Es geht doch: Viele Arbeitgeber sind schon familienfreundlich

Von: Deike Uhtenwoldt, dpa
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Eltern-Kind-Arbeitszimmer
So wie im Hauptzollamt in Frankfurt (Oder) sieht es noch nicht überall aus: Eltern-Kind-Arbeitszimmer wie dieses machen es einfacher, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Foto: dpa

Münster. Wenn Ulrike Kenkenberg Bewerbergespräche führt, geht es meist auch um Familienfreundlichkeit. Entweder weil die Bewerber das Audit „berufundfamilie”, ein entsprechendes Zertifikat, als einen der Gründe für ihr Interesse an der Stelle nennen oder von sich aus nachfragen, was das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln damit verbindet.

Dann berichtet die Personalreferentin zum Beispiel von der Einrichtung eines Eltern-Kind-Zimmers, das Spielecke und Schreibtisch bereithält und für Betreuungsnotfälle gedacht ist, oder weist auf den Laptop-Pool hin, der in solchen Situationen erlaubt, den Arbeitsplatz nach Hause zu verlagern.

Angestoßen und vorangetrieben werden diese Projekte von der Arbeitsgruppe „Balance”, die Ulrike Kenkenberg beim IW leitet. Elf Mitarbeiter haben sich dazu freiwillig zusammengefunden, keineswegs alles Eltern, wie die Projektleiterin betont, sondern auch Berufseinsteiger oder ältere Mitarbeiter, die inzwischen ihre Eltern betreuen. „Die Unternehmenskultur verändert sich”, sagt Kenkenberg. „Früher stand Telearbeit nur Eltern kleiner Kinder zur Verfügung, jetzt ist es ein Angebot der Flexibilisierung für alle.”

Flexibilisierung ist das entscheidende Stichwort, wie Kenkenbergs Kollegen nachgewiesen haben. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wollen mehr als die Hälfte der technischen Unternehmen in Deutschland erstens die vorhandenen Mitarbeiter weiterbilden, zweitens flexible Arbeitszeiten nutzen und drittens die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern: „Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie Ende 2008”, erläutert Axel Plünnecke vom Bereich Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik.

Dass Familienfreundlichkeit auch in Krisenzeiten einen solchen Stellenwert bei den Unternehmen genieße, zeige die Bedeutung des Themas. „Die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren immer familienfreundlicher geworden. Besonders in den Bereichen Telearbeit und Teilzeitarbeit sind viele Fortschritte erreicht worden”, sagt Plünnecke. Nachholbedarf gebe es bei den Einarbeitungsprogrammen für Wiedereinsteiger oder bei Weiterbildungsangeboten während der Elternzeit. „Familienfreundlichkeit muss nicht teuer sein, es genügt manchmal schon ein wenig mehr Aufwand in der Koordinierung.”

Der Aufwand rechnet sich, wie das Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik FFP an der Universität Münster nachgewiesen hat: „Familienbewusste Unternehmen haben motiviertere Mitarbeiter, weniger Fehlzeiten, die besseren Bewerber”, resümiert Projektleiterin Irene Gerlach. Ende 2008 hat das FFP die Familienfreundlichkeit deutscher Betriebe nach den Kriterien Dialog, Kultur und Leistung untersucht: „Es reicht nicht, nur eine Leistung wie die Ferienbetreuung für Kinder anzubieten”, so die Professorin. „Auch die Vorgesetzten und Kunden müssen die Angebote mittragen, und es bedarf einer offenen Gesprächskultur.”

Nur 15 Prozent der Betriebe sind nach Gerlachs Angaben beim Thema Familienfreundlichkeit richtig gut aufgestellt. Diese Betriebe ließen sich weder einer bestimmten Größe noch Branche zuordnen. Ihre Gemeinsamkeit sei ein hoher Anteil von Akademikerinnen. Dabei sind es längst nicht nur die Frauen und Mütter, die Familienfreundlichkeit einfordern: „Kinderbetreuung ist gar nicht so sehr das Problem, es geht oft darum, Familienangehörige zu pflegen”, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der „berufundfamilie gemeinnützigen GmbH” in Frankfurt, die das gleichnamige Audit vergibt.

Manche der geprüften Unternehmen fragten jetzt schon, ob sie auch ein Betriebsaltenheim einrichten müssten. Auch solche Entwicklungen machen Familienfreudlichkeit für Unternehmen trotz Krise interessant: „Wir verzeichneten im ersten Quartal dieses Jahres sogar eine Zuwachsrate um 10 Prozent”, sagt Becker. 1200 Unternehmen haben bisher das Audit erhalten und es für ihr Personalmarketing genutzt.

„Aber was ist mit den anderen Unternehmen oder Selbstständigen?”, fragt sich Marika Muster aus Hamburg. „Freiberufler schlagen sich so mit einem Netzwerk aus Verwandten, Bekannten und Institutionen durch”, ist Musters Erfahrung. Als Verlagsredakteurin hat sie Mobbing gegen Mütter zwar nicht am eigenen Leib erfahren, aber bei Kolleginnen miterlebt und sich anschließend für die Freiberuflichkeit entschieden. Jetzt plant die Projektorganisatorin für die Genossenschaft medien denk fabrik eG eine Art „Muster-Büro”, ein flexibles System aus Tagespflegepersonen, die auch am Wochenende und spätabends einsatzbereit sind, sowie eine Vernetzung freiberuflicher Eltern, die sich gegenseitig helfen.

Die direkte Kommunikation wirkt oft Wunder, weiß auch Irene Gerlach und zitiert einen mittelständischen Betrieb: „Von fünf Frauen im Mutterschutz wollten vier schnell wieder arbeiten, eine die Zeit als Mutter genießen. Sie konnte als Tagesmutter weiterhin in den Betrieb eingebunden werden.” Manchmal ist Familienfreundlichkeit ganz einfach - man muss nur darüber reden.
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