Tübingen - Mit Kindern ehrlich über Religion sprechen

Mit Kindern ehrlich über Religion sprechen

Von: Christiane Löll, dpa
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Mit Kindern über Religion sprechen
Haben Kinder Fragen zu Gott und Religion, sollten Eltern darauf eingehen. Ein guter Zugang gelingt durch passende Geschichten. Foto: Andrea Warnecke/dpa/tmn

Tübingen. Was kommt nach dem Tod? Wieso geht man in die Kirche? Eltern fällt es oft schwer, Kindern solche Fragen zu beantworten. Statt religiöse Überzeugungen zu präsentieren, sollten Erwachsene ehrlich bleiben und zugeben, wenn sie keine Antwort wissen.

Wie sieht Gott eigentlich aus? Warum gibt es einen Gott und einen Allah? Wieso hängt in der Kirche ein Mann am Kreuz? Was kommt nach dem Tod? Kinder können viele Fragen haben, die sich um das Thema Religion und Glaube ranken. So wie sie andere Dinge in ihrer Umwelt wahrnehmen, fallen ihnen religiöse Symbole auf.

Darüber hinaus beschäftigen sie sich mit Themen, die die „sichtbare Welt überschreiten”, wie es die evangelische Religionspädagogin Petra Freudenberger-Lötz von der Uni Kassel nennt. Doch wie und wann kann man mit Kindern anfangen, über Religion zu sprechen?

„Je nach religiöser Prägung des Elternhauses tauchen die Fragen schon früh auf und beeinflussen das Kind, bevor es sprechen kann, beispielsweise wenn an Weihnachten ein Tannenbaum im Wohnzimmer steht”, sagt der Pädagoge und katholische Theologe Michael Schnabel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. „Sie erforschen auch schon früh, was gut und was böse ist”, also Fragen, auf die Religionen eine Antwort zu geben versuchen. „Sobald ein Kind Fragen sprachlich ausdrückt, kann man mit ihm auch darüber sprechen.”

Schnabel unterscheidet nach Wissensfragen und Glaubensfragen. Eine Wissensfrage wäre: Wie lauten die Zehn Gebote? „Diese Fragen sind recht einfach zu beantworten.” Wer die Antworten nicht aus dem Kopf wisse, könne sich leicht mit Nachschlagewerken behelfen. „Viel schwieriger sind die Glaubensfragen, die aus einer Überzeugung heraus beantwortet werden müssen. Da kommt es vor allem darauf an, authentisch und ehrlich zu antworten”, sagt Schnabel.

Wer beispielsweise nur einmal im Jahr bete, solle nicht betonen, wie wichtig Beten sei, um in den Himmel zu kommen. Auch Zweifel am Glauben könnten erörtert werden. Dabei werde klar, dass Überzeugungen sich ändern können. Man solle aber den Kindern keine „Mini-Vorträge” halten, sondern so einfach wie möglich antworten und weitere Fragen abwarten.

Petra Freudenberger-Lötz schlägt vor, sich mit den Kindern „auf die Suche nach Antworten zu begeben”. „Wer eine Frage stellt, hat oft schon eigene Ideen im Kopf, auf die sollte man eingehen. Und es gibt auf religiöse Fragen nicht nur eine Antwortmöglichkeit - wer das den Kindern mitgibt, schafft die Grundlage für Toleranz für andere Glaubensrichtungen.”

Wer beispielsweise auf eine christliche Erziehung mit Gottesdiensten Wert lege, solle die Kinder nicht dazu drängen. „Ich persönlich zwinge meine Kinder nicht, in die Kirche zu gehen. Ich möchte aber wissen, warum sie das möglicherweise nicht wollen. Dann können wir vielleicht Gottesdienste aufsuchen, die interessantere Angebote für diese Altersgruppe machen. Oder gemeinsam aus biblischen Geschichten lesen.”

Nicht alle Geschichten in der Bibel eigneten sich jedoch für die „Erstbegegnung mit Religion”. „In vielen Lehrplänen und Büchern für jüngere Kinder fehlt beispielsweise die Geschichte von der Opferung Isaaks.” Diese Episode könne Kindern Angst machen und sei sehr komplex in ihrer Deutung. Generell raten die Experten, Kindern beim Sprechen über Religion so wenig Angst oder Schuldgefühle wie möglich zu machen.

Dass Jesus eines grausamen Todes gestorben sei, könne man aber auch mit Kindern besprechen, wenn sie nachfragten, sagt der Tübinger Theologe Friedrich Schweitzer. „Sie bekommen ja in den Medien unter Umständen auch von Morden oder Kriegen mit. Man kann zum Beispiel sagen, dass böse Menschen Jesus gekreuzigt haben.”

Generell gebe es noch große Unterschiede zwischen den Generationen, was das Thema Angst und Religion angehe. „Die heutigen Großeltern sind noch mit bedrohlichen Erziehungselementen aufgewachsen, die mit der Religion begründet wurden, wie Gott sieht alles, Gott bestraft dich”, sagt der evangelische Professor. „Die heutigen Eltern sind eher bemüht, keine Angst mehr zu machen, es ist eher die Rede vom lieben Gott, wenn überhaupt die Rede von Gott ist.”

Aus Schweitzers Sicht fehlt es vielen Kindern an einer Begleitung in religiösen Fragen, vor allem was die Unterschiede in den Glaubensrichtungen wie Christentum, Islam oder Judentum angehe. „Viele Kinder treffen bereits in den Kindergärten auf andere Religionen, da kommen Fragen auf, welcher nun der bessere Gott ist.”

In einer Studie hat sich Schweitzer zusammen mit Kollegen dem Umgang mit interreligiösen Fragen in Kindergärten gewidmet. „Dabei ist klar geworden, dass viele Erzieher vor diesen Themen zurückschrecken.” Grund sei möglicherweise die Angst, etwas falsch zu machen, weil sie sich nicht genügend ausgebildet fühlten. „Es ist aber wichtig, Respekt und Wertschätzung für andere Religionen zu vermitteln, und Kinder sind zunächst einmal genauso offen dafür, wie sie begreifen, dass es andere Sprachen oder Länder gibt.”

Kinder hätten sehr existenzielle Gefühle, wie Angst, Hoffnung, Vertrauen und Misstrauen, oder die Sorge, verlassen zu werden. Dies seien Themen, die religiöse Anteile hätten, oder zumindest philosophische. Auch wenn Eltern Atheisten oder weniger gläubig seien, wäre es aus Schweitzers Sicht wünschenswert, den Kindern eine Chance zu geben, religiöse Rituale kennenzulernen.

Oft stellten sich Fragen im Zusammenhang mit Lebensereignissen wie dem Tod eines Verwandten, oder bei Festen wie Weihnachten. Dies seien gute Anknüpfungspunkte, um über Glauben zu sprechen. Dabei müssen Eltern nicht sofort auf alles eine Antwort parat haben. „Man muss ja nicht gleich alles im Kindergartenalter erledigen”, sagt Schweitzer.
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