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Anmache im Netz: Was Kinder und Eltern wissen müssen

Von: Maryam Schumacher, dpa
Letzte Aktualisierung:
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Im Chatraum können viele Gefahren lauern. Deshalb sollten Eltern und Kinder gemeinsam über Verhaltensregeln sprechen. Foto: dpa

Berlin. Immer häufiger werden Kinder und Jugendliche in Chaträumen angemacht. Das Thema ist noch immer unterschätzt. Kinder und Jugendliche werden einfach nicht aufgeklärt. Und ihre Eltern genauso wenig.

Das Mädchen wollte keinen Kontakt zu diesem Chat-Partner. Er ließ aber nicht locker. Über die Seiten eines sozialen Netzwerkes spähte er die Freundesliste des Mädchens aus und drohte ihr, wenn sie nicht mit ihm Kontakt habe, dann würde er Lügen über sie in ihrem Freundeskreis verbreiten. Oder aber sie könne ihm ein Nacktfoto schicken, dann würde er es sein lassen.

Das Mädchen schickte ihm eins. Danach folgten immer mehr Bilder. Irgendwann hielt es das Mädchen nicht mehr aus und vertraute sich ihrer Mutter an. Die ging dann zur Polizei. Dieses Beispiel ist nicht fiktiv, sondern hat sich tatsächlich so ereignet.

Dass im Internet Gefahren für Kinder und Jugendliche lauern, ist nicht neu, auch wenn die RTL-II-Sendung „Tatort Internet” die Debatte jetzt noch einmal angeheizt hat. Nach Angaben des Verbands „Innocence in Danger” erfährt jedes siebte Kind oder Jugendlicher im Internet mindestens einmal sexuelle Anmache. „Kinder und Jugendliche sind immer noch nicht genügend inhaltlich und technisch aufgeklärt”, sagt Kristine Kretschmer von Seitenstark, einem Verband, der sichere Kinderseiten und Chats fördert. „Vor allem sind die Eltern gefragt.”

Im Fachjargon heißt die Anmache von Minderjährigen durch Pädophile über Chaträume oder Messenger-Dienste Cybergrooming - ein verharmlosender Begriff, denn Grooming wird im Englischen für so etwas wie „Fellpflege” im zoologischen Bereich verwendet.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen hat sich viel mit dem Phänomen von Attacken in Chaträumen auf Kinder beschäftigt. Er sagt: „Es gibt keine Möglichkeit die Kinder vollkommen zu schützen. Man kann nur aufklären.” Das klingt zunächst banal. Pfeiffer erklärt weiter: „Es ist ähnlich wie mit der Sexualaufklärung. Sie ist selbstverständlich, und trotzdem nicht gang und gäbe.”

Ergänzt werden sollte die Aufklärung durch Vorsichtsmaßnahmen: Für das Chatten und Plaudern in den sozialen Netzwerken können entsprechende Voreinstellungen gesetzt werden, die einen gewissen Schutz bieten. „Als Internetnutzer sollte man darauf achten, dass man eine Kontrolle über seine Kontakte hat”, sagt Kristine Kretschmer vom Verband „Seitenstark”. Will jemand Neues also in die Freundesliste, muss man vorher zustimmen.

Dann rät Kretschmer: „Jeder muss seine Daten schützen: Also keine Namen, keine Adressen, keine Telefonnummern und keine Bilder.” Es gebe aber immer häufiger kindersichere Seiten und auch Chats, in denen etwa Erwachsene in der Funktion von Moderatoren die Gespräche mitverfolgten. Wenn obszön gesprochen wird, schreiten sie ein. Ansonsten, meint Kretschmer, helfe nur „misstrauisch zu bleiben”. Sobald den Kindern etwas komisch erscheine, sollten sie sich sofort an ihre Eltern wenden.

Pfeiffer sieht Parallelen zu der aktuellen Debatte in Deutschland mit Schweden. Dort hätten schon vor Jahren drei Fälle großes Aufsehen erregt. Jedes Mal waren es Mädchen, die vergewaltigt und später getötet worden - von Männern, die sie kurz zuvor im Chat kennengelernt haben. Dann hätten in Schweden die Aufklärungskampagnen begonnen. „Bei uns steht das noch aus”, sagt Pfeiffer.

Wussten diese Kinder und Jugendlichen wirklich nicht, was sie tun? Pfeiffer sagt: „Nein.” Und er vermutet: „Die Opfer von Missbrauch aber auch Cybermobbing sind primär Kinder aus der Unterschicht.” Akademiker-Eltern könnten ihre Kinder besser schützen, weil sie informiert seien.

Dieser These widerspricht der Sprecher der Organisation für Kriminalitätsopfer „Weißer Ring”. „Die Opfer kommen aus allen sozialen Milieus”, sagt Veith Schliemann. Und schon die Zahlen sprächen für sich: „Jeder Schüler, der über zehn Jahre alt ist, ist heute in irgendeiner Community.” Also in sozialen Netzwerken wie Schüler-VZ oder Facebook. „Das heißt, fast jeder Schüler ist heute über diese Netzwerke erreichbar und findbar.”

Der Großteil der Eltern wisse einfach nicht, was die Kinder tun, meint Schliemann. Zum einen fehle das technische Verständnis von Chatten oder sie hätten keine Zeit. Oft seien die Kinder alleine zu Hause.

