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Auch bindungsunfähige Menschen sehnen sich nach Zweisamkeit

Von: Manja Greß, dpa
Letzte Aktualisierung:
Auch bindungsunfähige Menschen sehnen sich nach Zweisamkeit
Menschen mit Bindungsangst ergreifen oft die Flucht, sobald der Partner gemeinsame Pläne macht. Foto: dpa

Berlin/Münster. Bei manchen Menschen ist es wie verhext. Sie haben zwar zahlreiche Freunde, doch wenn es um Liebe und Partnerschaft geht, ergreifen sie nach kurzer Zeit die Flucht. Kaum macht der andere gemeinsame Pläne - und sei es nur für das nächste Wochenende - wird ihnen das zu eng.

Schnell werden sie von ihrem Umfeld als beziehungsunfähig abgestempelt - obwohl sich so mancher Betroffene nichts sehnlicher als eine Partnerschaft wünscht.

Nicht immer merkt man es einem Menschen in der Kennenlernphase an, dass er Probleme mit festen Bindungen hat. „Oft wird das erst sichtbar, wenn schon eine gewisse Nähe aufgebaut worden ist”, sagt der Kommunikations-Coach Karsten Noack aus Berlin. Am Anfang versuche jeder, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Allerdings gibt es Verhaltensweisen, die ein Indiz für ein mögliches Bindungsproblem sind. Meldet sich der Partner regelmäßig oder nur sporadisch? Sagt er kurzfristig gemeinsame Treffen ab? Weicht er aus, wenn es darum geht, auf lange Sicht etwas gemeinsam zu planen? An diesem Verhalten könne man relativ früh erkennen, ob etwas nicht stimmt.

Wer es mit einem augenscheinlich beziehungsunfähigen Menschen zu tun hat, fragt sich schnell, ob eine gemeinsame Zukunft möglich ist. „Das kann man so pauschal nicht sagen”, erklärt Karsten Noack. Um herauszufinden, wie die Chancen stehen, sollte man auf jeden Fall über das Thema reden.

Mutige können ihre neue Eroberung darauf ansprechen, was aber oft „nach hinten losgeht”, warnt Noack. Der Vorteil dieser Vorgehensweise sei, dass man schnell seine Antwort hat oder merkt, dass der andere mauert und partout nicht darüber sprechen will. „Dann kann man die Sache schnell abbrechen, ohne bereits viel Zeit und große Gefühle investiert zu haben.” Der Nachteil: Der andere kann sich durch die Fragerei in die Enge getrieben fühlen und die Sache von sich aus beenden - obwohl er mit ein bisschen mehr Zeit wahrscheinlich aufgetaut wäre.

Denn oft wünschten sich solche Menschen einen Partner, sagt Gerrit Grahl aus Frankfurt/Main. „Doch ihr Problem ist, dass sie viel zu schnell in gewohnte Verhaltensmuster zurückfallen”, erklärt der Paartherapeut. So werden einige sehr verschlossen, sobald sie merken, dass der andere eine Bindung zu ihnen aufbaut.

Negative Erlebnisse in der Vergangenheit könnten dafür die Ursache sein. „Ehe man versucht, eine Partnerschaft mit jemandem aufzubauen, der damit bisher immer Probleme hatte, sollte der Grund dafür geklärt werden”, rät Grahl. Oft seien diese Menschen in früheren Beziehungen enttäuscht worden. Sie mussten erleben, wie sie betrogen und verlassen wurden. Oder sie haben das bei Freunden gesehen. „Das Lernen am Modell ist dabei die häufigste Form des Lernens.”

Auch die Kindheit spielt ein Rolle: Das Problem mit Nähe und Distanz könne schon zu dieser Zeit angelegt worden sein - durch mangelndes Urvertrauen, erklärt der Verhaltenstherapeut Steffen Fliegel aus Münster. Eine nachlässige Betreuung als Kind habe dann Auswirkungen auf spätere Beziehungen. Sobald positive Gefühle zu einer anderen Person entstehen, wachse die Angst, selbst verletzt zu werden. Rückzug ist dann eine mögliche Reaktion.

Andere lassen ihrem neuen Partner von Anfang an zu wenig Raum und zerstören jede Beziehung, noch ehe sie richtig begonnen hat. „Sie übertragen Sehnsüchte aus anderen Bereichen ihres Lebens auf die Partnerschaft und fühlen sich als Single nicht vollständig”, erklärt Fliegel. Solchen Menschen gehe es nur um den Selbstzweck. Sie benutzten den anderen für die Befriedigung unerfüllter Bedürfnisse.

Auch Fliegel rät, über das Problem zu sprechen und es gemeinsam anzupacken. „Natürlich weiß keiner, ob sich so ein kräfteraubender Prozess überhaupt lohnt. Auch wenn beide noch so oft über das Problem sprechen, kann die Beziehung trotzdem scheitern”, ergänzt Grahl. Aber ohne Gespräche über die Ursachen steige das Risiko dafür.

Ein professioneller Ansprechpartner kann bei solchen Gesprächen helfen. „Ein Therapeut deckt manchmal Dinge auf, die noch gar nicht besprochen wurden, aber ausschlaggebend sein können. Und er traut sich, Fragen zu stellen, die sich der Partner lieber verkneift”, sagt Grahl. Eines sollte aber klar sein: Wer sich auf eine Partnerschaft mit einem beziehungsgestörten Menschen einlässt, der muss viel Zeit investieren und Rückschläge verkraften können - und das alles ohne Erfolgsgarantie.

Spätfolgen von Scheidungen

Eine Scheidung der Eltern kann Auswirkungen auf die eigene Bindungsfähigkeit haben. „Kinder, die mit einem Elternteil groß werden und kaum andere feste Beziehungen im frühen Alter erfahren, können möglicherweise nicht lernen, wie eine Partnerschaft gelebt wird”, sagt der Verhaltenstherapeut Steffen Fliegel aus Münster. Ihnen fehle die Kompetenz, Beziehungen einzugehen, aufzubauen und zu stabilisieren. Genau das werde aber später von ihnen verlangt.
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