Gesten offenbaren unbewusstes Wissen

Von: Ilka Lehnen-Beyel, ddp
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„Die Gesten der Kinder zu unterdrücken, kann Denk- und Lernprozesse behindern", sagt Kommunikationsforscherin Susan Goldin-Meadow. Foto: ddp

Leinfelden. Der einjährige Lukas schaut mit großen Augen den neuen Teddybär an und streckt dann den Zeigefinger in dessen Richtung. Prompt sagt seine Mutter: „Das ist ein Bär, Lukas”. Später wird „Bär” zu den ersten Worten gehören, die Lukas sagen kann.

Diese alltägliche Situation offenbart eines der Grundprinzipien, denen der Mensch beim Lernen seiner Sprache folgt: Die Geste bahnt dem Wort den Weg. Denn das Kommunizieren beginnt schon, bevor ein Kind sprechen kann ­- eben mit Hilfe von Gesten, mit denen auch grundlegende grammatikalische Zusammenhänge dargestellt werden können.

„Die Gesten schaffen im Bewusstsein eine Infrastruktur, die dann von der Lautsprache genutzt wird”, erläutert der Kommunikationsforscher Ulf Liszkowski vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen das Prinzip. Liszkowski und auch seine amerikanische Kollegin Susan Goldin-Meadow von der University of Chicago, eine der renommiertesten Gesten-Expertinnen überhaupt, plädieren daher dafür, Kinder so viel wie möglich gestikulieren zu lassen ­und den früher verbreiteten Erziehungsgrundsatz, beim Reden „nicht so viel mit den Händen herumzufuchteln”, schnellstens zu vergessen.

„Die Gesten der Kinder zu unterdrücken, kann Denk- und Lernprozesse behindern”, sagt Goldin-Meadow in einem Beitrag in der Juni-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „bild der wissenschaft”. Diesen Zusammenhang hat sie bereits in einer ganzen Reihe von Studien nachgewiesen. So zeigte sie beispielsweise, dass Kinder, die im Alter von 14 Monaten ihre Hände viel zum Zeigen und Deuten benutzten, drei bis vier Jahre später einen um 20 Prozent größeren Wortschatz hatten als ihre weniger gestikulierenden Altersgenossen.

Wie wichtig Gesten tatsächlich für das Lernen sind, beginnt sich dabei erst nach und nach herauszukristallisieren. Denn ihre unterstützende Rolle beschränkt sich keinesfalls auf das Sprechenlernen. Auch andere Zusammenhänge erschließen sich besser und schneller, wenn sie gestisch dargestellt werden.

„Häufig sind die Hände schon einen Schritt voraus und offenbaren ein Wissen, das dem Bewusstsein noch nicht zugänglich ist”, berichtet Goldin-Meadow von ihren Erfahrungen. So beobachtete sie etwa Grundschulkinder beim Lösen von mathematischen Gleichungen nach dem Modell 6 + 3 + 7 = x + 7. Einige der Kleinen gaben zwar falsche Antworten ­- sie rechneten beispielsweise alle Zahlen einfach zusammen - , zeigten aber bei der Erklärung ihrer Antwort mit Zeige- und Mittelfinger auf die 6 und die 3 in der Gleichung, genau das Zahlenpaar also, das zusammen exakt den Wert von x ergibt.

Solche Kinder sind besonders aufnahmefähig für Neues, hat Goldin-Meadow in dieser und anderen Untersuchungen entdeckt. Gesten offenbaren also nicht nur unbewusstes Wissen, sie machen es auch schneller zugänglich und helfen, zusätzliches Wissen zu erlangen. Überraschenderweise funktioniert das sogar mit Handbewegungen, die erst erlernt werden müssen.

Gezeigt hat das eine Studie mit 128 Grundschülern im Alter von neun und zehn Jahren, die ebenfalls Gleichungen vom Typ 6 + 3 + 7 = x + 7 lösen sollten. Goldin-Meadow teilte die kleinen Probanden in drei Lerngruppen auf. Die erste bekam lediglich verbale Erklärungen, wie eine solche Aufgabe zu lösen ist. Die zweite und dritte Gruppe lernten zusätzlich, während des Lösens bestimmte Gesten auszuführen: entweder mit Zeige- und Mittelfinger auf das korrekte „6 + 3” zu deuten und anschließend mit dem Zeigefinger auf das x zu zeigen, oder Zeige- und Mittelfinger unter die „3 + 7” zu legen und ebenfalls hinterher auf das x zu deuten.

Das Ergebnis: Die Gruppe, die die korrekten Gesten gelernt hatte, schnitt bei einem anschließenden Test viel besser ab als die Kinder, die ohne Handbewegungen instruiert worden waren. Noch überraschender war jedoch das Abschneiden der dritten Gruppe: Obwohl den Kindern Gesten beigebracht worden waren, die eigentlich in die Irre führen, lösten sie immer noch mehr Aufgaben richtig als die aus der ersten Gruppe.

Vermutlich lasse sich das damit erklären, dass die Handbewegungen zwar nicht das richtige Ergebnis angezeigt, aber zwei wesentliche Prinzipien des Lösens von Gleichungen verdeutlicht hatten -­ die Notwendigkeit, Zahlen zu gruppieren und die, beide Seiten der Gleichung getrennt voneinander zu betrachten, schreibt „bild der wissenschaft”.

Goldin-Meadow findet das Prinzip erstaunlich: „Obwohl die Handbewegungen am Anfang für die Kinder keinerlei Bedeutung hatten, konnten sie die Gesten offenbar in ihr Bewusstsein integrieren und einen Lernfortschritt erzielen”, sagt sie. Dass dieses Prinzip nicht schon längst in der Schule genutzt wird, hält sie für einen kleinen Skandal: „Ein wichtiges Lernpotenzial schlummert hier ungenutzt.”

Die Psychologin hat daher fest vor, gestisch gestützte Unterrichtsmethoden zu entwickeln,­ damit die flüchtigen Luftskulpturen dem handfesten Wissen effektiv den Boden bereiten können.
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