Berlin/Frankenthal - Rechtzeitig die Notbremse ziehen: Mutter-Kind-Kuren helfen der ganzen Familie

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Rechtzeitig die Notbremse ziehen: Mutter-Kind-Kuren helfen der ganzen Familie

Von: Mascha Schacht, dapd
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Eine Mutter schwimmt mit ihrem Kind im Schwimmbad einer Kurklinik. Viele Muetter stellen sich ganz in den Dienst der Familie und vergessen mitunter voellig sich selbst. Bis der Koerper Alarm schlaegt: Das Burn-out-Syndrom, auch als Managerkrankheit bezeichnet, Depressionen oder Angstzustaende belasten immer mehr Frauen, viele leiden auch unter den Folgen verschleppter Erkrankungen. Foto: Muettergenesungswerk/dapd

Berlin/Frankenthal. Sie sind rund um die Uhr im Einsatz, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche - die Rede ist nicht etwa von Batman und Robin, sondern von Superhelden der anderen Art: von Müttern. Ihre Aufgabe ist deutlich undankbarer als die der Comic-Helden. Sie gleicht oft einer Sisyphusarbeit, die weder mit Applaus noch durch eine angemessene wirtschaftliche Anerkennung gewürdigt wird.

Dabei stellen sich viele Mütter ganz in den Dienst der Familie und vergessen mitunter völlig sich selbst. Petra Gerstkamp, stellvertretende Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks in Berlin, findet es deshalb keineswegs erstaunlich, dass immer mehr dieser „Familien-Managerinnen” unter Symptomen der Managerkrankheit leiden.

„Viele Mütter halten dem ständigen Zeitdruck, den Versagensängsten und oft auch den Mehrfachbelastungen durch Job, Familie und Beziehung irgendwann nicht mehr stand und entwickeln psychische und gesundheitliche Probleme”, erklärt Gerstkamp. Alleinerziehende und Berufstätige sind davon besonders häufig betroffen, oft verschärften finanzielle Schwierigkeiten die Situation. Bis der Körper Alarm schlägt: Das Burn-out-Syndrom, auch als Managerkrankheit bezeichnet, Depressionen oder Angstzustände belasten immer mehr Frauen, viele leiden auch unter den Folgen verschleppter Erkrankungen.

Mutter-Kind-Kuren müssen attestiert werden

„Wenn der Hausarzt feststellt, dass ein Elternteil kurbedürftig ist, kann er eine Mutter-Kind- beziehungsweise eine Vater-Kind-Kur verordnen - wobei die Väter nach unseren Schätzungen bisher weniger als zehn Prozent ausmachen”, sagt Michael Bernatek vom AOK-Bundesverband in Berlin. „Eine solche stationäre Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme soll den Betroffenen aus Krankheit, aber auch aus Erschöpfungszuständen heraushelfen.

Die Kosten übernehmen bis auf einen Eigenanteil von zehn Euro pro Tag und Erwachsenem die gesetzlichen Krankenkassen.” Bei den privaten Kassen hängt die Übernahme vom jeweiligen Anbieter und Tarif ab. In der Regel fährt die Mutter samt Nachwuchs für drei Wochen zur Kur.

Oft nehmen auch die Kinder Kurangebote wahr: „Kinder sind häufig von Erkrankungen des Atemwegssystems betroffen oder auch von Verhaltensproblemen wie ADHS, der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung”, berichtet der Frankenthaler Kinderarzt Lothar Maurer, Landesvorsitzender Rheinland-Pfalz im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. „Das erhöht auch den Druck auf die Mütter.” Eine Statistik des Müttergenesungswerks belegt: 2009 wurden bei rund zwei Drittel aller Mutter-Kind-Kuren sowohl die Mütter als auch die Kinder behandelt.

Begleitende Kinder müssen nicht krank sein

Ein Muss sei das jedoch nicht, erklärt Michael Bernatek: „Kinder bis zwölf Jahre können als gesunde Begleitpersonen immer mitfahren, wenn die Betreuung zu Hause nicht anderweitig sichergestellt werden kann.” Während die Mütter behandelt werden, kümmert sich pädagogisches Fachpersonal um die Kleinen. Dadurch können sich die Mütter ganz auf sich konzentrieren.

Oft sei das gemeinsame Kurerlebnis auch wichtig, um die Situation zu entspannen, ergänzt Petra Gerstkamp. „Nicht selten haben sich nach einer monatelangen Stressphase Spannungen zwischen dem Elternteil und dem Kind aufgebaut, die die ohnehin vorhandenen Probleme noch verstärken. Diese sollen in speziellen Kursen zur Mutter-Kind-Interaktion abgebaut werden.” Für daheimgebliebene Kinder kann Haushaltshilfe beantragt werden.

