Rechtzeitige Behandlung kann Legasthenikern helfen

Von: Michael Draeke, ddp
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Englischunterricht in der Grundschule ist grundsätzlich ein Erfolg. Foto: ddp

Würzburg/Bochum. Lautes Vorlesen ist für Paul ein Graus. Wenn der Grundschüler vor der Klasse kleine Geschichten oder Gedichte zu Gehör bringen soll, will sich einfach kein flüssiger Lesestil einstellen. „R-o-s-e”, liest Paul zum Beispiel schleppend und betont dabei jeden Buchstaben einzeln.

Auch die Korrektur von Pauls Diktaten ist für jeden Deutschlehrer eine Herausforderung: Denn die Texte des Achtjährigen strotzen nicht nur vor Fehlern, sondern es sind laufend Buchstaben oder ganze Wörter ausgelassen oder vertauscht. Ein Test beim Schulpsychologen bringt schließlich Klarheit: Paul ist Legastheniker.

Nach Schätzungen leiden etwa fünf Prozent der Schüler in Deutschland wie Paul an einer Legasthenie. Obwohl sie in anderen Fächern zum Teil tadellos mithalten und sich für ihr Alter durchaus gewandt ausdrücken können, hapert es am Verständnis von Texten und bei der Rechtschreibung. „Legasthenikern mangelt es nicht an Intelligenz”, betont die Entwicklungspsychologin Petra Küspert vom Würzburger Institut für Lernförderung. Meist sei bei ihnen lediglich die Fähigkeit unterentwickelt, geschriebene Wörter in Sprache zu „übersetzen” und umgekehrt.

In der Regel machen sich die Probleme deshalb erst nach der Einschulung bemerkbar. Intensität und Art der Schwierigkeiten können sehr unterschiedlich sein. „Typische Fehlermuster gibt es nicht”, sagt Küspert. Ein und dasselbe Wort werde zum Beispiel einmal falsch, dann wieder richtig und schließlich wieder falsch geschrieben. Hinzu können oft Probleme bei der Lauterkennung kommen. „Wenn die Kinder ein T oder ein S hören, entsteht dann vor ihrem geistigen Auge nicht das Bild des entsprechenden Buchstaben”, erklärt Maik Herberhold, Vorsitzender des Berufverbands der Kinder- und Jugendpsychiater. Diese Fähigkeit sei jedoch neben anderen entscheidend für das Sprach- und Leseverständnis.

Je früher eine Lese- und Rechtschreibschwäche erkannt wird, desto besser ist sie zu behandeln. Andernfalls können schnell weitere Probleme auftreten, etwa ein geringes Selbstwertgefühl, Versagensängste oder gar depressive Phasen. „Eltern und Lehrer sollten deshalb schon im ersten Schuljahr wachsam sein”, rät Küspert. Wenn das Kind regelmäßig an der Deutsch-Hausaufgabe verzweifle, nur widerwillig lesen und schreiben wolle oder selbst kurze, häufige Wörter wie „wir” oder „aus” ständig falsch schreibe, müsse eine Legasthenie in Erwägung gezogen werden.

Eine zweifelsfreie Diagnose lässt sich allerdings nach Angaben der Entwicklungspsychologin frühestens ab der Mitte des zweiten Schuljahres stellen. Klärung bringen kann ein Termin beim Schulpsychologen, einem Kinder- oder Jugendpsychiater oder bei einer Familienberatungsstelle. Hier müsse zunächst ausgeschlossen werden, dass eine generelle Lernschwäche vorliege oder das Kind schwerhörig oder sehbehindert sei, sagt Herberhold.

Wenn tatsächlich eine Lese- und Rechtschreibschwäche vorliegt, verspricht eine individuelle Förderung die besten Erfolgsaussichten. In manchen Bundesländern bieten die Schulen solche Fördermaßnahmen an. „Normale Nachhilfe nützt Legasthenikern aber wenig”, betont Herberhold. Stattdessen müsse den Kindern ein speziell zugeschnittenes Training angeboten werden, in dessen Mittelpunkt sowohl die Hör- und Sehwahrnehmung als auch eine anschauliche Vermittlung der Lese- und Schreibregeln stehen müssten.

Existieren an der jeweiligen Schule keine geeigneten Kurse, können kommunale Beratungsstellen oder spezialisierte Bildungseinrichtungen Hilfe bieten. Angeboten werden eine Fülle von Trainingsmethoden, die neben der Lese- und Schreibförderung schwerpunktmäßig das konzentrierte Hören und Sehen schulen. Eine Möglichkeit sei etwa, den Kindern über das Mitklatschen oder spezielle Bewegungsübungen ein Gefühl für den Rhythmus der Sprache zu vermitteln, sagt Küspert: „Dann gelingt den Kindern die Gliederung der Sprache besser.”

Informationen zu anerkannten Therapiemethoden bietet unter anderem der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (im Internet unter: bvl-legasthenie.de). Wenn eine starke seelische Belastung des Kindes attestiert wird, können Kurse für Legastheniker laut Herberhold auch von den Jugendämtern gefördert werden.

Das Pauken mit den Eltern ist jedenfalls keine Alternative. Nicht alle Mütter und Väter seien als Co-Therapeuten geeignet, gibt der Bundesverband Legasthenie zu bedenken. Zudem sei eine druckfreie Atmosphäre für den Lernerfolg besonders wichtig, betont Küspert. Gerade bei gravierenderen Schulproblemen sei die Situation innerhalb der Familie aber oft belastet. Um wieder unbeschwert Spaß am Lesen und Schreiben finden zu können, sei daher für die Kinder eher eine Förderung in neutraler Umgebung ratsam.

Wie können Eltern helfen?

Der „Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie” gibt auf seiner Website Tipps für Eltern von Legasthenikern, die hier in Auszügen dokumentiert werden:

Zunächst einmal ist es wichtig, dass man dem Kind die Legasthenie erklärt und ihm somit das Gefühl nimmt, ein Versager zu sein. Die Überforderungs-Versagens-Spirale darf zu Hause nicht fortgesetzt werden.

Stellen Sie keine kurzfristigen Erfolge in Aussicht, sondern bereiten Sie Ihr Kind darauf vor, dass seine Bemühungen langfristig angelegt sein müssen.

Lesen ist wichtiger als Rechtschreiben! Die Lesekompetenz Ihres Kindes ist für den Wissenserwerb in allen Fächern wichtig.

Lernen Sie spielerisch mit Ihrem Kind, es gibt eine Reihe geeigneter Gesellschaftsspiele, die für die Buchstabierfähigkeit förderlich sind (z.B. Nomen-Memory, Scrabble, Wort-Kniffel usw.).

Loben Sie Erfolge, fokussieren Sie nicht die Misserfolge. Wecken Sie die Lernmotivation Ihres Kindes und erkennen Sie Fleiß und Mühe an.

Ihr Kind braucht Selbstvertrauen! Finden Sie gemeinsam seine Stärken und geeignete Lernstrategien heraus, die zu ihm passen. Helfen Sie Ihrem Kind, strukturiert zu arbeiten und zu lernen!
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