Essen - Hinten sitzt der Chef - Motorradfahren mit Kindern

Hinten sitzt der Chef - Motorradfahren mit Kindern

Von: Christoph Walter, dpa
Letzte Aktualisierung:
Motorrad
Geteilte Freude: Sobald Kinder sicher auf einem Motorrad sitzen können, ist die Zeit reif für gemeinsame Touren. Experten raten zunächst zu Übungen, um die Steppkes mit der Fahrdynamik eines Motorrads vertraut zu machen. Foto: dpa

Essen. Kinder können ja so hartnäckig sein. Haben die Kleinen einen Herzenswunsch, versuchen sie diesen meist mit Nachdruck zu verwirklichen. Da wird getrotzt, gebettelt und gequengelt, was das Zeug hält. Geht es um einen Ponyhofbesuch oder ein neues Fahrrad, lässt sich leicht ein Kompromiss finden, um den Familienfrieden zu wahren.

Schwieriger wird es, wenn motorradbegeisterte Mütter oder Väter mit der Frage konfrontiert werden: „Wann darf ich denn mal mitfahren?” Dann geraten Eltern in ein echtes Dilemma.

Das Interesse der Sprösslinge an ihrem Hobby wird sie einerseits freuen. Andererseits kennen sie die Risiken des Motorradfahrens und wollen den Nachwuchs nicht in Gefahr bringen. Aber auf zwei Rädern über den Asphalt zu gleiten, macht nun mal großen Spaß - und warum sollte man Kindern dieses Vergnügen verwehren?

„Viele Eltern sind unsicher, ob und ab wann sie ihre Kinder auf dem Motorrad mitnehmen können. Pauschale Antworten auf diese Fragen gibt es leider nicht”, sagt Jürgen Bente vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Ein paar gezielte Überlegungen können die Entscheidung aber erleichtern.

Das Gesetz schreibt kein Mindestalter für Kinder vor, ab dem sie auf einem Motorrad mitfahren dürfen. Wann die Steppkes reif für den Soziusplatz sind, hängt allein von ihrer Größe und Kraft ab. „Sie müssen mit beiden Füßen die Fußrasten sicher erreichen können und in der Lage sein, sich aus eigener Kraft festzuhalten”, erklärt Bente. Kleinkinder scheiden deshalb aus.

Eine Sitzprobe auf dem hinteren Sattelteil zeigt, wann der Zeitpunkt für eine erste gemeinsame Ausfahrt gekommen ist. „Dabei sehen auch die Kleinen schnell ein, dass ihre Beine vielleicht noch zu kurz sind”, so der DVR-Experte. Seine eigenen Kinder seien zwischen zehn und zwölf Jahre alt gewesen, als sie das erste Mal mitfahren durften.

Wie wohl sich ein Passagier auf einem Motorrad fühlt, hängt davon ab, wie gut er sich festhalten kann. Tut er dies an Haltegriffen am Maschinenheck, bekommt er schnell das ungute Gefühl, jeden Moment nach hinten vom Sitz zu kippen. „Für Ausflüge zu zweit ist deshalb ein spezieller Gurt mit seitlichen Halteschlaufen für den Sozius empfehlenswert, den der Fahrer über seiner Bekleidung anlegt”, erläutert Matthias Haasper vom Institut für Zweiradsicherheit (ifz).

Ein weiterer Vorteil dieses Systems: Hat der Mitfahrer seinen Vordermann „im Griff”, folgt er dessen Bewegungen in Kurven intuitiv und lehnt sich nicht zur falschen Seite, was die Fahrstabilität beeinträchtigen würde.

Ein solcher Gurt ist für vergleichsweise wenig Geld im Fachhandel zu bekommen. Deutlich teurer wird die Schutzmontur für junge Mitfahrer - „da kommen schnell mehrere hundert Euro zusammen”, weiß Michael Lenzen vom Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM). Jacke und Hose dürfen nicht zu groß sein, eingelassene Protektoren könnten sonst verrutschen und wären bei einem Sturz wirkungslos.

Da Kinder schnell aus der Kleidung herauswachsen, rät Lenzen zum Gebrauchtkauf - allerdings nicht beim Kopfschutz: „Ein Helm aus zweiter Hand könnte heruntergefallen sein und feine Risse haben, die man auf den ersten Blick nicht sieht.”