Der Weg zur Aufklärung ist aber noch lang. Während über die Inkompetenz der Eltern gestritten wird, sind sich die Experten in einem Punkt einig. Aufklärung kann nicht nur Sache der Eltern sein. Auch die Schule müsse ihren Teil leisten, fordert Pfeiffer. Es gibt bereits Initiativen, wo externe Coaches Schüler in den Klassen über Computertechniken und das Internet aufklären. Das geht der Kultusministerin aus Baden-Württemberg nicht weit genug. Marion Schick (CDU) hat jüngst gefordert: Digitale Medien muss ein Schulfach werden - und zwar schon in der Grundschule.

Pornografie, Pädophilie oder braune Propaganda: Das sind nur drei von vielen möglichen Gefahren, denen Kinder und Jugendliche in Chaträumen ausgesetzt sein können. Problematisch wird es, wenn die Eltern noch nicht einmal ahnen, was ihren Nachwuchs im Netz erwarten kan. Deshalb gibt es Regeln für sicheres Kommunizieren im Chatraum, die Kinder und Eltern wie das kleine Einmaleins kennen sollten.

Müssen beim Chatten Regeln eingehalten werden?

Ja. Für alle Kommunikationsdienste gelten die gleichen Gesetze wie im realen Leben. Also müssen auch im Internet Straf- und Jugendschutzgesetze eingehalten werden.

Was heißt das konkret?

Es ist verboten, andere zu beleidigen. Schimpfwörter wie „Drecksau” sind tabu, auch zu Gewalt gegen Bevölkerungsgruppen oder Einzelne aufzurufen oder Nazikennzeichen zu benutzen wie „Heil Hitler”. Die Internetseite „Chatten ohne Risiko” beschreibt diese Punkte sehr ausführlich. Verboten ist auch das Senden von pornografischen oder gewaltverherrlichenden Filmen, Bildern und Texten. Es ist verboten, Minderjährige sexuell zu belästigen oder gar einen Missbrauch vorzubereiten. Wichtig ist darüber hinaus auch, dass jeder das Recht am eigenen Bild hat. Das heißt, nur weil jemand ein Bild von einem Freund geschossen hat, darf er es noch lange nicht ohne dessen Zustimmung publizieren.

Was sollten junge Chatter als Erstes tun?

Kinder sollten sich mit ihren Eltern hinsetzen und ihnen eventuell zeigen und erklären, was sie eigentlich tun möchten. Dann können sich Eltern und Kinder auf bestimmte Regeln beim Chatten einigen. Dazu rät Kristine Kretschmer vom Verein Seitenstark. Genauso wie Kinder nicht zu jeder Zeit aus dem Haus dürfen, sollten sie auch nicht jederzeit chatten dürfen, sondern nur zu bestimmten Zeiten. Eltern sollten ihren Kinder auch klarmachen, dass sie immer für sie da sind.

Wie sehen die Chatregeln aus?

Auch und gerade Kinder sollten stets ihre persönlichen Daten schützen. Das heißt, sie dürfen nie ihren wirklichen Namen preisgeben, sondern sich einen lustigen oder kreativen Spitznamen (Nickname) einfallen lassen. Ebenfalls gilt: Niemals die Adresse von zu Hause oder der Schule oder Freunden nennen, nie die eigene Telefonnummer heausgeben und niemals Fotos oder Filme senden. Darüber hinaus sollten sich Kinder und Jugendliche nie mit Chatpartnern im wirklichen Leben treffen, warnt Kretschmer.

Lässt sich die Sicherheit beim Chatten oder in sozialen Netzwerken mit technischen Mitteln steigern?

In jedem Chatraum können bestimmte Einstellungen vorgenommen werden, die die Sicherheit beim Plaudern erheblich steigern. Man kann zum Beispiel bestimmen, dass nur die eigenen Freunde angezeigt werden und Kontakt aufnehmen können. Und man kann außerdem die Einstellung setzten, dass man bei einer Kontaktanfrage zustimmen muss, bevor jemand auf die Freundesliste kommt, empfiehlt Veith Schliemann von der Opferschutzorganisation Weisser Ring. Auch das Blocken von Kontakten ist oft möglich. Geblockte Kontakte können einem nicht mehr schreiben und sehen auch nicht, ob man online ist. Bei den Einstellungen sollte man auch darauf achten, dass man kein echtes Foto von sich als Profilbild nimmt, sondern ein Symbolbild.

Gibt es Unterschiede bei den Chatrooms?

Ja. Es gibt viele kontrollierte Seiten und Chats für Kinder, die sicher sind. Das fängt an bei Suchmaschinen für Kinder wie „Blinde Kuh” oder geht bis hin zu Chatrooms wie „Seitenstark”. Dort können Kinder und Eltern sicher sein, dass nach bestimmten Regeln gechattet wird. Bei „Seitenstark” gibt es im Chat zum Beispiel zwei Moderatoren. Einer, der den Kindern bei Fragen zur Verfügung steht und ein anderer, der die Chatbeiträge der Kinder liest und darauf achtet, dass die Regeln eingehalten werden. Nur wenn ein Beitrag in Ordnung ist, veröffentlicht ihn der Moderator auch.

Was sollte man tun, wenn einem beim Chatten etwas komisch vorkommt?

Sofort melden: In vielen Chatrooms gibt es einen sogenannten Alarmbutton, den man anklicken kann. Außerdem können sich die Kinder und Jugendlichen immer an die Moderatoren wenden. Immer, wenn sich ein Kind und Jugendlicher belästigt fühlt, sollte er das auch sagen. Wichtig ist auch, dass immer die Eltern informiert werden.
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