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Die Einflüsterer: Dolmetschen ist Multitasking auf hohem Niveau

Von: Johanna Fischer
Letzte Aktualisierung:
Dolmetscher
Dolmetscher leihen Politikern und Prominenten ihre Stimme und sind bei internationalen Konferenzen im Einsatz. Foto: dpa

Chemnitz. Das Schlimmste sind Witze, sagt Dana Gaidas. Ein ausgefeilter Gag, ein feinsinniger Scherz, vielleicht sogar ein Wortspiel. „Für uns sind das Schrecksekunden.” Gaidas, 27 Jahre alt, ist Dolmetscherin in Chemnitz. Sie übersetzt Reden, Gespräche und Vorträge in andere Sprachen. Nicht auf dem Papier, sondern sofort, spontan und idealerweise mit sicherer Stimme.

Erst vor wenigen Monaten hat sie ihren Master im Konferenzdolmetschen gemacht. Während ihres Studiums hat sie Vokabeln gelernt und sich die „Ähs” abtrainiert. Freiwillig hat sie sogar Schauspielübungen gemacht - damit der Auftritt stimmt.

Dolmetscher arbeiten etwa bei Staatsbesuchen oder Gerichtsverfahren und unterstützen Verhandlungen in der Wirtschaft. Sie leihen Politikern und Prominenten für das Fernsehen ihre Stimme und sind bei internationalen Konferenzen im Einsatz.

Weil Dolmetscher keine geschützte Berufsbezeichnung ist, gibt es viele Quereinsteiger und Autodidakten. In manchen Bundesländern ist eine Ausbildung an Berufsfachschulen oder -akademien möglich. „Klassischerweise braucht es aber einen akademischen Abschluss”, sagt Norma Keßler, Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ).

Aufbauend auf einen Bachelor, zum Beispiel in internationaler Fachkommunikation oder Translation, bieten mehrere Hochschulen Masterstudiengänge zum Konferenzdolmetscher an. Anders als ein Übersetzer überträgt der Dolmetscher nicht das geschriebene, sondern das gesprochene Wort.

Ob simultan, konsekutiv - erst spricht der Redner, dann der Dolmetscher - oder flüsternd hinter einer Person: Dolmetscher müssen stets einen klaren Kopf behalten. Sie müssen sich intensiv einarbeiten in ein Thema und zum Beispiel Verbtabellen mit schwierigen Fachbegriffen auswendig lernen. Mal schnell ins Wörterbuch schauen während eines Vortrags geht nicht.

Englisch als Fremdsprache ist immer gefragt. An Hochschulen können angehende Fachkräfte viele gängige Sprachen lernen - zum Beispiel Spanisch, Französisch, Russisch und zunehmend Chinesisch. Immer wieder wird Norma Keßler gefragt, zu welcher Sprache sie jungen Menschen raten würde. „Es ist letztlich Herzenssache. Man sollte immer die Sprache lernen, der man sich verbunden fühlt”, rät sie.

Eine Fremdsprache zu lernen, ist jedoch nur ein erster Schritt. „Zweisprachigkeit befähigt noch lange nicht zum Dolmetscher”, erklärt Isabel Schwagereit vom Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher (Aticom). Sprachkenntnisse auf Abiturniveau oder besser werden in Englisch oder Französisch schon zu Beginn des Studiums erwartet, an den meisten Hochschulen gibt es Aufnahmetests.

Die Kunst fängt später an. Eine Sprache besteht aus mehr als Wörtern, sie hat einen eigenen Charakter, eigene Codes. Sie kann direkt sein oder blumig - genau wie die Kultur.

Weil oft Nuancen beim Dolmetschen entscheidend sind, machen Landeskunde und interkulturelle Kommunikation einen Teil der Ausbildung aus. „Es braucht viel Fingerspitzengefühl”, erzählt Schwagereit. „Wenn meine Gegenüber zum Beispiel aus einer sehr höflichen Kultur kommt, in der niemand direkt Nein sagt, obwohl er es meint - wie bringe ich das rüber?”

Immer wieder gibt es Anspielungen, Provokationen, Feinheiten, Dinge, die hier anders sind als dort, die zwischen den Zeilen mitschwingen und verschluckt oder missverstanden werden können. „Besonders vor Gericht haben Dolmetscher eine große Verantwortung”, erklärt Schwagereit. Das sei etwa der Fall, wenn der Angeklagte aus einem anderen Justizsystem kommt und mit den deutschen Begriffen nichts anfangen kann.

Oft gehört neben der Sprache ein weiteres Fach wie Jura oder Technik zum Studium. Jede Sparte hat ihre eigene Sprechweise. „Das Wichtigste ist, geistig wendig zu sein”, betont Schwagereit. Dolmetschen ist Multitasking auf hohem Niveau und auch körperlich anstrengend. Die Fachkräfte müssen einen Text hören, verstehen, in einer anderen Sprache wiedergeben und dann noch auf Unvorhergesehenes reagieren. Wer in dem Beruf gut sein möchte, braucht eine gute Allgemeinbildung, ein exzellentes Gedächtnis und ein sicheres Auftreten. Nicht zuletzt ist Körperbeherrschung gefragt: Ein Dolmetscher kann nicht zwischendurch auf Toilette gehen.

Festanstellungen gibt es nur wenige, bei der Europäischen Union, bei internationalen Behörden oder vielen Ministerien. Die meisten Dolmetscher arbeiten auf dem freien Markt. „Der Einstieg ist nicht immer einfach”, sagt Norma Keßler. „Man sollte sich auf einzelne Gebiete spezialisieren und auch unternehmerisches Gespür mitbringen.” Ohne Verkaufen geht es nicht. Hat man sich auf dem Markt erst einmal durchgesetzt, ist die Bezahlung gut. Der Tagessatz eines Konferenzdolmetschers kann bei 750 bis 1000 Euro liegen.

Allem Stress zum Trotz lieben die meisten Dolmetscher ihren Beruf. „Das Schönste ist, dass es nie langweilig wird”, erzählt Gaidas. „Ich lerne immer wieder Neues, treffe die unterschiedlichsten Menschen. Und ich kann Kommunikation ermöglichen, wo sich zwei Seiten sonst nicht verstanden hätten.” Ihr Traum wäre es, irgendwann Politiker zu begleiten und mit Delegationen ins Ausland zu reisen. „Dabeisein, wenn etwas Wichtiges passiert, einen historischen Moment erleben - davon träumen viele Dolmetscher”, sagt sie.

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