Mit Fingerspitzengefühl die Welt sehen: Leipziger Zentralbücherei für Blinde

Von: dapd
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Die Leipziger Bücherei ist die älteste öffentliche Blindenbibliothek Deutschlands, sie produziert auch selbst Bücher in Blindenschrift sowie Hörbücher speziell für Blinde.

Leipzig. Die Geschichte vom „Herrn der Ringe” steht in Thomas Kahlischs Büro gleich neben dem Schreibtisch: 15 in dunkelgrünem Stoff eingefasste, großformatige Bände umfasst der Fantasy-Klassiker in Brailleschrift - im Regal nehmen sie fast einen Meter in Beschlag.

„Überträgt man die Druckschrift für Sehende in Blindenschrift, so wachsen die Bücher um ein Drittel”, erklärt der Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB). Denn die Punktschrift braucht dickeres Papier, und Buchstaben und Zeilenabstände erfordern mehr Platz.

Die 1894 gegründete Leipziger Bücherei ist die älteste öffentliche Blindenbibliothek Deutschlands, sie produziert auch selbst Bücher in Blindenschrift sowie Hörbücher speziell für Blinde.

Ende September (vom 28. bis 30.) richtet sie im Auftrag der Weltblindenunion den Kongress „Braille 21” aus und widmet sich dem System, das der Franzose Louis Braille im Jahr 1825 entwickelt hat: Sechs Punkte, angeordnet wie auf einem Würfel, stellen in unterschiedlichen Kombinationen die Buchstaben des Alphabets dar.

„Den Blindenverbänden aus aller Welt geht es um eine stärkere Verbreitung von Brailleschrift im Alltag, um bessere Zusammenarbeit und wie wir als Bibliotheken Internet, Handys oder Smartphones zur Verbreitung von Literatur nutzen können,” fasst Kahlisch einige der Ziele zusammen.

Er selbst ist unzufrieden mit der Auswahl an Braillebüchern in Deutschland: Nur rund zwei Prozent der Literatur sei auch in Punktschrift verfügbar. „Verlage kümmern sich nicht um dieses Feld, da die kleinen Auflagen für sie wirtschaftlich kaum interessant sind”, erklärt der studierte Informatiker.

Die Produktion eines Blindenschriftbuches ist aufwendig, bis zum Erscheinen dauert es meist ein Jahr. In der Leipziger DZB übertragen 15 Mitarbeiter Literatur aus der „Schwarzschrift”, wie es heißt, in die Punktzeichen.

20.000 können Blindenschrift lesen

Etwa 150 Bücher übersetzen sie im Jahr; auch Atlanten, Kalender oder Zeitschriften entstehen in dem Haus in der Gustav-Adolf-Straße. Dabei hilft ein Computerprogramm, doch immer wieder gibt es Fälle, die ohne Software gelöst werden müssen.

Yvonne Samland, eine der Blindenschriftüberträger, deutet in einem Ratgeberbuch auf Tabellen sowie Fragen mit mehreren Antworten. „Das sind Strukturen, die man so nicht in Brailleschrift umsetzen kann. Wir müssen dies in anderer Form aufbereiten, etwa indem wir die Sachverhalte umschreiben”, erklärt sie.

Von den schätzungsweise etwa 150.000 komplett erblindeten Menschen in Deutschland können nur rund 20.000 die Blindenschrift lesen. „Sehbehinderungen oder Blindheit treten oft erst im Alter auf”, begründet Bibliothekarin Susanne Siems diese Zahlen. „Für viele ist es dann schwierig, die Brailleschrift so gut zu lernen, dass sie auch fließend lesen können.”

„Mensch ärger Dich nicht” als Übung

Die Schrift an sich sei nicht schwer, sagt Bianca Weigert. „Etwas komplizierter ist jedoch, erstmal das nötige Tastgefühl in den Fingerspitzen zu entwickeln, besonders für Ältere”, erzählt die Dresdnerin, die ehrenamtlich Erwachsenen die Brailleschrift lehrt.

Beim Einstieg helfen Übungstexte mit größerer Schrift und größeren Abständen. Oder eine regelmäßige Runde „Mensch ärger Dich nicht”, bei der die Schüler auf dem speziellen Spielbrett Löcher ertasten. Mit wöchentlich einer Doppelstunde und etwas Übung beherrsche man die Schrift nach einem halben Jahr, schätzt Bianca Weigert.

Vor allem junge Leute aber seien heute weniger bereit, die Brailleschrift zu lernen. Hörbücher und anderer technische Entwicklungen lassen es für manche verzichtbar erscheinen. Bianca Weigert aber macht sie sich stark für das Studium der Brailleschrift: „Das ist einfach ein Stück Bildung - auch zu wissen, wie ein Wort geschrieben wird. Nicht jeder will große Romane wälzen, aber man kann beispielsweise die CD-Sammlung selbst beschriften.”

Ursula Döring aus Leipzig hat die Blindenschrift erlernt, obwohl sie derzeit noch Schwarzschrift lesen kann. „Ich weiß, dass ich Braille eines Tages brauche”, erzählt die 76-jährige, die stark kurzsichtig ist und an einer Glaukom-Erkrankung leidet.

Zwei Jahre habe sie gebraucht: „Mit dem Tastsinn hat es etwas gedauert”, sagt sie und lacht. Fließend lesen kann sie zwar nicht.„ Aber wenn ich Arzneimittel zur Hand nehme, kann ich die Punktschrift darauf lesen.” Braille zu erlernen hatte für sie noch einen anderen Zweck: „Ich wollte endlich wieder die Schulbank drücken und so den Geist fit halten.”
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