Damit Mamas Leiden nicht die Kleinen trifft

Von: Martina Rippholz
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Aachen. Karla (Name geändert) fühlt sich verantwortlich für ihre Mutter. Sie ist für sie da, wenn es ihr schlecht geht. Sie spendet ihr Trost. Sie hilft ihr durch den Alltag. Das alles ist nichts Ungewöhnliches. Doch Karla ist erst 13. Ihre Mutter Rita (Name geändert) ist 41 und psychisch krank.

Sie leidet seit vielen Jahren an Schizophrenie. Karla lebt mit der Krankheit ihrer Mutter. Sie weiß sie zu händeln. Sie nimmt Rücksicht, gibt ihr Halt. Rita aber denkt, dass Karla von ihrer Krankheit nicht viel mitbekommt. „Die merkt das kaum”, sagt sie.

Eine Bemerkung, die nebensächlich erscheint. Die es aber keinesfalls ist. Das weiß Vera Magolei. Häufig hat sie diesen Satz schon gehört. Und fast immer hat er sich als falsch erwiesen. Magolei ist Sozialpädagogin. Sie ist Verantwortliche für das Aachener Projekt „AKisiA - Auch Kinder sind Angehörige”, einer Kooperation des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) und der Katholischen Hochschule NRW (KatHO). „AKisiA” ist ein pädagogisches Hilfsangebot für Kinder, deren Väter oder Mütter an einer psychischen Krankheit leiden. Etwa an Depressionen, Ängsten oder psychotischen Störungen wie eben der Schizophrenie.

Regelmäßige Sprechstunden

Seit Anfang 2009 kommen die meist 6 und 14-Jährigen in die DKSB-Stelle in Aachen im Kirberichshofer Weg. „Auch Eltern nehmen unsere Hilfe in Anspruch, etwa die Erziehungsberatung”, sagt Magolei. „In erster Linie richtet sich das Angebot aber an Kinder.” Der Kontakt entsteht zum Beispiel im Alexianer-Krankenhaus Aachen. Dort bietet Vera Magolei regelmäßig Sprechstunden für betroffene Eltern an und informiert auch über „AkisiA”.

In Einzel- und Familiensprechstunden gehen Magolei und ihre Kollegin Petra Kleinen, eine Jugendpsychotherapeutin, familiären Problemen und Entwicklungsauffälligkeiten der Kinder, die sich aus der Krankheit ergeben, auf den Grund. Auch gibt es Gruppenangebote für Kinder, wo sie spielerisch den Umgang mit der Krankheit ihrer Mütter oder Väter lernen.

„AkisiA” ist ein offenes Angebot. Das heißt, es bleibt den Familien selbst überlassen, ob, wie oft und wie lange sie sich beraten lassen wollen. Das ist wichtig, weil viele Eltern zunächst unsicher sind, ob sie die Hilfe wirklich wollen. Die Nachfrage ist groß. Rund 100 Familien aus der Region Aachen wurden bisher betreut. Die Warteliste ist lang. Doch mehr ist personell und finanziell nicht drin. Für „AKisiA” gibt es bisher nur eine Starthilfefinanzierung für die ersten drei Jahre durch die „Aktion Mensch”. Wie es danach weiter geht, weiß noch niemand. Dass es schlimm wäre, wenn das Angebot dann wieder eingestellt werden müsste, wissen Vera Magolei und Johannes Jungbauer.

Wissenschaftliche Begleitung

Jungbauer ist Professor am Psychologie-Lehrstuhl der KatHO in Aachen. Er begleitet „AKisiA” wissenschaftlich. Er und sein Team werten Beobachtungsprotokolle und Fragebögen aus, die während der Beratungen entstehen. „Es ist wichtig, die Arbeit von AKisiA gut zu dokumentieren”, sagt er. „Zum Beispiel, wer wie oft und mit welchem Anliegen zur Beratungsstelle kommt. Und welche Fortschritte das Kind oder die Familie macht. Im Herbst veröffentlichen wir erste Ergebnisse.”

Jungbauer weiß, dass eine solche Evaluation wichtig ist. Sozusagen überlebenswichtig. Zumindest für „AKisiA”. „Das Modellprojekt muss belegen, dass die Arbeit effektiv ist. Nur dann hat es eine Chance, durch andere Kostenträger weiterfinanziert zu werden.” Dass das nötig ist, verdeutlicht Jungbauer mit Zahlen: „Im Raum Aachen haben um die 20.000 Menschen mit einer psychischen Störung einen akuten Beratungsbedarf. Und diese Menschen haben nicht seltener Kinder als andere auch.”

