Leipzig - Leipziger Max-Planck-Institut erforscht Spracherwerb bei Kindern

Leipziger Max-Planck-Institut erforscht Spracherwerb bei Kindern

Von: Heiko Kunzmann, ddp
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Leipzig. Neugierig schaut der dreijährige Levi auf die zwei Schachteln auf dem Tisch.

Eine Plüschkuh und ein grüner Frosch geben ihm Tipps: „Ich glaube, dass in der blauen Box das Bild ist”, sagt die Kuh. Dann der Plüschfrosch: „Ich weiß, dass in der gelben Box das Bild ist.”

Manja Teich, die beide Handpuppen führt und ihnen ihre Stimme leiht, beobachtet mit ihrer Kollegin Silke Brandt, wie Levi nach der gelben Schachtel greift, sie öffnet - und sich über den darin liegenden Tiersticker freut. Was wie reines Spiel anmutet, soll Licht bringen in eine hochkomplexe Angelegenheit: Wie erlernen Kinder ihre Sprache?

Dazu führen Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig mehrere Studien durch. Der Schachteltest etwa soll zeigen, ab wann Kinder zwischen der etwas vagen Aussage „ich glaube” und dem sicheren „ich weiß” bewusst unterscheiden und danach handeln können. „In der Frühphase ihrer sprachlichen Entwicklung gehen Kinder davon aus, dass alle das Gleiche wissen”, erklärt Silke Brandt, Postdoktorandin in der Abteilung für Vergleichende und Entwicklungspsychologie, den Sinn des Tests. Erst ab etwa dem dritten Lebensjahr wachse das Verständnis, dass Menschen unterschiedliche Wissensstände haben, es also Unterschiede darin gibt, ob man etwas glaubt oder es genau weiß - und dass jeder Mensch aus seiner Perspektive heraus erzählt.

Diese komplexeren Sprachstrukturen sind das Hauptforschungsgebiet der jungen Linguistin. Sie ist regelmäßig für Studien mit Drei- und Vierjährigen in Leipziger Kindergärten unterwegs. Neben der Tasche mit den Schachteln hat sie dann auch zwei hellbraune, große Stoffhunde dabei. „Die lassen wir Geschichten erzählen, und anschließend fragen wir die Kleinen, was passiert ist”, berichtet Silke Brandt. Auf diese Weise prüft sie, inwieweit die Kinder das in der Ich-Form Erzählte in eine andere Perspektive - etwa in die dritte Person - übertragen können - eine Art Kreativitätstest, wie sie beschreibt: „Sprache sollte von den Kindern ab einer bestimmten Entwicklungsstufe nicht nur imitiert werden, sondern sie sollten die gelernten Worte und Konstruktionen selbst variieren können”, sagt die Expertin.

Zur Sprache gehören Brandt zufolge neben Wörtern und Grammatik auch kognitive Fähigkeiten, also Wissen und Erkennen. Zwei Postdoktoranden und vier Doktoranden versuchen am Leipziger Institut, dem komplexen Phänomen des Spracherwerbs auf die Spur zu kommen. Diese Grundlagenforschung kann laut Brandt Aufschluss darüber geben, wie sich ein Kind normalerweise entwickelt, welch unterschiedliche Mechanismen beim Spracherwerb wirken und wie das Sprachtalent wächst, wenn Eltern mit den Kleinen sprechen. Meist laufen mehrere Studien parallel, einige an Leipziger Kindergärten, einige am Institut. Hinzu kommt noch die Analyse von Langzeitstudien, in der die Kommunikation zwischen Mutter und Kind über eine Woche oder einen Monat für jeweils mehrere Stunden aufgezeichnet wurde. Auch mit einem Max-Planck-Institut im niederländischen Nijmegen sowie mit der Uni Manchester arbeiten die Leipziger zusammen.

„Sprache - davon gehen wir aus - ist nicht etwa angeboren. Die Regeln dafür erlernen die Kinder aus ihrer Umwelt”, erklärt Brandt. Sprösslinge, mit denen die Eltern häufig sprechen, lernen auch schneller, sich auszudrücken. Auf den Spracherwerb der Knirpse wirkten sich kurze Sätze, Wiederholungen und das Variieren von Satzinhalten positiv aus, sagt Sprachwissenschaftlerin. So könnten die Kinder zum Beispiel den Unterschied zwischen „glauben” und „wissen” schneller begreifen.

Ein erstes Ergebnis zeigt der Schachteltest bereits, den Levi und andere Kinder mitgemacht haben. Wenn die beiden Varianten „er weiß” und „ich weiß” auftauchen, entscheiden sich die Kinder meist für die Schachtel, auf die die Aussage „ich weiß” zutrifft, erzählt die Psychologin. „Offenbar wiegt es mehr, wenn jemand bekräftigt, etwas zu wissen, als wenn eine Person über eine andere aussagt, dass diese es weiß”, sagte sie.
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