„Wir sind mehr als ein Versandhändler“: DocMorris und die Alemannia

Letzte Aktualisierung:
5956638.jpg
„Wir wollen uns in der Region mehr einbringen“: DocMorris-Vorstand Olaf Heinrich. Foto: Michael Jaspers

Aachen/Heerlen. Es waren immer wieder gerichtliche Auseinandersetzungen bis hin zum Europäischen Gerichtshof, die die Entwicklung von DocMorris entscheidend beeinflussten. Das Geschäftsmodell der in den Niederlanden ansässigen Versandapotheke rüttelt halt an den Grundfesten des deutschen Apotheken- und Arzneimittelrechts.

Erst im Mai hatte das Landgericht Köln DocMorris per Einstweiliger Verfügung untersagt, Kunden eine Prämie zu zahlen, wenn diese an einem Arzneimittel-Check teilnehmen. Zuletzt sorgte das Unternehmen allerdings mit einer anderen Meldung für Aufsehen: als neuer Haupt- und Trikotsponsor des arg gebeutelten Viertligisten Alemannia Aachen. „Das passt“ sagt DocMorris-Vorstand Olaf Heinrich im Gespräch mit Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Herr Heinrich, warum engagiert sich DocMorris gerade jetzt bei Alemannia Aachen?

Olaf Heinrich: Alemannia ist und bleibt eine starke Kultmarke. Daran ändert auch der Abstieg in die vierte Liga mit all den bitteren Begleitumständen nichts. Es ist gerade eine schwierige Situation für den Verein. Und wir sind es gewohnt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Wir wollen mit unserem Engagement ein Zeichen setzen: Wenn man am Boden ist, muss man wieder aufstehen. Zwei starke Marken in der Region – das passt!

Was lassen Sie sich das kosten?

Heinrich: Darüber haben wir Stillschweigen vereinbart.

Wie ist es als potenzieller Sponsor, mit einem Insolvenzverwalter zu verhandeln?

Heinrich: Ungewöhnlich – aber ich hatte bereits Anfang des Jahres und habe nach wie vor den Eindruck, dass die nun handelnden Verantwortlichen einen sehr guten Job machen. Die wollen das Optimum für den Verein, die Fans und die Stadt herausholen. Aber natürlich kann man nicht voraussagen, was daraus wird. Aber wir glauben an eine gute Zukunft. Genau wie in unserem Unternehmen.

Welche Ziele verbindet Ihr Unternehmen mit dem Engagement?

Heinrich: Wir wollen uns in der Region mehr einbringen. Wir sind nicht in dem Maße präsent, wie wir es sein könnten. Das liegt natürlich vor allem daran, dass wir jenseits der Grenze in den Niederlanden sitzen – obwohl nur ein paar Kilometer von Aachen entfernt.

Seit Oktober 2012 hat DocMorris mit der Zur Rose AG aus der Schweiz einen neuen Besitzer. Was hat sich verändert?

Heinrich: Wir begreifen das vor allem als große Chance. Mit dem EuGH-Urteil im Mai 2009 war klar, dass wir vorerst in Deutschland kein Apothekensystem aufbauen konnten. Mit diesem Ziel hatte Celesio allerdings DocMorris gekauft. Dies kritisierten die Kunden von Celesio, mit denen wir im Wettbewerb stehen. Eine neue Celesio-Führung hat sich für eine andere Strategie entschieden und deshalb war der Verkauf nur konsequent. Die Zur Rose AG ist auch ein Versandhändler und denkt ähnlich wie wir, deshalb können wir ohne strategische Fesseln wieder Tempo machen und unsere Vision einer besseren Arzneimittelversorgung konsequent umsetzen.

Das werden die deutschen Apotheker nicht gerne hören. DocMorris sah und sieht sich mit vielen Klagen gegen sein Prämiensystem konfrontiert. Es gibt Urteile gegen Ihr Unternehmen, Ordnungsgelder wurden verhängt. Trotzdem machen Sie weiter. Aus Provokation?

