Kehl - Ein Protestmarsch gegen Armut durch Pflege

Ein Protestmarsch gegen Armut durch Pflege

Von: Diana Wild, ddp
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Kehl. Es sei für ihn eine „Befreiungsaktion”, sagt Stefan Krastel. „Ich laufe jetzt los, denn ich bin verzweifelt.” Der 41-Jährige pflegt seit elf Jahren zu Hause seine kranke Mutter und ist deswegen nun „pleite”.

Der Frisör rutschte vom Selbständigen ab zum „Hartz IV”-Empfänger. Der Kampf mit den Behörden hat ihn zermürbt, Krastel sieht „keine Perspektive” mehr für sein Leben. Deswegen muss er raus.

Der Kehler ist am Dienstag in Offenburg zu einem 800 Kilometer langen Fußmarsch nach Berlin aufgebrochen. In 40 Tagen will er sich ohne Geld in die Hauptstadt durchschlagen.

Er will mit der Aktion darauf aufmerksam machen, dass pflegende Angehörige benachteiligt werden und von Armut bedroht sind. „Hier besteht eine Gesetzeslücke”, moniert er. „Es geht Zehntausenden in Deutschland so wie mir.”

Seit einem Gehirnschlag vor elf Jahren braucht seine Mutter rund um die Uhr Betreuung. Er rechnete ursprünglich damit, dass die Betreuung einer „Sterbehilfe” gleichkomme. „Daraus wurde ein Weg zurück ins Leben”, erzählt er.

Sieben Jahre lang schaftte er es, die Pflege von den Ersparnissen seiner Mutter zu finanzieren. Dann kam der Moment, den Krastel „die Stunde Null” nennt. Mutters Geld war aus. „Es ging ganz schnell bergab.”

Er musste seinen Frisörsalon aufgeben, das behindertengerechte Fahrzeug verkaufen, lebt jetzt von Sozialhilfe. Sein Haus mit behindertengerechter Wohnung ist von Zwangsversteigerung bedroht. Krastel weiß nicht mehr weiter.

Er hat sich dem Verband „Wir pflegen” angeschlossen. Dessen Gründung vor gut einem Jahr sei der erste Vorstoß, eine „bundesweite Lobby” für pflegende Angehörige zu schaffen, sagt Vorstandsmitglied Susanne Hallermann.

Für sie ist Krastel „wie ein Fackelläufer”, der endlich Aufmerksamkeit auf die schwierige Lage Betroffener lenken soll. Der Verband fordert eine Grundsicherung, die pflegende Angehörige finanziell absichert. „Kein Hartz IV”, betont Hallermann. Angehörige seien „der größte Pflegedienst” in Deutschland. „85 Prozent aller Leute werden zu Hause betreut.” Organisiert könnten sie nach Hallermanns Überzeugung eine starke Stimme formen.

Alleine in Baden-Württemberg wurden im Jahr 2007 laut Statistischem Landesamt von den knapp 237.000 Pflegebedürftigen gut 106.000 von den Angehörigen betreut. Hallermann geht zusätzlich von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele Angehörige müssten ihren Beruf wegen der Pflege für Jahre aufgeben und fänden nicht mehr zurück.

Bundesweit erhalten 2,25 Millionen Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung. Dabei werden 0,72 Millionen stationär gepflegt und 1,53 Millionen ambulant. Krastel ist überzeugt, dass eine Grundsicherung sogar wesentlich günstiger käme als das bisherige System.

Ein Pflegeplatz für seine Mutter koste 3400 Euro, rechnet er vor. Etwa 3200 Euro davon würde komplett die öffentliche Hand zahlen. Die bestehende Gesetzeslage gründet seiner Überzeugung nach allein auf „Besitzstandswahrung” durch die Pflegeindustrie. Es handle sich um einen „Milliardenmarkt”, von dem pflegende Angehörige am wenigsten abbekämen.

Krastel will seine Mutter aber nicht ins Heim geben. „Weil ich sie liebe”, sagt er. Die Pflege sei „eine riesengroße Chance zur Aussöhnung” und zum Aufarbeiten seiner Geschichte. „Das hat eine derartige Kraft.”

Inzwischen haben sich knapp 100 Ehrenamtliche „Wir pflegen” angeschlossen. Überwiegend sind es Betroffene. Auch Hellermann hat jahrelang ihren Vater im Altenheim betreut und zugleich ihre Großmutter zu Hause gepflegt. „Da gehen Sie auf dem Zahnfleisch”, weiß sie. Wegen dieses „24-Stunden-Jobs” seien die Pflegenden „sozial sehr isoliert”. Außerdem erlebten sie „keine Wertschätzung”. Die finanziellen Probleme seien für Betroffene außerdem „ein Tabuthema”.

Der Verband plant nun eine Kampagne „Armut durch Pflege”. Krastels Marsch soll der Beginn einer öffentlichen Debatte sein. Was er nach den 800 Kilometern in Berlin machen wird, weiß er noch nicht. Er konzentriert sich erst einmal auf den Weg.

„Ich möchte die Menschen treffen, die im Schatten stehen”, sagt er. Menschen, die sein Schicksal teilen. Schon vor dem Marsch hat er einen harten Weg zurückgelegt: Die Fahrt zum Heim, in das er seine Mutter für die 40 Tage unterbrachte.
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