Die Kurangebote beschränkten sich nicht auf die Behandlung körperlicher Symptome, betont Gerstkamp. „Die Frauen gehen mit vorher festgelegten Zielen in eine Kur, dazu kann auch gehören, dass sie lernen, mit Versagensängsten oder den Verhaltensstörungen ihrer Kinder umzugehen oder ein besseres Zeitmanagement zu üben.”

Wichtig sei auch der Austausch mit anderen Betroffenen. Das Gefühl, mit seinen Problemen nicht allein zu sein, ist auch für die Zeit unmittelbar vor und nach der Kur sehr wichtig: Die 1.400 Beratungs- und Vermittlungsstellen der Wohlfahrtsverbände im Müttergenesungswerk übernehmen mit der Kur-Nachsorge eine wichtige Aufgabe.

„Die Berater helfen den Frauen dabei, Erlerntes im Alltag umzusetzen. Oder sie kümmern sich um passende Ansprechpartner, wenn sich etwa im Laufe der Kur herausgestellt hat, dass eine Frau eine Psychotherapie benötigt.” Das Müttergenesungswerk hilft auch schon vor der Kur, wenn es um die Antragstellung geht.

Abgelehnte Anträge werden oft doch noch genehmigt

„Voraussetzung für eine Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Maßnahme ist, dass die Mutter oder der Vater im medizinischen Sinne kurbedürftig ist. Der Bedarf muss vom behandelnden Arzt bescheinigt werden”, erläutert Michael Bernatek von der AOK die rechtlichen Grundlagen. „Den Antrag gibt es bei den Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände oder den gesetzlichen Krankenkassen.

Alle diese Unterlagen sind bei der Krankenkasse einzureichen, die dann den Antrag und die Notwendigkeit einer Kur prüft. Die Antragsteller erhalten anschließend einen schriftlichen Bescheid über die Bewilligung oder Ablehnung der Leistung.”

Über den Punkt der Notwendigkeit sind sich die Krankenkassen und die Wohlfahrtsverbände jedoch häufig uneins: „Rund ein Drittel aller Kuranträge wird abgelehnt, auch wenn viele Betroffene die Kur bitter nötig hätten.

Die Ablehnungen erscheinen dabei oft sehr willkürlich”, ärgert sich Petra Gerstkamp. Kinderarzt Lothar Maurer stimmt ihr zu: „Ich bearbeite etwa zwei bis drei Anträge pro Woche, wobei es in meiner Praxis um die Kinder als Betroffene geht, und kann keine festen Regeln erkennen, nach denen über einen Antrag entschieden wird.” Sowohl Gerstkamp als auch Maurer empfehlen darum, auf jeden Fall Widerspruch gegen einen abgelehnten Antrag einzulegen. In etwa der Hälfte der Fälle werde die Kur daraufhin doch noch genehmigt.

Mütter oder Väter, die eine Kur mit Kind beantragen möchten, finden unter muettergenesungswerk.de viele Tipps und Informationen zur Antragstellung, zum Ablauf solcher Kuren und zur passenden Nachsorge. Eine Beratungsstellensuche vermittelt Ansprechpartner des Müttergenesungswerks in vielen Städten. Im Downloadbereich stehen diverse Broschüren bereit sowie Formularvorlagen, die Eltern und Ärzten die Antragstellung erleichtern sollen.

Unter kur.org können Interessierte über einen Klinik-Finder passende Einrichtungen für die jeweiligen gesundheitlichen Probleme von Mutter beziehungsweise Vater oder Kind suchen. Laut Website-Betreiber erfüllen alle empfohlenen Kliniken die Anforderungskriterien des Müttergenesungswerks.

Der Deutsche Arbeitskreis für Familienhilfe informiert unter ak-familienhilfe.de über die gesetzlichen Rahmenbedingungen von Mutter-Kind-Kuren sowie über mögliche Kurtermine und die Belegungspläne einiger Fachkliniken. Interessierte können sich zudem an eine kostenlose Beratungshotline wenden.

Literatur:

Tina Liebetrau: „Mutter-Kind-Kuren als Behandlungsmöglichkeit für erschöpfte Mütter”, Diplomica, 2010, 29,50 Euro, ISBN: 978-3836691567

Dagmar Ruhwandl: „Erfolgreich ohne auszubrennen: Das Burnout-Buch für Frauen”, Klett-Cotta, 2010, 14,95 Euro, ISBN: 978-3608861020

Sonja Rüther: „Der Weg zum Kur-Erfolg: Ein Leitfaden für Mutter-Kind-Kuren”, Books on Demand, 2009, 5,90 Euro, ISBN: 978-3839115299

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