2000 bis 5000 Kinder sind demzufolge von der Krankheit eines Elternteils betroffen, schätzt Jungbauer. Deutschlandweit haben rund 500.000 Kinder ein psychotisch erkranktes Elternteil. Bezieht man auch leichtere psychische Störungen mit ein, ist sogar von rund 3 Millionen Kindern auszugehen, die im Verlauf eines Jahres Symptome bei ihren Eltern erleben.

Fachkongress zum Thema

Dem stehen verschwindend wenig offene Hilfsangebote, wie „AKisiA” eines ist, gegenüber. Lediglich einige wenige Modellprojekte gibt es, unter anderem „AURYN” in Freiburg. Um das Problem stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken, um dafür zu werben, mehr solcher Angebote zu schaffen und sie zu unterstützen, haben die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren, der Kinderschutzbund in Aachen und das Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie der KatHO einen Fachkongress zum Thema organisiert.

Unter dem Titel „Auch Kinder sind Angehörige” treffen sich ab dem heutigen Freitag, 16. April, bis Samstag, 17. April, Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter und andere Experten aus den Bereichen Jugendhilfe und Gesundheit. Es geht um Unterstützungsangebote und ihre Bewertung, um verschiedene psychische Erkrankungen und um das Thema Erziehungsfähigkeit.

Und es geht um die Belastungen der Kinder und deren Auswirkungen für ihr Leben. „Die Kinder sind wegen der Krankheit oftmals sehr verwirrt und desorientiert”, sagt Jungbauer. „Häufig schämen sie sich für das Auftreten oder das Aussehen ihrer Eltern. Hinzu kommen Schulgefühle, weil die Kinder glauben, sie hätten etwas falsch gemacht.” All das habe schlimme Folgen. „Einige werden aggressiv, manche sogar gewalttätig”, sagt Jungbauer. „Andere ziehen sich zurück, versagen in der Schule, fangen an zu stottern oder nässen ein.” Das Risiko für die Kinder, selbst psychisch zu erkranken, ist mit einer Vorgeschichte der Eltern drei bis viermal so hoch. Es ist ein Teufelskreis.

Auch bei Karla zeichnet sich dieser schon ab. Die 13-Jährige ist zurückgezogen und verschlossen. „Sie ähnelt mir sehr”, sagt Mutter Rita. In der Schule kommt Karla mit mittelmäßigen Noten gerade so durch. Die Krankheit ihrer Mutter macht sie unsicher und ängstlich. Keine gute Entwicklung. Eine, die gestoppt werden muss, finden Jungbauer und Magolei.

Und das wollen sie tun mit „AKisiA”, mit der Tagung und mit dem neuen Institut für Gesundheitsforschung. Eine stärkere Vernetzung und mehr Öffentlichkeit wollen sie schaffen. Damit Kinder wie Karla eine bessere Chance haben.

Kontakt zu Akisia und ein neues Institut an der Katholischen Hochschule

Die Hilfsstelle Akisia für Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen oder Problemen wird koordiniert von Diplompädagogin Vera Magolei vom Kinderschutzbund Aachen. Sie ist telefonisch zu erreichen unter 0241/949940 oder unter vera.magolei@kinderschutzbund-aachen.de per E-Mail. Die Postadresse des Kinderschutzbundes, Ortsverband Aachen, lautet: Kirberichshofer Weg 27-29. 52066 Aachen. Termine für Sprechstunden gibt es nach Absprache.

Akisia ist ein Kooperationsprojekt vom Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) und der KatHO NRW, das als Modellprojekt von der Deutschen Behindertenhilfe/ Aktion Mensch drei Jahre lang gefördert wird. Doch das reicht noch lange nicht.

Die Mitarbeiter freuen sich daher jederzeit über Spenden. Solche gehen an den DSKB Aachen, Stichwort: „Projekt Akisia”, Sparkasse Aachen, BLZ 39050000, Konto-Nr. 28530.

Das Modellprojekt Akisia ist Teil eines neu gegründeten Forschungsinstituts an der Katholischen Hochschule NRW. Das Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie (igsp) hat seinen Hauptsitz am Hochschul-Standort Paderborn unter Leitung von Professor Albert Lenz. Am Aachener Standort ist Professor Johannes Jungbauer für den neuen Bereich zuständig. Ein Schwerpunkt des igsp liegt in der Untersuchung familiärer und sozialer Einflüsse auf Gesundheit und Krankheit.
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