Offenburg - Kleine Schweiger: Stille Kinder müssen Spaß an Sprache erst lernen

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Kleine Schweiger: Stille Kinder müssen Spaß an Sprache erst lernen

Von: Bettina Levecke, dpa
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Kinder
Seien die Kinder nach einem Streit mit dem Bruder oder der Schwester sehr aufgebracht, sollte man ihnen erst einmal Gelegenheit geben, sich zu beruhigen. „Dazu schickt man beispielsweise eines der Kinder zum Händewaschen oder bietet ihm an, sich auf seinem Zimmer etwas abzuregen.” Foto: dpa

Offenburg. Manche Kinder reden ohne Punkt und Komma. Anderen muss man jedes Wort aus der Nase ziehen. Wenn Kinder nur wenig sprechen und von sich aus nichts erzählen, ist das für Eltern eine echte Herausforderung. Doch es gibt Wege, kleine Schweiger zum Sprechen zu ermuntern.

Viele Eltern kennen diese Situation. Fragen sie den Nachwuchs, wie es in der Schule war, kommt nur ein müdes „Okay”. Und sonst? „Ganz gut.” Thema beendet. Es ist schwierig für Eltern, wenn ihre Kinder nicht mit Informationen herausrücken. Oft erfahren Mutter oder Vater dann erst durch Gespräche mit Lehrern oder Erziehern, was ihr Kind treibt, mit wem es befreundet ist oder wie es in der Gemeinschaft zurechtkommt.

Das gelte vor allem für Jungs, sagt der Kinderpsychologe Martin Teichert aus Offenburg. „Es gibt große Geschlechtsunterschiede im Kommunikationsverhalten.” Ein Phänomen, dass anscheinend durch traditionelle Rollenmuster geprägt wird. „Mädchen tauschen sich mit ihren Freundinnen intensiv aus, Jungs spielen und toben mehr.” Und die Eltern fördern diesen Unterschied der Geschlechter unbewusst mit: „Bei Jungen wird ein introvertiertes Verhalten eher akzeptiert als bei Mädchen.”

Sprechen sei aber auch immer eine Frage der Persönlichkeit, erklärt Stefanie Pirkl, Diplom-Sprachheilpädagogin aus Remscheid. „Manche Kinder sind einfach ruhiger, ob Eltern das nun gefällt oder nicht.” Aus einem stillen Kind ein redseliges Plappermaul machen zu wollen, sei keine gute Idee. „Man darf die Kinder nicht verbiegen.” Doch was ist tun, wenn das Kind einfach nicht erzählen will? „Eltern dürfen keinen Druck machen!”, warnt Teichert. Hilfreich sind Strategien, um die Lust am Sprechen zu wecken. „Schweigsame Kinder müssen erst lernen, dass die Sprache ein tolles Werkzeug ist, von dem sie profitieren können”, erläutert Pirkl.

Statt allgemeine Fragen zu stellen, sollten Eltern ihr Kind lieber auf konkrete Momente ansprechen. „Was hast du heute in der Schule gelernt?”, „Welche Hobbys hat dein Freund?” - auf diese Fragen können Kinder nicht nur mit „Ja” oder „Nein” antworten. Ganz wichtig sei, sich immer Zeit zu nehmen und das Kind aussprechen zu lassen: „Kinder, die das Gefühl haben, dass Mama und Papa sich wirklich interessieren, erzählen viel lieber”, sagt Teichert.

Kinder dürfen allerdings nicht das Gefühl bekommen, in einem Verhör zu sitzen. Ratgeberautorin Cornelia Nitsch aus Bad Tölz warnt: „Je intensiver Sie fragen, desto schweigsamer verhält sich das Kind und reagiert oft immer verschlossener.”

Anstatt immer nur bei großen Themen wie Schule und Hausaufgaben nachzufragen, sollten Eltern sich auch bewusst der Welt der Kleinen öffnen. „Überlegen Sie, was Ihr Kind bewegt”, rät Teichert. Eltern könnten etwa fragen: „Was hat Sponge Bob in der letzten Folge erlebt?”. „Kinder finden es toll, wenn die Eltern echtes Interesse an ihrem Leben zeigen”, erklärt der Kinderpsychologe.

Gut ist, wenn solche Gespräche nicht nur zwischen Tür und Angel stattfinden. „Nehmen Sie sich bewusst Zeit”, rät Pirkl. Ob beim Mittagessen oder beim Kuscheln vorm Zubettgehen: „Richten Sie feste Rituale ein, um mit Ihrem Kind den Tag Revue passieren zu lassen.”

Dabei passen Eltern besser auf, dass sie Gesagtes nicht belächeln. „Sensible Gemüter verlieren dann die Lust am Reden”, warnt Cornelia Nitsch. Wird das Sprechen dagegen zu einer angenehmen Situation, könnten die Kinder die Sprachlosigkeit überwinden lernen, erläutert Teichert. Wenn das Kind mal nichts zu erzählen hat, lieber kuschelt oder zuhört, ist das aber auch völlig okay. „Solche Tage hat schließlich jeder mal”, ergänzt Pirkl.

Wenn alle diese Versuche nicht fruchten, sollten Eltern überlegen, warum ihr Kind so schweigsam ist. „Die Sprachlosigkeit kann auch auf eine Belastung hinweisen”, erklärt Teichert. Der Dauerstreit der Eltern, eine Trennung oder Probleme in der Schule: „Überlegen Sie, was Ihr Kind ängstlich oder sorgenvoll gemacht haben könnte.” Ein Gespräch kann erste Vermutungen bestätigen: „Ich höre so wenig von dir, was ist eigentlich los?” Oft dauert es ein wenig, bis Kinder sich trauen, über ihre Probleme zu sprechen. „Eltern müssen Geduld und viel Feingefühl mitbringen.”

Spricht das Kind aber dauerhaft nicht, sollten Eltern sich Hilfe suchen. Wenn Kinder zum Beispiel gegenüber bestimmten Personen oder Situationen die Sprache verweigern, kann eine Kommunikationsstörung vorliegen. Dieser Mutismus werde jedoch nur selten vom Kinderarzt erkannt, sagt Stefanie Pirkl. Eltern, die eine Kommunikationsstörung bei Ihrem Kind vermuten, sollten zu einer Erziehungsberatungsstelle oder in ein Sozialpädiatrisches Zentrum gehen. „Diese Einrichtungen gibt es in jeder größeren Stadt.”

Nicht für das Kind sprechen

Wenn Kinder schweigen, sollten Eltern nicht stellvertretend für sie sprechen. „Viele Eltern neigen dazu, für das Kind zu antworten”, sagt die Sprachheilpädagogin Stefanie Pirkl aus Remscheid. „Doch so können Kinder nicht lernen, selbstständig mit der Sprache umzugehen.” Wenn immer Papa nach einem Eis fragt, lernen Kinder nicht, ihre Wünsche selbst zu artikulieren. Grundsätzlich gilt: Wer einen Wunsch hat, muss ihn auch selbst äußern. „Nur so erfahren Kinder, wie wichtig Sprache für das eigene Wohlbefinden ist.”
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