Paderborn - Mit 87 Jahren in die Wohngemeinschaft

Mit 87 Jahren in die Wohngemeinschaft

Von: Michael Ruffert, epd
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Paderborn. Sie blickt konzentriert auf das Heft, dann fliegt der Kugelschreiber über das Papier: Erna Schröder löst gerne Kreuzworträtsel. „Dann bleibt man fit im Kopf”, sagt die 87-Jährige lachend.

In ihrem Zimmer sitzt sie oft alleine am Tisch, aber Gesellschaft ist nicht weit. Hinter der Zimmertür liegen Küche und Gemeinschaftsraum. Zwar ist Erna Schröder längst Rentnerin, aber sie lebt wie viele Studenten - in einer Wohngemeinschaft.

Es ist eine besondere WG: Die Wohnung im Zentrum von Paderborn teilen sich acht Frauen im Alter zwischen 68 und 88 Jahren, alle sind pflegebedürftig. „Ich konnte nicht mehr alleine wohnen, weil ich mehrmals gestürzt bin”, erzählt Schröder. In ein Altenheim mit oft sehr vielen Bewohnern und strikten Regeln wollte sie nicht.

Ihre Tochter hörte dann von der Seniorenpflege-WG, Erna Schröder zog kurz nach der Gründung vor eineinhalb Jahren ein - und fühlt sich heute wohl. „Wir kommen gut miteinander aus”, sagt sie. Zwar kracht es auch manchmal, aber die üblichen WG-Konflikte über Abwasch und Putzen fallen weg. Die Frauen werden von Hauswirtschaftlerinnen betreut, das Essen wird gekocht. Pfleger oder Betreuer der Caritas sind rund um die Uhr ansprechbar. Sie übernehmen auch die medizinische Versorgung, verteilen die Medikamente.

Bei dem Wohnkonzept kooperieren der Paderborner Spar- und Bauverein und der Caritasverband. Zu dem Neubau „Sighard-Gärten” in Innenstadtnähe gehören neben der WG noch 20 weitere Appartements und Wohnungen für Senioren. Mit seinen neuen Bauprojekten reagiert die Genossenschaft Spar- und Bauverein auch auf den demografischen Wandel.

„In Deutschland brauchen wir bis 2025 rund zwölf Millionen altersgerechte Wohnungen”, sagt Vorstandssprecher Thorsten Mertens. Derzeit seien von den 39 Millionen Wohnungen in Deutschland nur 350.000 für hilfebedürftige Senioren wirklich geeignet. Neue Wohnformen müssten die Wünsche alter Menschen nach Individualität, Selbstbestimmung, Gemeinschaft und gegenseitiger Hilfe aufgreifen.

Zu den WG-Zimmern gehört ein eigenes Bad mit Dusche. Die Frauen zahlen 280 Euro Miete an die Genossenschaft. Die Pflegeleistungen rechnet die Caritas einzeln ab, sie werden teilweise von der Pflegeversicherung übernommen: Wie viel Hilfe die Frauen brauchen, ist unterschiedlich. „Ich brauche Hilfe beim Duschen und beim Anziehen”, sagt Erna Schröder offen. Außerdem wird ihr Blutdruck regelmäßig kontrolliert, weil ihr Kreislauf schwach ist. Sie leidet zudem an Arthrose. Mit dem Rollator kann sie sich aber noch ganz gut fortbewegen. „Manchmal gehen wir zusammen zur Apotheke oder zur Drogerie”, erzählt sie.

In der Küche treffen sie sich vor dem Mittagessen - dann wird mitgeholfen. „Ich schäle gerne Kartoffeln”, erzählt Erna Schröder. Ihre Mitbewohnerin Emma Freier schneidet Gemüse. Sie hat vorher ganz in der Nähe gewohnt und wollte in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. „Ich kann wegen starker Arthrose nicht mehr laufen”, beschreibt die 88-Jährige ihr Leiden. Weil sie nicht mehr alleine wohnen konnte, kam die neu gegründete Pflege-WG gerade recht.

Es gibt Schnitzel mit Kartoffeln und Blumenkohl: Jeden Tag bestimmt eine andere WG-Bewohnerin, was auf den Tisch kommt - die Geschmäcker sind ähnlich. „Die Frauen mögen die traditionelle deutsche Küche”, sagt Köchin Helena Engler. Oft gebe es auch Eintopf. Nach dem Essen wird meist geruht - und später im Gemeinschaftsraum zusammen gespielt.

Manchmal liest Betreuerin Christel Berlin auch aus der Zeitung vor - und dann wird darüber gesprochen. „Wir wollen, dass die Frauen auch noch moderne Entwicklungen mitbekommen”, erzählt sie. Die Altenpflegerin weiß aus Erfahrung, dass das Leben in der WG anders ist als im Heim: „Es gibt hier mehr Freiräume, und keine so strikten Vorgaben im Tagesablauf.”
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