Delfin-4-Bilanz: Unnötiger Sprachtest, viel Bürokratie

Von: Juliane Kern
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Sprachförderung nach Delfin 4 soll fit machen für die Schule. Ob sie dieses Ziel wirklich erreicht, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Foto: imago/Felix Jason

Stolberg. Die Kita Franziskusstraße Stolberg könnte das Paradebeispiel für ein Erfolgsmodell der Sprachstandserhebung bei Vierjährigen sein. Schließlich ist der Anteil der Kinder, die in den Genuss einer Sprachförderung kommen, hier besonders hoch.

Von 100 Kindern, die die Kita derzeit besuchen, hat bei 24 der Delfin-4-Test ergeben, dass sie sprachlich gefördert werden müssen. 24 von 100 Kindern. Das ist eine hohe Quote - vor allem wenn man bedenkt, dass weitere 24 der 100 Kinder gar nicht erst getestet werden, weil sie einen der integrativen Plätze in der Kita belegen. Zum Vergleich: Im Stolberger Süden oder in den Kommunen der Eifel gelten manchmal nur ein oder zwei Kinder pro Einrichtung nach den Tests als förderbedürftig.

Die Kita Franziskusstraße müsste also in besonders hohem Maße von der Förderung profitieren. Ist der Antrag auf Sprachförderung genehmigt, bekommt die Kita pro Kind und Jahr nämlich 340 Euro. Geld über das sie frei verfügen kann. „Doch gut 8000 Euro pro Jahr reichen nicht, um eine zusätzliche Fachkraft einzustellen, die sich dann besonders um die Kinder kümmert, die einen erhöhten Förderbedarf haben”, sagt Christa Haupts, Leiterin der Kita.

Haupts investiert das Geld also in eine Honorarkraft. Für ein paar Stunden pro Woche kommt ein senegalesischer Musiker in die Kita, um mit den Delfin-Kindern - wie Haupts die förderbedürftigen Kinder liebevoll nennt - zu trommeln und zu singen. „Rhythmus und Sprache hängen eng miteinander zusammen. Die Kinder haben Spaß und verbessern ganz nebenbei ihre Ausdrucksfähigkeit”, sagt Logopädin Martina Falter. Eine sinnvolle Maßnahme - „aber ein Tropfen auf den heißen Stein”. Denn um sich wirklich intensiv um die Kinder zu kümmern, bräuchte die Kita deutlich mehr Personal.

„Sprachförderung ist Beziehungsarbeit. Bei 25 Kindern pro Gruppe, darunter inzwischen auch einige besonders zuwendungsbedürftige Unter-3-Jährige, kommt die individuelle Zuwendung oft zu kurz”, sagt Haupts. Erschwerend hinzu komme ein ständig wachsender Verwaltungsaufwand - auch und gerade durch Delfin 4. „Die Tests selbst sind schnell gemacht, aber anschließend geht die Arbeit erst richtig los. Die Anträge zu stellen, das kostet enorm viel Zeit”, sagt Haupts.

Zeit, die den Erzieherinnen in der Stolberger Kita an anderer Stelle fehlt. Dabei könnten Christa Haupts und ihre Kolleginnen in fast allen Fällen auch ohne Delfin 4 eine sichere Analyse des Sprachstands vornehmen. Denn mit „Sismik” und „Seldak” habe die Kita im Stolberger Stadtteil Velau, einer Siedlung, in der der Anteil von Kindern aus Migrantenfamilien besonders hoch ist, schon lange ein probates Beobachtungsverfahren an der Hand.

„Die Fachkräfte wissen sehr genau, welches Kind Sprachförderbedarf hat und welches nicht”, sagt Haupts. Immerhin, und das bewertet Haupts nach drei Jahren Delfin 4 sehr positiv, habe sich die Kommunikation mit den Grundschullehrern, die den Spielverlauf beobachten und den Testbogen ausfüllen, deutlich verbessert. „Inzwischen wird unser Fachwissen schon geschätzt”, sagt Haupts - und bestätigt damit die vorläufige Bilanz von Gerd Funk, Schulrat für die Grundschulen in der Städteregion Aachen.

Anonyme Umfrage

„Die Zusammenarbeit zwischen Kitas und Grundschulen hat sich seit den ersten Tests vor drei Jahren sehr positiv entwickelt”, sagt Funk. Das zeigten auch die Rückmeldungen einer anonymen und freiwilligen Umfrage unter den 290 Kitas und 102 Grundschulen der Städteregion Aachen. Durchschnittlich 80 Prozent der Kitas und Grundschulen, die sich an der Umfrage beteiligten, bewerteten die Kommunikation mit gut oder sehr gut.

Eine Benotung des Testverfahrens durch die Kinder würde vermutlich ganz anders ausfallen. „Gerade ängstliche Kinder werden durch die ungewohnte Atmosphäre zusätzlich gehemmt. Sie spüren die Testsituation, fühlen sich dann schnell unwohl und beteiligen sich gar nicht mehr am Spiel”, sagt Logopädin Martina Falter.

Hinzu komme, dass das Spiel, das die Situation eines Zoobesuchs nachempfindet, mit der Lebenswirklichkeit vieler Kinder aus armen Familien nur wenig gemein habe. „Viele Kinder, die unsere Kita besuchen, waren noch nie in einem Zoo. Sie kennen eine Giraffe einfach nicht. Und Begriffe, die ein Kind nicht kennt, kann es auch nicht denken”, sagt Falter. Angesichts solcher Hürden kann das Spiel, das eigentlich auf 20 Minuten angesetzt ist, auch schon mal eine ganze Stunde dauern.

Erst die zweite Stufe des Testverfahrens, in die Kinder kommen, bei denen ein Förderbedarf im ersten Test nicht eindeutig ausgemacht weren konnte, berührt die Lebenswirklichkeit aller Kinder. „Beim ´Besuch im Pfiffikus-Haus´ gehtes um Situationen, die jedes Kind aus dem Alltag kennt. Da lässt sich ein Sprachförderbedarf sehr viel leichter erkennen”, sagt Haupts.

Viele Kinder, so die Erfahrung von Haupts und Falter, hätten auch einen Sprachheilbedarf. „Da wäre Delfin 4 eine gute Gelegenheit, einen Experten hinzuzuziehen, der einen solchen Bedarf erkennen kann. Diese Chance aber lässt man verstreichen.”

Positiv bewertet Haupts, dass durch Delfin 4 nun auch Kinder erreicht werden, die keine Kita besuchen. „Allerdings müssen diese Kinder, wenn ein Sprachförderbedarf erkannt wird, lediglich an den Förderstunden teilnehmen, eine Kindergartenpflicht gibt es in Deutschland ja leider nicht.”

Auch wenn sie anerkennt, dass sich seit der Einführung von Delfin 4 vor allem an der Kommunikation vieles verbessert hat und dass erst durch Delfin4 die Problematik ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist, fällt das Urteil von Christa Haupts drei Jahre nach der Einführung der Sprachtests vernichtend aus. „Für unsere Kita brauchen wir Delfin4 nicht.”
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