Lünen/Münster - Gegen die Hilflosigkeit: Kurse für pflegende Angehörige

Gegen die Hilflosigkeit: Kurse für pflegende Angehörige

Von: Philipp Laage, dpa
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Altenpflege
Pflegen bis an die eigenen Grenzen: Viele Angehörige sehen sich mit dieser Aufgabe konfrontiert. In Pflegekursen lernen sie neben praktischen Tipps mit der psychischen Belastung umzugehen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Lünen/Münster. Noch ist ihr Mann nicht pflegebedürftig. „Aber das kann auf mich zukommmen”, sagt Eleonore Köth-Feige. Die 78-Jährige aus Lünen weiß aus ihrem Bekanntenkreis, was das bedeutet.

„Viele arbeiten an der Belastbarkeitsgrenze.” Damit es ihr nicht irgendwann genauso ergeht, will die Seniorin vorbereitet sein. Sie hat einen Kurs für pflegende Angehörige besucht. Solche Kurse bieten karitative Einrichtungen wie Diakonie, Caritas oder AWO bundesweit an, bezahlt werden sie von der Pflegekasse.

Mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Das geht aus den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts aus dem Dezember 2009 hervor. Von den 1,6 Millionen Pflegebedürftigen erhielten knapp 1,1 Millionen ausschließlich Pflegegeld - sie werden in der Regel allein durch ihre Angehörigen gepflegt.

„Leider nehmen nur wenige die Pflegekurse in Anspruch”, sagt Silke Niewohner von der Landesstelle Pflegende Angehörige in Münster. Der Anteil liege bei weniger als zehn Prozent.

Eleonore Köth-Feige hat einen Kurs des Caritasverbands besucht, über zwei Monate jeden Montag für eineinhalb Stunden im Altenheim. „Wir haben ganz praktische Dinge gelernt: Wie sieht die Haut aus? Wie ist die Atmung und die Körpertemperatur? Und vor allem: Wie und mit welchen Geräten kann ich das richtig kontrollieren?”

Man bekommt einen anderen Blick auf den zu Pflegenden, erzählt sie. Die Teilnehmer lernen auch, sich bei der Pflege selbst zu schützen. Viele Angehörige haben irgendwann einen Rückenschaden.

Rückenschonendes Arbeiten, Waschen und Füttern, Puls- und Blutdruckmessung, das Verhindern von Thrombosen, die richtige Ernährung, das Deuten von Schmerzen - das vermittelt auch Angelika Conradi. „Meine Teilnehmer sollen keine Ärzte werden”, sagt die 49-jährige Kursleiterin. „Aber das gehört alles zur Pflege dazu.” Als frühere Krankenschwester gibt sie ehrenamtlich Pflegekurse auf der Sozialstation des Deutschen Roten Kreuzes in Rudolstadt in Thüringen.

Manchmal organisiert sie auch Ausflüge, zum Beispiel in eine Reha-Klinik. „Der Leiter zeigt Pflegemittel, die wir bei uns gar nicht haben.” Geplant sei auch der Besuch einer Tageseinrichtung für Demenz- und Alzheimerkranke. Am Ende des Kurses kriegen alle Teilnehmer einen dicken Hefter. „Da können sie alles nachlesen, und da stehen auch alle wichtigen Telefonnummern.”

Es sind nämlich nicht nur die Handgriffe und das Hintergrundwissen, das die Angehörigen aus den Kursen mitnehmen. Sie sollen auch mit den bürokratischen Fallstricken des Gesundheitssystems besser umgehen können. „Die meisten pflegen schon jemanden, aber sie sind nicht informiert”, berichtet Conradi. Sie wissen nicht, welche Leistungen die Pflegeversicherung abdeckt und welche Hilfe ihnen zusteht. „Viele sind hilflos.”

Angehörige scheitern oft an den Behörden. Und sie hätten Angst, Widerspruch einzulegen, wenn zum Beispiel ihr Antrag auf Pflegegeld abgelehnt wird, sagt Conradi. „Manche sagen später zu mir: Ich habe gelernt zu kämpfen.” Ein Pflegekurs sei vor allem sinnvoll, bevor ein Angehöriger zum Pflegefall wird. „Wenn ich keine Ahnung habe, muss ich akzeptieren, was die Gesellschaft mir anbietet”, sagt Eleonore Köth-Feige.

Die Kursteilnehmer schätzten vor allem den Austausch, erzählt die Seniorin. „Jeder hat ein Einzelschicksal.” Auch junge Menschen können zum Pflegefall werden. „So ein Kurs gibt das Gefühl, nicht alleine zu sein.” Auch über die psychischen Belastungen wird gesprochen. „Manche müssen lernen, mit einem sterbenden Menschen umzugehen.” Die Kursleiter vermitteln dann zum Beispiel einen Hospizverein. Das kann ein unangenehmer Schritt sein: „Der Tod ist unter uns, aber viele wollen das nicht wahrhaben.”

„Der Austausch untereinander hilft ganz viel, er ist unwahrscheinlich wichtig”, bestätigt Conradi. „Viele rufen mich nach dem Ende des Kurses noch einmal an und sind einfach unendlich dankbar.”

Trotzdem sei die Nachfrage in der jüngsten Zeit wieder etwas zurückgegangen. Dabei gibt es immer mehr Pflegebedürftige: Laut Statistischem Bundesamt ist ihre Zahl von 1999 bis 2009 um 16 Prozent auf 2,34 Millionen gestiegen. Was das Wichtigste an den Kursen ist? „Sie vermitteln ein Gefühl von Mitmenschlichkeit”, antwortet Angelika Conradi.

Pflegekurse für Angehörige werden in allen Bundesländern angeboten. Rechtlicher Hintergrund ist das Pflegeversicherungsgesetz (§ 45 SGB XI). Es verpflichtet die Kassen, kostenlose Angebote für Angehörige und sonstige Ehrenamtliche anzubieten, um die Pflege und Betreuung zu Hause zu erleichtern und pflegebedingte körperliche und seelische Belastungen zu mindern. Die Kassen arbeiten mit karitativen Einrichtungen vor Ort zusammen.

Wer sich dafür interessiert, erkundigt sich am besten bei seiner Pflegekasse nach passenden Angeboten in der Umgebung. Manche Schulungen sind auch zu Hause möglich.

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