Ohnehin benötigen Mini-Biker an ihren Körperbau angepasste Helme: Hals- und Nackenmuskulatur sind meist noch nicht voll ausgeprägt. „Deshalb sollten Helmumfang und -gewicht möglichst gering sein, sonst trüben schnell schmerzhafte Verspannungen den Fahrspaß”, erklärt Haasper vom ifz. Visier und Lüftungen müssen sich leicht öffnen lassen. Diese Handgriffe und auch das Auf- und Absetzen sollten vor Fahrtantritt trainiert werden.

„Trockenübungen” empfohlen

Damit der Nachwuchs ein Gefühl für die besondere Fahrdynamik eines Motorrads bekommt, empfiehlt Haasper „Trockenübungen”, bevor die Reise losgeht. Entweder auf der stehenden Maschine oder auch rittlings auf einer schmalen Bank, wo sich zum Beispiel Kurvenfahrten simulieren lassen. Bei dieser Gelegenheit sollten sich Fahrer und Sozius auch auf Zeichen einigen, um sich unterwegs verständigen zu können. Einmal mit der Hand auf den Oberschenkel des Fahrers klopfen könnte etwa heißen: „Bitte anhalten”; zweimal klopfen: „Nicht so schnell”. Der ifz-Experte betont: „Beim Fahren mit Kindern sitzt der Chef hinten.” Und der mag es komfortabel.

Haasper rät deshalb zu einer ausgeglichenen und defensiven Fahrweise. Denn bei harten Beschleunigungs- oder Bremsmanövern bekommen es Mitfahrer rasch mit der Angst zutun und empfinden die Tour als Tortour. „Sie müssen sich Ihrem Kind gegenüber nicht als Rennfahrer beweisen”, gibt der ifz-Mann zu bedenken. „Ihr Sprössling mag Sie auch so.”

Spritztouren von maximal einer halben Stunde müssen für den Anfang reichen. Schließlich macht es keinen Sinn, einen jungen Sozius bei den ersten Fahrerfahrungen körperlich und mental an seine Grenzen zu bringen. Michael Lenzen empfiehlt, „schon nach kurzer Zeit eine Pause zu machen, um zu hören, ob es dem Passagier noch gefällt”. Wichtig sei auch eine Nachbesprechung nach jeder Tour: Was hat Spaß gemacht, was war nicht so toll? Haben Fahrer und Beifahrer einen gemeinsamen Rhythmus gefunden, lässt sich die Länge der Ausflüge steigern.

Weniger anstrengend für einen jungen Sozius ist die Mitreise in einem Gespann: Der Beiwagen bietet einen ähnlichen Sitzkomfort wie ein Auto. Das bedeutet aber nicht, dass auf einen Helm und vollständige Schutzkleidung verzichtet werden darf. Außerdem benötigt jeder Mitreisende einen eigenen Platz im sogenannten Boot: „Zwei Co-Piloten können nur an Bord genommen werden, wenn der Beiwagen breit genug ist”, erklärt Haasper. Das Kind neben Mama oder Papa ins Boot zu quetschen, ist fahrlässig: Denn das Körpergewicht des Erwachsenen kann bei plötzlichen Bremsmanövern oder Richtungswechseln zu einer ernsten Gefahr für ein Kind werden.

Kindersitze fürs Motorrad

Im Motorradfachhandel sind spezielle Kindersitze erhältlich, die sich auf dem Heck der Maschine befestigen lassen. Sie verfügen über eine hohe Reling im Rücken- und Seitenbereich sowie Schlaufen für die Füße, erläutert das Institut für Zweiradsicherheit. Die Sitze sind zwar perfekt an die Körper von Kleinkindern angepasst - allerdings raten Experten generell davon ab, Junior-Biker zu früh mit auf Tour zu nehmen. Im Beiwagen eines Motorradgespanns können viele Autokindersitzmodelle montiert werden. Hier scheiden sich in der Fachwelt die Geister an der Frage: Anschnallen oder nicht? Denn bei Fahrzeugen ohne Sicherheitskäfig ist es im Falle eines Crashs besser, von der Maschine weggeschleudert zu werden als im Wrack stecken zu bleiben.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert