Hannover - Immer mehr berufstätige Mütter leiden an Burn-out-Symptomen

Whatsapp Freisteller

Immer mehr berufstätige Mütter leiden an Burn-out-Symptomen

Von: epd
Letzte Aktualisierung:
Babypause/Mutter/Kind
Klare Ansagen machen: Bei einer Babypause sollten Mütter dem Chef frühzeitig Bescheid geben, wann sie wieder in ihren Job einsteigen wollen. Foto: dpa

Hannover. Als die Ingenieurin Claudia Peschel (Name geändert) vor zwei Jahren ihre Tochter Lina bekam, hat sich ihr Leben stark verändert.

Unter der Woche arbeitet der Mann der Hannoveranerin in Hamburg, so dass sie praktisch alleinerziehend ist. „Ich versuche, bei bestimmten Dingen Abstriche zu machen.” So arbeitet die 44-Jährige inzwischen nur noch halbtags und will es auch erst einmal dabei belassen. Oft ist sie am Rande der Erschöpfung.

Jede zweite berufstätige Mutter hat bei einer Befragung der Techniker Krankenkasse angegeben, sich gestresst und oft sogar ausgebrannt zu fühlen. Kinder und Karriere, Mann und Muße, Haushalt und Hobby unter einen Hut zu bringen, belastet viele Frauen nach eigenen Aussagen sehr.

Die Hamburger Psychologin Helen Heinemann kennt das Problem berufstätiger Mütter: Auf der einen Seite stehe die Einsicht, dass nicht alles ginge. Auf der anderen Seite versuchten die Frauen trotzdem, alles unter einen Hut zu bekommen.

Heinemann bietet seit zwei Jahren in vielen größeren Städten Burn-out-Präventionsseminare für Mütter an. Sie hat selbst vier Kinder großgezogen und nebenbei immer gearbeitet. Sie weiß, wie oft sich die Frauen am Rande eines Nervenzusammenbruchs fühlen und den Belastungen im Alltag kaum Stand halten können.

„Sie kommen schon fast ausgebrannt bei uns an”, sagt die Expertin. Es seien meist sehr leistungsfähige Frauen, die sowohl im Beruf als auch in der Familie mit hohem Engagement arbeiteten. „Sie nehmen häufig nicht wahr, wie es ihnen selber geht. Wenn sie es merken, ist es auch schon zu spät.”

Zu Beginn ihrer Arbeit zur Burn-out-Prävention dachte Heinemann, sie hätte es vornehmlich mit Müttern jüngerer Kinder zu tun. Doch das Durchschnittsalter liegt bei 42 Jahren: „Zu dem Zeitpunkt kommt oft noch irgendein Ereignis dazu”, erläutert sie: „Ein Kind funktioniert in der Schule nicht so, wie man sich das gewünscht hat, oder es gibt eine berufliche Veränderung. Wenn dann noch ein Elternteil krank wird oder pflegebedürftig ist oder die Familie nochmal umzieht, dann bricht alles zusammen.”

Auch die Hannoveranerin Claudia Peschel weiß oft nicht, was sie zuerst tun soll. Ihre Arbeit als Ingenieurin fordert sie, die Wäscheberge türmen sich, ihre kleine Tochter hat Windpocken, ihr Mann möchte mit ihr auf eine Feier und ihre beste Freundin braucht Rat. Deshalb hat sie sich für ein Präventionsseminar bei Helen Heinemann angemeldet.

Mit zwölf anderen Frauen macht Claudia fünf Tage lang im evangelischen Stephansstift in Hannover eine Bestandsaufnahme ihrer Lebenssituation. Gemeinsam erzählen, malen, meditieren und sortieren die Frauen, manchmal wird dabei auch geweint.

Bei vielen „Multitasking Mums” werde inzwischen die sogenannte „Hurry Sickness”, die Hetzkrankheit, diagnostiziert. Bei dieser Krankheit, die Psychologen in Nordamerika wissenschaftlich unter die Lupe nehmen, zeigten die Frauen Symptome wie ein geschwächtes Immunsystem oder Schlafstörungen, aber auch Herz- und Magenbeschwerden, Spannungskopfschmerzen bis hin zu Angstzuständen und Depressionen.

Die Ansprüche an berufstätige Mütter sind hoch, sagt Heinemann. Das betreffe die Erwartungen an sich selbst genauso wie jene, die gesellschaftlich an sie herangetragen werden. Die Frau gelte als eine Art „Perfektionistin des Multitasking” nach dem Credo „alles ist möglich, vieles kann gleichzeitig erledigt werden”.

Wie weit eine berufstätige Mutter durch ständiges Koordinieren und Organisieren belastet werden kann, hat Judith Kurz (Name geändert) am eigenen Leib erfahren. Im vergangenen Jahr war die 44-jährige Göttingerin mit ihren Nerven am Ende. Ihre Lebensfreude war stark zurückgegangen, alles war ihr zu viel.

Sie brauchte eine Pause von ihrem Alltag und nahm sie sich bei einer Muttergenesungs-Kur auf der Nordseeinsel Juist. Nach ihrer Rückkehr war sie erneut mit großen Erwartungen konfrontiert: „Ich komme wieder, ich bin erholt, jetzt darf ich natürlich nicht mehr jammern, sondern muss wieder funktionieren.”

Dabei sei es so wichtig, sich im Alltag um sich selbst zu kümmern, sagt die Psychologin: „Die Frauen stellen in dem Moment, wo sie zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit noch Familie haben, ihre eigenen Bedürfnisse stark zurück. Das ist aber eigentlich die Quelle, wo sie auftanken können.”

Heinemann rät den Betroffenen, an etwas anzuknüpfen, was sie schon früher gern getan haben: wieder in den Chor zu gehen, Sport zu treiben oder einfach mal ein Buch am Stück zu lesen. „Wenn ich einen festen Termin beim Chor habe und für eine Aufführung übe, fällt es mir leichter, die Küche unaufgeräumt zu hinterlassen.” Die Alltagsdinge erhielten so einen anderen Stellenwert: „Das ist die Chance, und damit kommen die Frauen gut zurecht.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert