-Henze.

Dabei greifen sie am besten auf Dinge zurück, die der Pflegebedürftige in früheren Jahren gern hatte oder die in der Kindheit wichtig für ihn waren. Die Pflegewissenschaftlerin hat in einem Projekt beispielsweise gute Erfahrungen mit dem Vorlesen von Gedichten gemacht, die Demenzkranke noch aus der Schule kannten. „Selbst die, die sich nicht mehr verbal ausdrücken konnten, konnten die Gedichte am Schluss auswendig.”

Auf der Suche nach Dingen, die der Person vor Ausbruch der Demenz wichtig waren, können Verwandte hilfreich sein: „Fragen Sie nach: Wie war der Mensch vor seiner Krankheit?”, rät Prof. Bartholomeyczik.

Wichtig ist auch, in Anwesenheit des Demenzkranken nicht über ihn mit anderen zu sprechen: „Man sollte nie sagen: Das kriegt der andere nicht mehr mit”, warnt Piechotta-Henze. Die Patienten seien ihrer Erfahrung nach sehr sensibel und bekämen auf der nonverbalen Ebene noch viel mit. Besser sei es, sich auf Augenhöhe mit dem Erkrankten zu beugen und zu versuchen, ihn direkt anzusprechen. „Damit signalisiert man ihm: Ich habe Zeit für dich.”

Bei aller Fürsorge für die Demenzerkrankten dürften Angehörige nicht sich selbst vergessen: „Ein Entlastungstag in der Woche ist wichtig”, sagt Neurologe Stude. In dieser Zeit sollte der Erkrankte von jemand anders gepflegt werden.


Vor allem mit dem durchgetakteten Rhythmus im Krankenhaus oder in der Pflegeeinrichtung kommen Demenzkranke nur schwer klar. Durch ihren gestörten Tag-Nacht-Rhythmus sind sie oft dann hellwach, wenn sie schlafen sollen. Einige Kliniken gehen auf diese veränderten Bedürfnisse ein, indem sie zum Beispiel Nachtcafés einrichten, sagt Philipp Stude von der Neurologischen Klinik in Bochum. Andere versuchen, das Essen länger stehen zu lassen, um die Essenszeiten flexibler zu strukturieren.
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