Der Abschied vom Jugendwahn

Von: Maria Hilt, (dapd)
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Berlin/Zürich. Viele Frauen geraten in der Lebensmitte in ein Stimmungstief.

Manche der 45- bis 60-Jährigen geraten sogar in eine ausgewachsene Krise, weiß Isabella Heuser: „Vor allem Frauen, die nicht berufstätig sind und sich bislang ausschließlich um den Haushalt und die nun selbstständigen Kinder gekümmert haben, leiden in diesem Alter häufig unter dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden”, sagt die Autorin des Ratgebers „Glücklichmacher - So kommen Frauen entspannt durch die Lebensmitte”.

Anderen mache es zu schaffen, dass in dieser Lebensphase viele Dinge ihren Abschluss finden und die Zukunft nicht mehr viel Neues verspricht. Auch die körperlichen Veränderungen bereiteten vielen Frauen Probleme. „Bei Frauen setzt der Alterungsprozess sehr plötzlich ein, während er bei Männern eher schleichend vonstattengeht”, sagt Heuser. Mit Beginn der Menopause verändere sich der Körper plötzlich sehr stark. „Die Periode wird unregelmäßiger, viele leiden unter Schlafstörungen und Schweißausbrüchen - als das erinnert Frauen stark daran, dass ihr Dasein endlich ist”, sagt die Leiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin. Hinzu komme, dass mit dem Verlust der Jugendlichkeit in den Augen der Gesellschaft auch die Schönheit einer Person schwinde.

„Frauen werden heutzutage zwar nicht mehr so stark über ihr Aussehen und ihre Gebärfähigkeit definiert wie noch in der vorigen Generation”, sagt Katrin Wiederkehr, Autorin des Buches „Wer losläßt, hat die Hände frei”. Trotzdem spielten diese Faktoren noch immer eine große Rolle in der Bewertung einer Frau - auch durch das Umfeld. „Unsere Gesellschaft ist sehr von der Jugend fasziniert. Es ist schwierig zu erleben, dass man diesen Idealen nicht mehr genügen kann”, sagt die Psychologin aus Zürich. Man könne es aber auch anders sehen, einen anderen Blick auf den eigenen Körper entwickeln. „Erfahrene Körper strahlen von gelebtem Leben. Jede erfahrene Zärtlichkeit hat sozusagen eine Leuchtspur auf der Haut hinterlassen - und das summiert sich”, sagt Wiederkehr.

Um ihr Aussehen sollten sich Frauen in den mittleren Jahren jedoch auf jeden Fall weiter bemühen, empfiehlt die Ärztin und Psychologin Heuser: „Anstatt zu denken: Jetzt ist alles egal, sollte man sogar eher mehr Zeit dafür aufwenden, fit und attraktiv auszusehen.” Wer sich stattdessen gehen lasse, fühle sich noch unwohler mit seinem alternden Körper.

Viele Frauen zwischen 45 und 60 hätten ein sehr schwaches Selbstbewusstsein, berichtet Katrin Wiederkehr: „Im Beruf stellen sie beispielsweise häufig fest, dass immer mehr Jüngere nachrücken - und sie befürchten, nicht mit dem Nachwuchs mithalten zu können.” Sie rate Frauen in dieser Situation oft, gute Momente ihrer Lebensgeschichte aufzuschreiben und zu überlegen, welche ihrer Fähigkeiten dazu beigetragen haben. „Eine Frau in diesem Alter hat im Beruf bestanden, hat möglicherweise Kinder großgezogen und verfügt über einen unendlichen Fundus an Wissen und Erfahrung”, betont Wiederkehr. Auf diese Kompetenzen könne man sich durchaus verlassen.

Auch die Partnerschaft verändert sich in diesen Lebensjahren häufig. „Die Kinder sind aus dem Haus und diese neue Situation kann für die Partnerschaft eine Herausforderung sein. Hier steckt aber auch eine Chance für einen Neubeginn, die man nicht verpassen sollte”, betont Wiederkehr. Die Psychologin rät Paaren, sich auf die guten Zeiten in der Partnerschaft zu besinnen, darauf, was einen zusammengeführt hat, was man gerne miteinander unternimmt.

„Man sollte die Partnerschaft aber auch nicht überfordern, indem man alles vom Partner erwartet”, betont Wiederkehr. Es sei wichtig, Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung zu übernehmen. „Frauen sollten überlegen, welche ihrer Interessen und Talente in ihrem bisherigen Leben zu kurz gekommen sind”, sagt Wiederkehr.

Für solche Tätigkeiten könne man sich nun wieder engagieren. Die Expertin empfiehlt Frauen, sich nicht gegen die Veränderungen in der Lebensmitte zu wehren. „Wer sich an die alten Zustände klammert, verschwendet dabei viel Energie”, betont Katrin Wiederkehr. Und schließlich bringe das Älterwerden auch positive Aspekte mit sich: „Frauen müssen sich ab der Lebensmitte nicht mehr so sehr damit beschäftigen, wie sie auf andere wirken - das kann sehr befreiend sein.”

Man habe die Chance, den Leistungswettbewerb um Aussehen, Karriere und die Gunst der Männer etwas weniger ernst zu nehmen, sich dem gesellschaftlichen Druck zu entziehen - und den Luxus der neu gewonnenen Freiheit zu genießen.
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