Bochum/Leipzig - Die menschliche Stimme: Tiefe Töne schaffen Autorität

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Die menschliche Stimme: Tiefe Töne schaffen Autorität

Von: Susanne Donner, ddp
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Bochum/Leipzig. „Ich liebe dich.” Sagt er zu ihr, die Arme um ihre Schultern geschlungen, die Gesichter nur eine Handbreit voneinander entfernt. Aber irgendetwas passt nicht.

­Das Liebesbekenntnis ist eine Lüge. „Wir haben sehr sensible Antennen, wenn etwas Gesagtes unauthentisch klingt”, sagt Michael Fuchs, Phoniater von der Universität Leipzig. Die Stimme offenbart sowohl die Stimmung des Sprechers als auch seine Persönlichkeit. Sie lässt sich trainieren, aber nicht manipulieren.

Zumindest bleibt sie dem Wesen ihres Urhebers treu. Bei Verunsicherung dünnt sie aus und wackelt. Sie wird fest und voll, wenn wir zutiefst von etwas überzeugt sind. Bei Panik schießen die Töne schrill hervor. „Wenn ich etwas Geheimnisvolles sage, dann werde ich etwas leiser sprechen”, verdeutlicht Fuchs flüsternd. Nur ein Fünftel einer Sekunde dauert es, bis der Sprecher anhand seiner Stimme eingeordnet ist. Nervös oder entspannt, Kind oder Greis, Mann oder Frau. Die Neuronen im Gefühlszentrum des Gehirns filtern diese Informationen rasend schnell.

Die Stimme ist Studien zufolge fünfmal wichtiger als der Inhalt des Gesagten. Hohe Stimmen stehen bis heute für Weiblichkeit, tiefe suggerieren Männlichkeit. Das mag einerseits rein biologische Ursachen haben. So sprechen Frauen fast überall auf der Welt im Schnitt höher als Männer. Doch andererseits beeinflusst auch das Rollenverständnis, welchen Ton Sie oder Er anschlagen. So sind die Stimmen der Frauen in den vergangenen Jahren tiefer und voller geworden ­- eine Folge der Emanzipation.

Piepsende und flötende Mädchenstimmen aus Filmen des frühen 20. Jahrhunderts klingen heute nicht mehr zeitgemäß. Sprachwissenschaftlerin Edith Slembeck von der Universität Lausanne hörte sich amerikanische Managerinnen an und wies nach, dass sie heute durchweg mit tieferer Stimme sprechen. „Politikerinnen und Managerinnen senken im Laufe ihrer Karriere ihre Tonlage deutlich ab”, ergänzt Corinna Herr, Musikwissenschaftlerin und Genderforscherin an der Katholischen Akademie in Schwerte.

Doch damit endet der stimmliche Aufbruch der Geschlechter auch schon. Eine Frau, die in ähnlich tiefer Tonlage wie ein Mann spricht, hat auch heute noch ein Problem, weiß Fuchs. „Die Frauen leiden oft darunter.” Am Telefon werden sie mit „Guten Tag, Herr ...” begrüßt. Eine peinliche Situation, weil mit der Verwechselung vermeintlich die Weiblichkeit in Frage gestellt wird. „Das ist ein Erbe des 19. Jahrhunderts, in dem sich die Geschlechterrollen derart versteift haben. Eine Frau mit einem etwas männlicheren Auftreten war damals widernatürlich, was in früheren Jahrhunderten übrigens nicht immer so war”, erläutert Herr.

In die Klinik von Michael Fuchs kommen häufig Frauen mit ungewöhnlichem Bass, die sich behandeln lassen wollen, um den Erwartungen entsprechend weiblicher zu klingen. In manchen Fällen sorgt eine Wassereinlagerung der Stimmlippen dafür, dass sie rauer und tiefer reden. Die Erkrankung, auch Reinke-Ödem genannt, lässt sich allerdings behandeln ­- bei milden Verläufen mit Stimmtraining, bei ausgeprägten Symptomen mit einem chirurgischen Eingriff, bei dem die Stimmbänder verschlankt werden.

Bei männlichen Stimmen werden noch weniger Abweichungen von der Norm toleriert. Ein Manager, der mit Fistelstimme die Jahresbilanz vorstellt, wird mindestens fragende Blicke ernten, wenn nicht Gespött auf sich ziehen. Noch immer werden die Rollen mächtiger und weiser Männer in Filmen mit Schauspielern mit Bass- oder Baritonstimme besetzt. Und noch immer bevorzugen Frauen Ihn mit voll und tief klingendem Organ, haben Studien aus Großbritannien gezeigt.

Suchen Frauen stimmlich tatsächlich heute noch den ellbogigen Macho? War das nicht vorgestern? Die Emanzipation ist zwar im Bewusstsein vieler Menschen angekommen, aber vor dem Unbewusstsein hat sie offenbar kehrt gemacht, meint Corinna Herr. Und Stimmen beurteilen wir nun einmal fast immer unbewusst. Eine Stimme, die nicht ins Raster passt, stürzt manche Träger sogar in eine Identitätskrise, berichtet Fuchs.

Seine Worte klingen weniger voll als sonst. Ihnen fehlt die Wärme. Seine Stimme verrät, dass etwas nicht stimmt. An die Leipziger Klinik lassen sich Menschen operieren, weil sie anders sprechen wollen. Erst kürzlich suchte ihn ein Rentner auf, dessen Stimme behaucht und brüchig geworden war -­ eine normale Folge des Alterns. Der ältere Herr wollte jedoch Stadtführungen anbieten und sich dafür laut und auch männlich artikulieren.

Mit einem operativen Eingriff kann die Stimme verjüngt werden. Dabei werden die Stimmlippen entweder mit körpereigenem Fett aufgespritzt, oder es wird ein Stück des Kehlkopfknorpels entfernt und die Stimmlippen zusammengerückt. Fuchs kennt auch Jugendliche, die trotz Stimmbruchs weiterhin wie Knaben reden. „Die werden natürlich gehänselt. Das ist extrem belastend”, sagt er. Dahinter steckt fast immer eine gestörte Mutter-Sohn-Beziehung, führt er aus, bei der beide sich nicht voneinander lösen können.

Mit einer Psychotherapie und begleitendem Stimmtraining entwickeln die Heranwachsenden dann allmählich ihre Erwachsenenstimme. Sollte der junge Mann aber schlichtweg eine ungewöhnlich hohe, natürliche Tonlage haben, können die Mediziner das ebenfalls feststellen. „Es ist eine Gabe”, erkennt Fuchs an, „aber dieser Mann wird es nicht leicht haben.”
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