Patchworkfamilien sollten die Weihnachtstage gut planen

Von: Susanne Müller, epd
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Frankfurt a.M. Für Veronika Schmidt (Name geändert) versank das erste Weihnachtsfest mit ihrer wenige Wochen alten Tochter in Tränen. „Ich fühlte mich wie eine Amputierte”, sagt die alleinerziehende Mutter.

Gut fühlt sie sich an diesem Fest erst, seit sie sich und ihre Tochter bewusst als Familie versteht.

Jetzt, sechs Jahre später, ist Weihnachten bei ihnen eine runde Sache. „Ein paar Tage vorher nehme ich immer Urlaub. Dann machen wir es uns richtig gemütlich, dekorieren die Wohnung, backen Plätzchen”. An Heiligabend geht es gemeinsam zum Krippenspiel, und abends kommen die Großeltern. Die schönsten Weihnachten waren für Mutter und Tochter die, an denen sie auch Freunde und nicht nur die engsten Verwandten einluden.

Die Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft für alleinerziehende Mütter und Väter (agae) im evangelischen Diakonischen Werk wissen, dass „das Fest der Familie, der Liebe, des Friedens” leicht zur Quelle von Unfrieden wird. Die emotionale Gemengelage von getrennt lebenden Familien und Patchworkfamilien ist besonders anfällig dafür. Sonja, eine junge Frau mit geschiedenen Eltern, schildert in der agae-Broschüre „Damit das Fest zum Fest wird” ihr Problem: „Vier Weihnachtsbäume, vier Bescherungen, 1000 Kilometer Zugfahrt - und kein Ausweg in Sicht. Zähne zusammenbeißen und durch?” Der Hamburger Psychotherapeut Uwe Böschemeyer rät zum Umdenken: „Fragen Sie zuerst, wie Sie den Grund von Weihnachten feiern möchten - und entscheiden sie erst dann, wer sich am meisten über Ihren Besuch freuen würde.”

Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, weiß, dass vertraute Familienrituale nach einer Trennung nicht einfach weitergeführt werden können. Sie rät in der Broschüre aber nicht, Weihnachten einfach zu übergehen, sondern verweist auf Berichte von Festen in der Bibel: „Die Menschen erfüllen in diesen Geschichten keine althergebrachten Tischsitten und Ordnungen, sondern sie erleben, wie das Leben sich neu zeigt”. Die Bischöfin urteilt: „Es ist immer mehr möglich als wir anfangs glauben”.

„Ein kurzes Fest in Harmonie ist besser als ein ausgedehntes mit großen Spannungen”, sagt Ilse Ostertag von den Evangelischen Frauen in Württemberg. Und sie rät den Familienmitgliedern, Wunschzettel für die Gestaltung des Festes zu verfassen.

Heiligabend trotz Trennung gemeinsam zu feiern, wie es etwa der Schauspieler Til Schweiger dieses Jahr plant, hält Ilse Ostertag nicht für ein Patentrezept. Sie kennt Familien, die nach der Trennung der Eltern zu guten Freunden geworden sind - da könne das gelingen. Hat aber beispielsweise der Mann seine Familie erst vor kurzem verlassen, dann sorgt sich Ostertag vor allem um die Kinder: „Ihnen sollte man nichts vorlügen, und man sollte auch keine Hoffnung auf eine wieder heile Welt machen, die dann umso heftiger zusammenbricht.”

Auch für die jetzt alleinerziehende Barbara Lorenz (Name geändert) dauerte es einige Zeit, bis sie eine Lösung finden konnte: Jeweils am zweiten Feiertag sind ihr Mann und seine neue Partnerin, die weit entfernt wohnen, nun immer in der Nähe in einer Ferienwohnung und verbringen Zeit mit dem Sohn. „Wir können inzwischen sogar eine Kleinigkeit zusammen essen, damit wir das Kind nicht zwischen Tür und Angel abgeben”, berichtet die Mutter.

„Ein seltsames Gefühl” sei es für sie, am zweiten Feiertag dann ganz allein zu sein - obwohl sie sich das Jahr über oft mal ein bisschen Zeit für sich wünschen würde. Dieses emotionale Loch kennen viele, wissen die Experten im Diakonischen Werk. Wichtig sei es, schon vorher zu überlegen, wie man diese Zeit verbringen möchte.

Ob das Weihnachtsfest Alleinerziehenden oder Patchworkfamilien gelingt, liegt auch an den Menschen in ihrem Umfeld. Dazu zählt Gretel Wildt, Leiterin des „Zentrum Familie, Integration, Bildung und Armut” im Diakonischen Werk, neben Verwandten und Freunden auch Kindergarten, Schule und Kirchengemeinde. Sie können Familien helfen, Weihnachten in neuen Formen zu begehen.

„Auf jeden Fall aber”, sagt Ilse Ostertag, „sollten sich die Betroffenen von dem Irrglauben verabschieden, bei intakten Familien sei alles einfach und jede Feier wunderbar.”
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