Krankheit Stigma: Wenn Kinder nicht „normal” aussehen

Von: Tobia Hanraths, dpa
Letzte Aktualisierung:
Krankheit als Stigma: Wenn Kinder nicht „normal” aussehen
Mitschüler können ganz schön gemein sein: Das gilt besonders, wenn ein Kind wegen einer Krankheit anders ist als die anderen. Foto: dpa

Lindau/Berlin. Kinder können grausam sein. Melanie T. aus München hat es bei ihrer Tochter selbst erlebt: Vor acht Jahren kam Laura mit einer doppelseitigen Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte zur Welt. Die wurde zwar operiert, die Spuren sind aber bis heute sichtbar. Im Kindergarten fiel Laura auf, erzählt Melanie T.: „Die etwas älteren Kinder haben blöde Sprüche und Schimpfwörter erfunden, die dann auch die kleineren Kinder nachgeplappert haben.”

Im Kindergarten fiel Laura auf, erzählt Melanie T.: „Die etwas älteren Kinder haben blöde Sprüche und Schimpfwörter erfunden, die dann auch die kleineren Kinder nachgeplappert haben.”

Für Laura war die Zeit im Kindergarten eine große Belastung: „Im Nachhinein betrachtet hätte ich sie lieber da rausnehmen sollen”, sagt ihre Mutter. So wie Laura geht es vielen Kindern - zur Belastung durch die Krankheit kommen Schwierigkeiten aus dem sozialen Umfeld. „Das ist die sogenannte psychosoziale Seite der Krankheit und ein schwerwiegendes Problem”, sagt Kinderarzt Harald Tegtmeyer-Metzdorf.

Der Psychotherapeut und Diplom-Psychologe arbeitet in Lindau am Bodensee und kennt viele Fälle wie den von Laura: „Jede sichtbare Krankheit sorgt bei anderen für eine Reaktion.” Teilweise sei das ganz normal - wenn etwas optisch von der Norm abweicht, erzeuge es Neugier und Unsicherheit.

Diese Erfahrung hat auch Melanie T. gemacht - seit Lauras Geburt ist sie Blicke von Passanten gewohnt. „Das finde ich auch in Ordnung”, sagt sie. „Ich würde auch hinschauen.” Es gebe aber einen Unterschied zwischen Gucken und Starren. Schlimm sei, wenn daraus Aggressionen oder Vorurteile würden: „Ich habe zum Beispiel eine Erzieherin erlebt, die Laura unbedingt auf eine Förderschule schicken wollte.”

Solche Vorurteile entstehen meist aus Unwissenheit oder diffusen Ängsten. Marlen U. aus Berlin ist seit ihrem zwölften Lebensjahr an Psoriasis erkrankt, auch als Schuppenflechte bekannt. Ihr größtes Problem waren nicht andere Kinder, sondern deren Eltern: „Die haben ihren Kindern gesagt, sie sollen beim Spielen mit mir lieber aufpassen.” Dabei ist Psoriasis nicht ansteckend.

„In solchen Fällen hilft nur Aufklärung”, sagt Tegtmeyer-Metzdorf. „Wer anderen Leuten seine Krankheit erklären kann, nimmt ihnen die Unsicherheit.” Kleine Kinder können das aber nicht selbst. Hier sollten Eltern die Aufklärungsarbeit übernehmen, zum Beispiel indem sie das Thema auf Elternversammlungen ansprechen. Marlen U. hat selbst irgendwann angefangen, anderen ihre Krankheit zu erklären - und dann gemerkt, dass ihr das auch selber hilft. „Ich habe meiner Ärztin jede Frage gestellt, die mir eingefallen ist.” Das habe ihr Souveränität gegeben.

„Blöde Sprüche habe ich dann eigentlich keine mehr gehört”, erzählt die mittlerweile 23-Jährige. Auch nicht, als die Psoriasis mit 16 so schlimm wurde, dass sie sich nicht mehr unter langen Pullovern verbergen ließ. „Wenn ich meine Krankheit versteckt habe, hatte ich immer auch das Gefühl, mich selber zu verstecken. Seit ich das nicht mehr mache, geht es mir besser.”

Oft liegt die Ursache für die psychische Belastung durch sichtbare Krankheiten nicht so sehr bei anderen, sondern beim Verhältnis des Betroffenen zu sich selbst. Besonders schlimm ist das für Jugendliche in der Pubertät, in der viele ohnehin ein schwieriges Verhältnis zum eigenen Körper entwickeln. Hier seien vor allem die Eltern gefragt, sagt Tegtmeyer-Metzdorf: „Nur wenn die Eltern zu ihrem Kind stehen, kann das Kind auch zu sich selbst stehen.” Fatal sei dagegen, im Kind nur die Krankheit oder ein Problem zu sehen.

So sieht das auch Lauras Mutter Melanie T.: „Kind und Eltern müssen gemeinsam einen idealen Weg finden.” Patentrezepte gebe es keine: „Ich kann meinem Kind nicht raten, immer ruhigzubleiben, wenn mich die blöden Sprüche selber aggressiv machen.”

Bei kleinen Kindern sollten aber auch die Erzieher in Schule und Kindergarten Teil der Überlegung sein - hier müssten Kompetenz und der Wille da sein, mit Kindern wie Laura richtig umzugehen. Melanie T. hat das selbst erlebt. Laura geht mittlerweile auf die Grundschule und hat dort eine Lehrerin, die auf Laura eingeht und Hänseleien der Klassenkameraden unterbindet. Der Unterschied ist gewaltig: „Seitdem ist mein Kind viel selbstbewusster, wie ausgewechselt.”

Im Zweifelsfall professionelle Hilfe einholen

Wenn die Belastung durch eine stigmatisierende Krankheit unerträglich wird, sollten Betroffene lieber professionelle Hilfe einholen. „Eine gewisse psychologische Grundversorgung können schon die Kinderärzte übernehmen”, erklärt der Jugendpsychologe Harald Tegtmeyer-Metzdorf. Sollte das nicht reichen, gibt es noch andere Optionen: Das kann ein speziell psychologisch ausgebildeter Kinderarzt oder ein Jugendpsychologe sein, in vielen Städten gibt es sozialpädiatrische Zentren. Bei hauptsächlich sozialen Problemen können auch örtliche Kinder- und Jugendberatungsstellen weiterhelfen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert