Hannover/Heidelberg - Neue Liebe im Alter: Bei der Familie um Verständnis werben

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Neue Liebe im Alter: Bei der Familie um Verständnis werben

Von: Martin Faber, dpa
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Alter macht nicht asexuell: Auch in einer späteren Lebensphase sehnen sich viele Menschen nach Zuneigung. Foto: dpa

Hannover/Heidelberg. Oma und Opa gelten als liebevoll, aber asexuell. Stirbt einer von beiden, oder haben sie sich getrennt, billigt ihnen die Familie oft keine neue Liebe zu. Dass auch alleinstehende ältere Menschen Sehnsucht nach Geborgenheit und Sexualität haben, verdrängen viele.

Doch warum führt eine neue Partnerschaft dieser jungen Alten häufig zu Problemen im Familien- und Freundeskreis?

„Ältere Menschen nehmen sich heutzutage die Freiheiten, die sich die Jüngeren schon immer genommen haben. Das irritiert ihr Umfeld und stößt auf Unverständnis”, sagt der Altersforscher Hans-Werner Wahl von der Universität Heidelberg. Erfahrungen mit einem neuen Partner ließen sich nicht mit dem traditionellen Bild vom Älterwerden vereinbaren, das viele jüngere Familienmitglieder noch im Kopf haben.

Hinter einer ablehnenden Haltung der Familie steckt nicht selten eine große Verunsicherung. Denn mit Opas neuer Partnerin könnte sich auch das Verhältnis zu seinen Kindern und Enkeln verändern. „Es ist in unserer Gesellschaft nicht Standard, dass man die Beziehung zu seinen Großeltern neu definieren muss”, erläutert Wahl. Die Verwandten müssten dann nämlich verstärkt in eine gute Beziehung zum Opa investieren und sich anstrengen.

Insgesamt bietet eine neue Liebe der Großeltern aber Chancen für die ganze Familie. Sie kann eine große Entlastung sein, sagt der Soziologe Heribert Engstler vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin. „Eine neue Beziehung steigert die Lebenszufriedenheit und bietet neue Möglichkeiten des Austauschs und der wechselseitigen Unterstützung im Alltag.” Die Angehörigen würden von ihren Bedenken ablassen, wenn sie erkennen, dass der neue Partner dem Großelternteil gut tue.

An einem ehrlichen Gespräch zwischen Jung und Alt führt allerdings kein Weg vorbei. Darin sollten sich beide Seiten gegenseitig ihre Bedürfnisse erklären, rät Wahl. Es gehe nicht darum, „die Erlaubnis der Familie einzuholen, sondern sie an der eigenen Freude teilhaben zu lassen.„

Häufig hat der neu gebundene Senior Schuldgefühle. Wie stark sie sind, hängt davon ab, was vor der neuen Beziehung war. Hat Opa Oma verlassen oder ist er verwitwet? Sein neuer Partner kann ihm helfen, damit umzugehen. „Er darf seinen Vorgänger nicht ersetzen wollen. Stattdessen sollte das Paar über ihn sprechen und das Thema nicht zum Tabu erklären”, sagt Engstler. „Auch Rituale und symbolische Gesten wie ein gemeinsamer Grabbesuch können eine wichtige Rolle spielen.”

Der neue Lebensgefährte sollte Loyalitätskonflikte im Umfeld offen ansprechen. Etwa so: „Ich verstehe, dass es schwierig für euch ist, einen neuen Partner an der Seite eures Freundes zu sehen. Dafür habe ich Verständnis”, sagt Frauke Tennstedt, Psychotherapeutin in der Praxis für Psychosoziale Beratung in Hannover. Der frisch Vergebene solle deutlich machen, dass die Beziehung zu seiner Familie für ihn genauso wichtig bleibt wie auch vor seiner neuen Partnerschaft.

Manchmal sind sowohl die erwachsenen Kinder als auch die Freunde neidisch auf das junge Glück im Alter. „Die Kinder sind es, weil ihre Hoffnung zerstört wird, das verwitwete Elternteil nun ganz für sich alleine zu haben”, erklärt Tennstedt. Das sei ihnen oftmals nicht bewusst, komme aber häufig vor. Die Freunde stecken in vielen Fällen in alten Ehen fest, haben sich auseinandergelebt und keine gemeinsamen Gesprächsthemen. „Wenn zwei Gleichaltrige neu zusammenfinden, kann das Missgunst bei den anderen auslösen.”

Das Paar sollte seine Liebe deshalb nicht allzu demonstrativ zur Schau stellen. „Wichtig ist, dass beide ihre eigene Identität und Autonomie beibehalten und dem Umfeld auch als Einzelpersonen begegnen”, sagt Tennstedt. Die Verliebten müssten ja nicht unbedingt gleich zusammenziehen, wenn sie im selben Ort wohnen.

Bevor Senioren ihre neue Beziehung öffentlich machen, plagen sie häufig Ängste: Sie wollen nichts falsch machen und fürchten, sich vor der Familie zu blamieren. Rückt das große Zusammentreffen näher, stellt sich die Frage des Wie: „Auf keinen Fall einfach in eine Familienfeier reinplatzen, dann sind alle nur geschockt”, rät Tennstedt. „Am besten fragt man die Angehörigen im Vorfeld, wie sie den neuen Partner kennenlernen wollen.” Und Engstler ergänzt: „Niemanden überfordern - die Familie, aber auch nicht sich selbst.” Denn schließlich müsse sich auch die eigene Paarbeziehung noch entwickeln.

Doch wie geht man vor, wenn sich keine Lösung einstellt? „Dann müssen die Senioren abwägen, was sie gewinnen und was sie verlieren„, sagt Tennstedt. „Und wenn die neue Partnerschaft neue Freude und Lebenskraft bedeutet, dann sollte man sie immer wagen.”
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