„Muss Papa sterben?”: Was Kindern von krebskranken Eltern hilft

Von: Ingrid Jennert, epd
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Kinder
Seien die Kinder nach einem Streit mit dem Bruder oder der Schwester sehr aufgebracht, sollte man ihnen erst einmal Gelegenheit geben, sich zu beruhigen. „Dazu schickt man beispielsweise eines der Kinder zum Händewaschen oder bietet ihm an, sich auf seinem Zimmer etwas abzuregen.” Foto: dpa

Hamburg/Leipzig. Die Krebserkrankung von Vater oder Mutter erleben Kinder oft als bedrohlich für sich selbst und die ganze Familie. Sie brauchen dann Unterstützung, um mit der Belastung fertig zu werden. Doch was kann ihnen in dieser Situation helfen?

Das Forschungsprojekt „Psychosoziale Hilfen für Kinder krebskranker Eltern” soll hier neue Erkenntnisse bringen. Die Deutsche Krebshilfe stellt dafür 2,8 Millionen Euro bereit. Unter der Federführung des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg sind die Unikliniken Leipzig, Heidelberg, Magdeburg und die Charité in Berlin beteiligt.

Der sechsjährige Jonas gerät neuerdings im Kindergarten schnell in Streit mit den Spielkameraden. Er wird wütend und zieht sie an den Haaren. In der Familiensprechstunde im Zentrum für Frauen- und Kindermedizin an der Universitätsklinik in Leipzig erfährt die Diplompsychologin Gabriele Koch, was den kleinen Jungen, dessen Vater an Darmkrebs erkrankt ist, bewegt: „Wenn der Papa stirbt, will ich auch nicht mehr leben”, gesteht ihr Jonas. Er meint, dass Papa nur deshalb krank geworden ist, weil er ihn immer so geärgert habe.

Eltern suchen in der „Familiensprechstunde für Kinder krebskranker Eltern” Rat, wie sie mit ihren Kindern über die Diagnose Krebs sprechen können. Es kommen Familien mit einem schon länger erkrankten Elternteil, die besorgt sind, weil sich ihre Kinder verändert haben oder verhaltensauffällig geworden sind, erklärt Gabriele Koch von der Uniklinik Leipzig. „Die Eltern von Jonas sprechen neuerdings offen mit ihm über die Krankheit des Vaters. Er weiß nun, dass ihn keine Schuld trifft,” sagt Koch.

Jedes Jahr werden bis zu 200.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland mit der Diagnose Krebs bei einem Elternteil konfrontiert, schätzt die Deutsche Krebshilfe. Ein Drittel davon werde im Verlauf psychisch auffällig.

Experten sind sich einig: Unwissenheit ist für Kinder viel belastender als die Wahrheit. „Viele psychische Störungen könnten verhindert werden, wenn die Eltern frühzeitig mit ihren Kindern offen über die Erkrankung sprechen würden, sagt Georg Romer, Kinder- und Jugendpsychiater am Uniklinikum Eppendorf. Vater und Mutter sollten erklären, wie Krebs entsteht, dass er nicht ansteckend ist und dass immer mehr Krebspatienten geheilt werden können. Oft fehle den Kindern auch genügend Zeit für Hobbys oder zum Spielen, weil sie so viele Pflichten im Haushalt oder Verantwortung in der Familie übernehmen müssten.

Die unternehmungslustige Julia telefonierte kaum mehr mit den Freundinnen. Ihre alleinerziehende Mutter ist an Brustkrebs erkrankt und durch die Chemotherapie sehr geschwächt. Die Hausarbeit und die Sorge um die Mutter belasteten die 14-Jährige. Sie entwickelte zudem die Angst, selbst einmal an Brustkrebs zu erkranken. Der Besuch in der Leipziger ”Familiensprechstunde" kostete Julia Überwindung, aber sie fand hier Ansprechpartner, denen sie ihre Sorgen mitteilen konnte, berichtet Gabriele Koch.

Nach mehreren Gesprächen habe sich für Julia einiges verändert. Eine Haushaltshilfe nehme der Schülerin nun einen Teil der täglichen Pflichten ab. So kann sie sich wieder ans Telefon hängen. Julia sei jetzt stolz darauf, wie ihre Mutter die Krankheit meistert. Beide nähmen sich Zeit, auch wieder schöne Dinge miteinander zu erleben. Die Angst, selbst zu erkranken, sei für Julia in den Hintergrund gerückt.
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