„Mein Kind schwänzt”: Eltern sollten Kontakt zu den Lehrern suchen

Von: Katja Fischer, dapd
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Ein leeres Klassenzimmer in einer Realschule. Wenn Kinder die Schule schwaenzen, sollten Eltern das nicht auf die leichte Schulter nehmen oder gar unterstuetzen, indem sie Entschuldigungszettel schreiben. Denn aus ein, zwei Bummelstunden am Nachmittag kann schnell eine Schulverweiger-Karriere werden. Foto: Volker Hartmann/ ddp/ dapd

Stuttgart/Hannover. Wenn Kinder die Schule schwänzen, sollten Eltern das nicht auf die leichte Schulter nehmen oder gar unterstützen, indem sie Entschuldigungszettel schreiben. Denn aus ein, zwei Bummelstunden am Nachmittag kann schnell eine Schulverweiger-Karriere werden.

Schulschwänzen könne Schülern regelrecht antrainiert werden, meint der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg. Eltern, die ihr Kind bei kleinsten Befindlichkeitsstörungen oder gar nur Unlustgefühlen nicht zum Unterricht schickten und wegen Krankheit entschuldigten, bereiteten dem späteren Schulschwänzen den Nährboden.

Die Prognose der Experten: Mit zunehmendem Alter nehmen sich die Kinder schon bei den geringsten zu erwartenden Schwierigkeiten ihre Auszeit, um der unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen. Die Hemmschwelle, sich selbst zu beurlauben, sinkt, die Fehlzeiten werden häufiger und länger. Jetzt setze ein Teufelskreis ein, warnt VBE-Sprecher Michael Gomolzig.

Denn durch die längere Abwesenheit bekämen die Schüler immer weniger vom Unterrichtsstoff mit, schrieben noch schlechtere Noten und der Schulverdruss werde verstärkt. Schüler, die sich für ihr Verhalten noch schämten, trauten sich ohne pädagogische Unterstützung nicht in die Klasse zurück. Die Folge sei weiteres Schwänzen.

Eltern müssen Kinder in die Schule schicken

„Eltern sind dafür verantwortlich, dass ihre Kinder zur Schule gehen”, betont Gertrud Plasse, Psychologierätin bei der Landesschulbehörde Hannover. „Sie müssen einerseits dem Kind die Pflicht zum Schulbesuch generell verständlich machen und haben darüber hinaus die Aufgabe, es morgens zu wecken und zur Schule zu schicken.” Kommen Eltern diesen Aufgaben nicht nach, drohen ihnen rechtliche Konsequenzen. „In einem Schreiben weist die Schule darauf hin, dass sie ihr Kind eine bestimmte Anzahl von Tagen nicht zur Schule geschickt haben.

Kommen weitere Fehltage hinzu, kann nach der Verwarnung eine Anzeige beim Ordnungsamt erfolgen. Diese wird bei erwachsenen Schülern gegen diese selbst, bei jüngeren gegen die Eltern erstattet. Die Geldstrafe beträgt etwa 1.000 Euro”, erklärt Gertrud Plasse.

Auf Warnsignale achten

In vielen Fällen wissen Eltern jedoch gar nicht, dass ihr Kind schwänzt. Die Kinder gehen morgens aus dem Haus und kommen zur gewohnten Zeit zurück. „Es gibt aber Warnsignale für schulvermeidendes Verhalten”, erklärt Gertrud Plasse. Anzeichen sind zum Beispiel, wenn das Kind nichts von der Schule erzählt, keine Arbeiten oder Briefe vorlegt, auch nicht von Schwierigkeiten berichtet. Aber auch häufige Bauch- oder Kopfschmerzen können Alarmzeichen sein. Mitunter schwänzt ein Schüler nur, weil er zu einer Clique gehört, in der andere das auch tun.

Wenn die Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind nicht zur Schule geht, sollten sie es sofort ansprechen, rät Gertrud Plasse. Wichtig sei, keine großen Lücken zuzulassen und das Kind am nächsten Tag wieder in die Schule zu schicken. „Es wird viel schwieriger, das Fehlen in der Schule aufzugeben, je länger es andauert”, sagt die Expertin. Alle Fehltage müssen nachgeholt werden, einschließlich Hausaufgaben. „Wenn nichts passiert, fühlen sich die Schüler nicht gesehen und schwänzen weiter.”

Die Schule muss natürlich die Eltern darüber informieren, wenn das Kind fehlt. Eltern, die einen entsprechenden Verdacht haben, sollten von sich aus auf den Lehrer zugehen und nachfragen. Denn der könnte auch annehmen, dass der Schüler erkrankt ist und erst nach drei Tagen krankgemeldet werden muss.

Ursachenforschung ohne Vorwürfe und Beschuldigungen

Unerlässlich ist es, den Ursachen für das Schwänzen auf den Grund zu gehen. Dazu sollten sich möglichst beide Eltern Zeit für ein ernsthaftes Gespräch mit ihrem Kind nehmen, ohne Vorwürfe und Beschuldigungen. Am weitesten kommen sie mit sachlichen Fragen nach dem Schulalltag, nach eventuellen Konflikten und Sorgen.

Die Landeskooperationsstelle Schule-Jugendhilfe Hessen empfiehlt Eltern, nicht aufzugeben, wenn solche Gespräche zunächst ins Leere laufen. Mitunter hilft ein zweiter Anlauf oder die Einbeziehung einer dritten neutralen Person, Eltern und Kinder miteinander ins Gespräch zu bringen.

Nicht selten stecken Ängste und ernsthafte Probleme hinter der Schulverweigerung. Zum Beispiel, wenn das Kind gemobbt wird. In solchen Fällen müssen Eltern mit den Lehrern und gegebenenfalls mit der Schulleitung offen reden. Bringen alle Bemühungen der Schule, das Mobbing zu beenden, nichts, hilft nur ein Schul- oder Klassenwechsel. Aber auch andere Ängste wie zum Beispiel vor bestimmten Schulfächern oder vor anderen Kindern müssen ernst genommen werden.

„Dann ist es ratsam, einen Schulpsychologen heranzuziehen”, meint Gertrud Plasse. Professor Johannes Hebebrand, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindesalters an der Universität Duisburg-Essen, der zu diesem Thema forscht, schätzt, dass zwischen 25 und 75 Prozent der Schulverweigerer unter behandlungswürdigen psychischen Problemen leiden.

Weiterführende Informationen:

Dieter Krowatschek, Holger Domsch: „Stressfrei in die Schule. Ängste überwinden”, Patmos Verlag, 2006, 14,90 Euro, ISBN: 978-3530401929 - Cornelia Nitsch, Cornelia von Schelling: „Schule ohne Bauchweh”, Goldmann Verlag, 2001, ISBN: 978-3442163472, antiquarisch erhältlich - Margrit Stamm: „Die Psychologie des Schuleschwänzens - Rat für Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker”, Verlag Hans Huber Bern, 2008, 18,45 Euro, ISBN 978-3-456-85609-5 - Annette Weber: „Merkt doch keiner, wenn ich schwänze”, Verlag An der Ruhr, 5,00 Euro, ISBN: 978-3-8346-0036-3
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