Berlin/Fürth - Chaos im Kinderzimmer: Eltern sollten nicht selbst aufräumen

Chaos im Kinderzimmer: Eltern sollten nicht selbst aufräumen

Von: Aliki Nassoufis, dpa
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Auch wenn es aussieht, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte: Eltern sollten das Kinderzimmer nicht selbst aufräumen. Foto: Mascha Brichta, dpa

Berlin/Fürth. Ein Blick ins Kinderzimmer bestätigt die schlimmsten Vermutungen: Das Bett ist ungemacht, auf dem Schreibtisch herrscht ein einziges Durcheinander, und auf dem Boden türmen sich Klamottenberge, Essensreste und CDs.

Angesichts solcher Szenen haben wohl schon alle Eltern einmal genervt gestöhnt: „Räum endlich dein Zimmer auf!”. Doch meist sieht der Nachwuchs das ganz anders - und der Streit ist programmiert.

„Das ist in allen Familien ein Thema”, bestätigt Andreas Engel, stellvertretender Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Fürth. Eltern seien dabei aber nicht nur die Vertreter von Ordnung. „Beim Thema Zimmer aufräumen wird noch etwas angesprochen, was tiefer und über den reinen Sachverhalt des Aufräumens hinausgeht.”

Und das seien zum Beispiel Aspekte wie „sich anpassen” und „Gehorsam”. „Kinder und besonders Jugendliche stellen diese Ordnungsvorstellungen und was damit zusammenhängt jedoch in Frage - aber es ist ja auch die Aufgabe der Jugend, Dinge zu hinterfragen.”

Hinzu kommt eine weitere Tücke. „Mit etwa zehn, elf Jahren beginnt die Pubertät, die Hormone verändern sich rasant und auch die Interessen der Kinder und Jugendlichen”, sagt Maria El-Safti-Jütte vom Elterntelefon in Berlin. Das führe unter anderem dazu, dass für Mädchen und Jungen viele Dinge eine andere Bedeutung bekommen als vorher.

„Außerdem fehlt ihnen oft der Antrieb so etwas zu tun wie aufzuräumen.” Und: Es interessiere sie oft schlichtweg nicht, ob die Bücher geordnet im Regal stehen und die Chipsreste vom Boden gesaugt werden. „Für die Kinder ist so etwas nicht unbedingt eklig und dreckig.”

Trotzdem können Eltern natürlich versuchen, die Jugendlichen zum Neuordnen ihres Zimmers zu bewegen. „Je früher man damit anfängt, desto mehr Erfolge hat man später”, sagt die Diplompsychologin Anni Braun, Mitglied beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Berlin.

Wer schon seinem kleinen Kind zeige, wie das Aufräumen funktioniere und bei Erfolgen lobe, habe auch bei Älteren gute Chancen, dass das mit dem Ordnungssinn klappe.

Dabei können Regeln helfen, sagt El-Safti-Jütte. „Eltern und Kinder sollten diese gemeinsam aufstellen.” Eltern könnten zum Beispiel sagen „Du wirst älter und ich trau dir zu, dass du dich alleine um die Ordnung in deinem Zimmer kümmerst, aber Regeln können helfen, damit wir uns später nicht ständig streiten.” Konkrete Richtlinien seien dabei hilfreich. So könne eine Regel lauten: „Wenn ich Übernachtungsbesuch habe, räume ich danach das Zimmer auf.”

Eltern sollten sich Prioritäten setzen, rät El-Safti-Jütte. Denn wer jeden Tag ein pikobello sauberes Zimmer erwartet, könnte schnell enttäuscht werden. „Man kann sich überlegen, was einem besonders wichtig ist.” Das könnten zum Beispiel Aspekte sein wie „Essensreste müssen jeden Abend weggeschmissen werden” oder „Schulsachen werden selbst sortiert”.

Ein fester Putztag kann ebenfalls helfen. „Man kann vereinbaren, dass einmal in der Woche an einem bestimmten Tag für eine gewisse Zeit aufgeräumt wird”, sagt Braun. „Vielleicht schafft man selber auch an diesem Tag zur selben Zeit Ordnung im Wohnzimmer.”

So lerne das Kind „Freitag ist Aufräumtag”. Gut wäre, wenn man sich nach dem Aufräumen gemeinsam was Schönes gönnt, zum Beispiel ein Spiel spielen oder Eis essen - „etwas, was beiden gut tut. So wird Aufräumen positiv besetzt.”

Viele Eltern greifen gerne mal selbst ein, damit es so funktioniert, wie sie es gerne hätten. „Das ist aber nicht gut”, warnt Engel. Denn wenn die Mutter immer mit anpackt, könnte das Kind lernen „Ordnung ist für Mama wichtig”.

„Aber das Ziel soll ja sein, dass das Kind Erfahrung mit Ordnung und Unordnung macht.” Wenn die Mutter alles aufräume, werde das Kind nie über die Spielzeugberge mitten im Zimmer stolpern - und sie aus eigenem Antrieb wegräumen.

Wichtig ist allerdings, den Kindern ein paar Handgriffe zu zeigen. „Sie wissen nicht automatisch, wie ein Staubsauger funktioniert oder wie man Staub wischt”, sagt El-Safti-Jütte. „Außerdem kann man anbieten: Wenn dir etwas schwer fällt, zeige ich dir das.”

Deutlich weniger sinnvoll sind Ultimaten nach dem Motto „Wenn du bis dann und dann nicht aufgeräumt hast, schmeiße ich alles weg, was noch auf dem Boden liegt”. „Eltern müssen dann nicht nur wirklich ihre Drohung wahr machen und die teuren Dinge wegwerfen, sie beginnen auch einen offenen Machtkampf”, warnt Andreas Engel.

Kinder würden so nämlich lernen, dass sich der Stärkere durchsetzt. „Das sollte aber nicht das Ziel der Aufräum-Debatte sein.” Und den Lernprozess, den Jugendliche auf dem Weg zu Ordnung durchlaufen müssen, würde das nicht fördern.

Eltern sollten es beim Thema aufräumen nicht übertreiben, raten Experten. „Sie sollten nicht erwarten, dass das Kind so aufräumt, wie sie es selber tun würden”, sagt Diplompsychologin Anni Braun.

Das betont auch Maria El-Safti-Jütte vom Berliner Elterntelefon: „Eltern sollten sich klar machen: Ich habe eine andere Wahrnehmung”. Was für Kinder ordentlich sei, müsse für Erwachsene nicht dasselbe sein.

„Es ist aber eine absolute Energieverschwendung, wegen der Unordnung ständig auszurasten.”

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