Aachen - „Ich weiß meinen Vater in guten Händen”: Hospiz feiert Bestehen

„Ich weiß meinen Vater in guten Händen”: Hospiz feiert Bestehen

Von: Elke Silberer, dpa
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Aachen. Die Sterbenden heißen Gäste und der Tod ist kein Tabu - Nach Gründung des ersten deutschen Hospizhauses hat sich im Umgang mit Tod und Krankheit viel verändert. Aber das Ziel ist noch nicht erreicht.

Willem Palmen war sicher mal ein Kerl wie ein Baum. Jetzt liegt er sterbenskrank auf seinem Bett. Der Händedruck ist noch immer fest, der Blick klar. Seine Tage sind gezählt. Der Mann ist 84. Er hat Krebs, den Körper voller Metastasen. Im Schrank hinter ihm stehen die Fotos seiner Tochter und der erwachsenen Enkelkinder. Er muss sich nicht umdrehen, um sie zu erklären. Wie oft hat er diese Fotos wohl in den letzten Wochen angesehen. „Ich bin froh, wenn ich das überstanden habe”, sagt er. Mit „das” meint er das Sterben. Es ist ein schwerer Abschied. Tränen rollen ihm über die Wangen.

Palmen ist seit Juli im „Haus Hörn”. Es ist das älteste Hospiz in Deutschland. Die Räume sind licht, modern und freundlich. Es riecht nicht nach Tod und Krankheit. Das Haus ist umfassend umgebaut worden. Darum feiert „Haus Hörn” an diesem Freitag (28. September) mit einem Jahr Verspätung sein 25-jähriges Bestehen.

Als das Haus 1986 öffnete, war der Tod noch mehr gesellschaftliches Tabu-Thema als heute. Es gab Widerstand in der Wohngegend. Die Leute wollten keine Leichenwagen sehen. Die meisten Todkranken leben nur noch wenige Wochen, wenn sie in ein Hospiz kommen. Haus Hörn hat nur zwölf Plätze, aber im vergangenen Jahr sind hier 126 Menschen gestorben.

Die Leiterin Inge Nadenau spricht nicht von Patienten, sondern von Gästen, in Anlehnung an das Wort „Hospitium” (Herberge). Und so werden die Menschen behandelt. Das Hospiz hat nichts von einem Versorgungs- - und Pflegebetrieb. Hier werden Wünsche erfüllt und sei es der, einfach mal später aufzustehen und zu frühstücken.

„Es geht um Leben bis zuletzt”, sagt Nadenau, und sie meint nicht überleben. 16 professionelle und ehrenamtliche Helfer kümmern sich um Körper, Geist und Seele der Kranken. Fast immer sind es Krebskranke. „Sie sollen möglichst ohne Schmerzen und ohne Luftnot leben”, sagt Pflegedienstleiterin Tanja Crumbach. Das stationäre Hospiz ist die Endstation des Lebens, wenn keine Therapie mehr hilft, die Pflege zu Hause nicht mehr geht und der Tod greifbar nahe ist.

195 Hospize in Deutschland, 80.000 Ehrenamtliche, ambulante Hospizdienste, die kostenlose Versorgung in einem Hospiz - die Hospizbewegung hätte vor 30 Jahren nicht im Traum an eine so rasante Entwicklung gedacht. Aber sie ist längst nicht am Ziel. Nach einer vom Deutschen Hospiz- und Palliativverband in Auftrag gegebenen repräsentativen Befragung wollen 66 Prozent der Deutschen zu Hause sterben, tatsächlich sind es bisher nur 25 Prozent.

„An dem Ziel arbeiten wir. Wir müssen drauf hinwirken, dass es zeitnah mehr Menschen ermöglicht wird, zu Hause zu bleiben bis zum Lebensende”, sagt der Geschäftsführer des Verbands, Benno Bolze. Wichtig sei der Ausbau ambulanter Versorgungsstrukturen, die rund um die Uhr verfügbar sein müssen. In der Stadt gelinge das derzeit häufig besser als auf dem Land. Im Aachener „Haus Hörn” stehen 40 Menschen auf der Warteliste - für zwölf Plätze.

Die Tochter von Willem Palmen sitzt am Bett des Vaters, wie fast jeden Tag. Die Mutter war vor fünf Jahren gestorben. Petra Becker hat die Mutter gepflegt. Dann wurde der Vater krank. Er wohnte ein paar Häuser von ihr entfernt. Jetzt den Vater pflegen? „Ich kann das nicht mehr”, sagt die Frau. Manchmal habe sie ein schlechtes Gewissen, sagt sie. „Aber wenn ich nach Hause gehe, weiß ich meinen Vater in guten Händen.”
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