Heinrich: Nein. Wir haben gerade ein Programm veröffentlicht, wie wir die Apotheke 2020 sehen. Dieser Weg ist kontrovers, aber alternativlos. Dazu gehören auch Diskussion und juristischer Streit. Manchmal setzen wir uns durch, manchmal unsere Wettbewerber. Es ist schade, dass wir hier nicht argumentativ, sondern mit der Rechtskeule streiten, aber das Europarecht sehen wir auf unserer Seite und deswegen werden wir uns bis zur letzten Instanz für unsere Ziele einsetzen.

Die Apotheker und auch die deutschen Gerichte sagen aber, dass Sie sich an das deutsche Gesetz halten müssen.

Heinrich: Worüber reden wir denn? Über die Versorgung und den Apothekenablauf? Nein, der ist nämlich eindeutig geregelt und hier vertrauen uns zwei Millionen Kunden. Wir reden darüber, dass wir unseren Kunden Anreize anbieten, die wir aus unserer Marge bezahlen. Auf gut Deutsch: Wir geben etwas vom Gewinn an die Kunden ab. Das passt den Apothekenfunktionären nicht, denn dann müssten sie diesen Weg auch gehen. Darum geht es. Versorgung und Beratung sind nie Thema gewesen. Das muss mal klargestellt werden.

Können Sie heute eine härtere Gangart einschlagen, als dies bei Celesio möglich war?

Heinrich: Alles was neu oder wettbewerbsorientiert ist, sorgt für Ärger und Widerstand, erst recht, wenn ein Monopol verteidigt wird. Wir haben auch unter Celesio Rechtstreitigkeiten und Ordnungsgelder gehabt. Gehen Sie davon aus, dass unser jetziger Gesellschafter voll und ganz hinter unserer Strategie steht.

Wohin geht denn die Reise?

Heinrich: Wie bereits erwähnt, haben wir eine klare Vision für die Apotheke 2020 formuliert. Ein Beispiel: Multichannel ist für uns ein zentrales Thema. Wir sind nicht nur ein reiner klassischer Versandhändler, sondern bei Partnern wie Rossmann, Rewe oder der Post mit Broschüren und Infomaterial vertreten. Und wir wollen den mobilen Dialog mit unserer Kunden intensivieren, quasi im Wohnzimmer präsent sein.

Was ist mit stationären Apotheken?

Heinrich: Das ist im Moment kein Thema für uns. Aber unser Anspruch ist es, ein Vollversorger zu sein. Ausschließen kann man also grundsätzlich nichts.

„Mobil im Wohnzimmer präsent“: Was bedeutet das?

Heinrich: Man muss sich das so vorstellen: Ein Großteil unserer Kunden sind chronisch Kranke, sehr viele davon Diabetiker, aber auch Fälle von Multipler Sklerose oder HIV. In diesen Bereichen haben wir eine sehr hohe pharmazeutische Kompetenz aufgebaut. Kombiniert mit den Daten und Informationen, die wir mit Einverständnis unserer Kunden in einer Patientenakte gesammelt haben, können wir eine punktgenaue und detaillierte Beratung anbieten – ob per Telefon, E-Mail oder per Telemedizin, etwa als Videoberatung über ein Tablet. Das wird in Zukunft ein großes Thema, gerade in dünn besiedelten Gebieten, wo es keinen Apotheker um die Ecke mehr gibt, oder für ältere Menschen. Das ist eine unserer große Chancen, auf solchen Feldern aktiv zu werden.

Die stationäre Apotheke wäre dann nur eine Möglichkeit von vielen, an den Kunden heranzutreten.

Heinrich: So muss man das sehen.

Welche Marktanteile sind für Sie drin?

Heinrich: Bei den nicht-verschreibungspflichtigen Medikamenten haben alle Versandapotheken zusammen in Deutschland schon jetzt einen Anteil von zwölf Prozent, 20 bis 25 Prozent sollten mittelfristig möglich sein. Bei den verschreibungspflichtigen ist die Hürde höher. Zusammen mit einem Mitbewerber haben wir einen Marktanteil von 1,5 Prozent. Da ist also noch viel Luft drin. Das elektronische Rezept, das man einfach weiterleiten kann, wird den Markt nochmals verändern und Wachstum bedeuten. Unser eigener Anspruch ist es, Marktführer bei den nicht-verschreibungspflichtigen Medikamenten zu werden und bei den verschreibungspflichtigen zu bleiben.

Leserkommentare

Leserkommentare (7)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert