Mannheim/Berlin - Nicht zurückziehen: Einsamkeit im Alter überwinden

Nicht zurückziehen: Einsamkeit im Alter überwinden

Von: Aliki Nassoufis, dpa
Letzte Aktualisierung:
Nicht zurückziehen: Einsamkeit im Alter überwinden
Das Telefon schweigt: Fühlen sich ältere Menschen einsam, können sie versuchen, über ihre Hobbys Kontakte zu knüpfen. Foto: Bodo Marks/dpa/tmn

Mannheim/Berlin. Im Alter ohne Partner oder Freunde dazustehen: Davor fürchten sich viele ältere Menschen. Wer Kontakt sucht, darf aber nicht in der Ecke sitzen und abwarten. Aktivitäten wie Sport, Schach oder die Kirche machen es leichter, auf andere zuzugehen.

Gute Freunde, Kinder und ein Partner: Das wünschen sich die meisten Menschen - und fürchten, im Alter genau das zu verlieren. Sie haben Angst, irgendwann alleine dazustehen und sich einsam zu fühlen. So weit muss es aber oft gar nicht kommen.

„Einsamkeit ist gerade für ältere Menschen ein sehr großes Thema”, bestätigt die Diplom-Soziologin Juliane Hanisch-Berndt aus Berlin, die als Trainerin für soziale Kompetenzen in Altenheimen arbeitet. Dabei müsse man allerdings zwischen Alleinsein und Einsamkeit unterscheiden.

„Wer einsam ist, leidet darunter - aber nicht jeder, der alleine ist, fühlt sich auch einsam.” Die Autorin und Diplom-Psychologin Doris Wolf ergänzt: „Generell ist es so, dass weniger alte als jüngere Menschen unter Einsamkeit leiden. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass man weniger hohe Erwartungen hat.”

Trotzdem: Wer sich einsam fühlt, leidet auch körperlich. Das fanden Wissenschaftler in den USA heraus. Forscher der Universität von Chicago stellten in einer mehrjährigen Studie einen direkten Zusammenhang zwischen dem Alleinsein und einem langfristigen Anstieg des Blutdrucks fest.

Dafür befragten sie zu Testbeginn Menschen über 50 Jahren zum Thema Einsamkeit. Wer sich bei mehreren Fragen als einsam eingestuft hatte, litt in den folgenden Jahren oft unter einem deutlichen Anstieg des Blutdrucks. Die Forscher betonten, dass Einsamkeit dabei als eigenständiger Risikofaktor gelten kann und andere mögliche Faktoren wie Alter oder Stress ausgeschlossen werden können.

Der Grund für den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und erhöhtem Blutdruck? Möglicherweise kann Angst vor Abweisung und Ablehnung auch das Gefühl von fehlender Sicherheit verstärken - was wiederum auf den Körper wirkt und hohen Blutdruck auslöst.

Die Psychologin Doris Wolf erklärt, dass besonders bei älteren Menschen verschiedene Faktoren zur Einsamkeit führen. „Bei den alten Menschen leiden diejenigen besonders unter Einsamkeit, die aufgrund einer körperlichen Behinderung nicht mehr aus dem Haus können, die keine Freunde oder Familie oder einen pflegebedürftigen Partner haben”. Eine weitere Ursache kann - gerade bei Frauen - ein Bedürfnis nach Nähe und Austausch mit anderen sein, das nicht erfüllt wird.

Einsamkeit muss aber nicht sein, wie Expertin Wolf betont. So sollte man versuchen, sich selbst anzunehmen und die Angst vor Ablehnung abbauen. Dabei könnten zum Beispiel Gedanken helfen wie „Ich werde Kontakt aufnehmen und sehen, was passiert.” In einem weiteren Schritt sollte man sich überlegen, wo man Menschen treffen kann, die ähnliche Interessen haben.

„Heute gibt es viele Möglichkeiten, den Kontakt zu anderen Menschen beziehungsweise einen Lebenssinn zu finden”, so Wolf. Das könnten Seniorenportale im Internet, ein Seniorenstudium, Kurse an der Volkshochschule, Engagement bei der Kirche oder der Arbeiterwohlfahrt sowie Sport sein. Ehrenamtliche Nachbarschaftshilfen, ein eigenes Tier, die Autobiografie schreiben oder Engagement bei Hobby- und Freizeitgruppen bieten weitere Gelegenheiten.

Das fällt einigen Menschen leichter als anderen. Denn wer auch vorher eher zurückgezogen gelebt hat, wird im Alter möglicherweise nicht so ohne weiteres auf andere Leute zugehen können. Fachfrau Wolf rät daher, sich am besten schon in jungen Jahren um Freunde und andere Kontakte zu kümmern.

Es sei zum Beispiel gut, seinen Freundeskreis zu pflegen, andere Menschen mit ihren Schwächen annehmen und Problemlösestrategien auszubauen. Denn wer bei jedem Konflikt gleich das Weite sucht, steht später eher alleine da.

Allerdings muss man laut Hanisch-Berndt beachten, dass Beziehungen aus Geben und Nehmen bestehen. „Man kann nicht nur erwarten, dass einen jemand anderes öfter besucht, zum Beispiel Freunde oder Kinder, selbst wenn man sie explizit darum bittet.” Denn wer nur zu Besuch kommt, weil man ihn lange genug gedrängelt hat, macht es möglicherweise nicht wirklich gerne - und bleibt irgendwann doch weg.

Jeder müsse selbst auch etwas geben, wenn er dafür etwas haben möchte. „Man kann sich zum Beispiel überlegen Was kann ich gut?”, so Hanisch-Berndt. Bin ich ein guter Schachpartner? Gehe ich gerne ins Kino? Oder koche ich gerne? „Soziale Kontakte im Alter müssen nicht nur ehrenamtlicher Einsatz sein, über gemeinsame Interessen bekommt man auch Kontakte.” Denn vielen anderen gehe es im Alter ähnlich. „Auch sie sind froh, jemanden zum Reden, ins Kinogehen oder für andere Hobbys zu haben.”

Für Einsamkeit nicht schämen

Wer sich einsam fühlt und Kontakte sucht, muss sich dafür nicht schämen. „Das geht zum einen vielen Menschen so”, sagt die Soziologin Juliane Hanisch-Berndt. „Zum anderen muss man diesen Aspekt auch nicht in den Vordergrund stellen.” Wer zum Beispiel einen Schachpartner suche, müsse nicht seine Einsamkeit in den Vordergrund stellen. Im Gegenteil: „Man sollte am besten den Nutzen für den anderen hervorheben - dann haben beide etwas davon.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert