Gelogen und geschummelt: Eltern sollten nicht überreagieren

Von: Bettina Levecke, dpa
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Schokodieb
„Ich hab die Schokolade nicht gesehen, Mama”: Solche Lügen sind meist harmlos. Eingreifen sollten Eltern aber, wenn Kinder permanent andere anschwärzen. Foto: dpa

Bremen. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht: Wenn Kinder flunkern, geraten Eltern in Alarmbereitschaft. Doch Vorwürfe, lange Diskussionen oder Bestrafungen führen in der Regel nicht zum gewünschten Erfolg. Im Gegenteil: Wenn Kinder Angst vor Streit oder Strafe haben, lügen sie oft noch mehr.

Eltern sollten deshalb immer zuerst nach den Ursachen suchen. Denn hinter (fast) jeder Lüge steckt auch eine Absicht.

Lügen sind tabu - aber...

„Lügen sind tabu” - so lautet das Erziehungsziel vieler Eltern. Ein Motto, das zum Scheitern verurteilt ist, denn: „Das Spiel mit der Wahrheit gehört zur kindlichen Entwicklung”, sagt Karin Hauffe-Bojé, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychatrie in Bremen. Doch wann ist das Flunkern harmloses Spiel und wann fängt bewusstes Lügen an? „Bis zum vierten Lebensjahr können Kinder zwischen wahr und unwahr noch keine korrekte Trennung ziehen”, erklärt Hauffe-Bojé. Sie erfinden Geschichten, denken sich Fantasiefreunde aus oder übertreiben maßlos bei Erzählungen.

Dazu kommt die fehlende Fähigkeit, Situationen zu überblicken. Hauffe-Bojé gibt ein Beispiel: „Nimmt eine Vierjährige dem großen Bruder etwas weg und der schubst sie deswegen, erinnert sich die Kleine danach nur an den fiesen Schubs.” Dass ihr Verhalten zuvor die eigentliche Auslösersituation war, ist der Vierjährigen nicht bewusst. „Für Erwachsene erscheint die Reaktion des Kindes wie eine Lüge, für das kleine Kind ist es aber gefühlte Realität.”

Das kindliche Bewusstsein nicht aus den Augen verlieren

Erst ab fünf, sechs Jahren ist das kindliche Bewusstsein so weit fortgeschritten, dass Kinder auch gezielt ausprobieren, ob sie mit „Veränderungen der Wahrheit” Erfolg haben. Hinter dem Rücken der Mama mopsen sie grinsend ein Stück Schokolade oder behaupten mit Lächeln und Augenaufschlag, schon längst die Zähne geputzt zu haben. „Diese Flunkereien sind harmlos und absolut nicht böse gemeint”, sagt Annette Kast-Zahn, Diplompsychologin in Ratingen bei Düsseldorf. „Kinder müssen Stück für Stück soziale Erfahrungen sammeln, um zu lernen, was erlaubt ist und was eben nicht.”

Tatsache ist: Lügen sind immer mit Absichten verknüpft. Günther Reich von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Göttingen empfiehlt Eltern deshalb, nicht gleich loszuschimpfen, wenn sie eine Lüge entlarven: „Überlegen Sie, warum Ihr Kind zu einer Lüge greift.” Viele Motivationen können dahinterstecken. Kinder, die zum Beispiel übertriebene Geschichten erzählen, angeben und auf „dicke Hose” machen, ernten von ihren Eltern oft großes Unverständnis. „Hier stellt sich aber immer die Frage, warum sich das Kind so wichtigmachen muss”, sagt Annette Kast-Zahn.

Vielleicht stecke ein geringes Selbstwertgefühl dahinter oder das Gefühl, nur mit einem reichen Papa Freunde im Kindergarten zu finden. „Vielleicht neigen die Eltern auch zu Übertreibungen, ohne sich dessen bewusst zu sein, und das Kind ahmt dieses Verhalten nach”, sagt Reich.

Kinder dramatisieren manchmal die Lage

Wenn Kinder hingegen über schlechte Schulnoten lügen, das kaputte Fahrrad verschweigen oder abstreiten, die Vase im Flur zerschlagen zu haben, könnte Angst vor Strafe dahinterstecken: „Die Lüge wird dann zum Schutz für das Kind.” Vielleicht erinnern sich Eltern tatsächlich an Momente, in denen sie überreagiert oder Fehlverhalten mit heftigen Strafen belegt haben. Manchmal bewerteten Kinder Situationen aber auch über: „Kinder entwickeln oft Riesendämonen in ihrem Kopf, dramatisieren die Lage über”, sagt Hauffe-Bojé.

Eltern sind bei solchen „Strafvermeidungs”-Lügen gut beraten, das Gespräch mit ihrem Kind zu suchen: „Warum hast du uns denn nicht gleich die Wahrheit gesagt?” Wenn das Kind zugibt, sich nicht getraut zu haben, gilt es Mut zu machen. „Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen immer alles sagen darf”, sagt Kast-Zahn. Allerdings müssten Eltern bei nächster Gelegenheit dementsprechend reagieren: „Wer jedes Mal einen Wutanfall bekommt, muss sich dann nicht wundern, wenn die Kinder mit der Wahrheit hinterm Berg halten.”

Ganz wichtig sei es auch, die Kinder zu loben, wenn sie die Wahrheit sagen. „Sagen Sie Ihrem Kind, dass sie es gut finden, wenn es zu seinen Fehler steht”, sagt Reich.

Generell sei es bei Lügen sinnvoll, im Eltern-Kind-Gespräch Konsequenzen zu formulieren. Wer zum Beispiel immer vorgibt, die Zähne geputzt zu haben, ohne es tatsächlich getan zu haben, muss zukünftig im Beisein der Eltern putzen. Oder die unliebsamen Hausaufgaben nach der Erledigung vorzeigen: „Wenn Kinder sich durch Lügen durchschummeln wollen, müssen Eltern stärker kontrollieren”, sagt Kast-Zahn. Werden die Regeln dann wieder wie vereinbart eingehalten, könnten Eltern die Zügel wieder lockerer lassen: „Die Kinder müssen die Chance bekommen, neues Vertrauen zu gewinnen.”

Verleumdungen sind inakzeptabel

„Manche Kinder schieben das eigene Fehlverhalten anderen Kindern in die Schuhe”, sagt die Psychologin Annette Kast-Zahn. Verleumdungen und Schuldzuweisungen treffen dabei häufig die Kinder, die bereits eine Außenseiterposition in Kindergarten oder Schule haben.

Eltern oder Erzieher sollten Lügen, die anderen schaden, nicht mit einem Augenzwinkern bewerten, sondern das Kind zur Rede stellen. „Im Gespräch muss dem Kind deutlich gemacht werden, dass man mit seinen Mitmenschen so nicht umgehen darf.” Um diese Erfahrung abzuschließen, ist es wichtig, dass sich das Kind auch bei dem angeschwärzten Kind entschuldigt.

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