Aachen/Frankfurt - Wenn die Reise am Friedhof startet

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Wenn die Reise am Friedhof startet

Von: Christian Ebner und Thorsten Karbach
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Wenn der Komfort an der Haltestelle auf der Strecke bleibt: Fernbusse erfreuen sich wachsender Beliebtheit, doch Kritik gibt es an den Haltestellen. Während in Berlin (Bild oben) am Zentralen Omnibus Bahnhof (ZOB) Ort und Infrastruktur stimmen, müssen die Busse in Aachen am trostlosen (Friedhofs-)Parkplatz an der Wilmersdorfer Straße halten. Foto: Robert Esser, stock/Raimund Müller

Aachen/Frankfurt. Am Südausgang des Frankfurter Hauptbahnhofs zeigen sich die negativen Seiten des Fernbus-Booms in Deutschland. Rund um einen riesigen Auto-Parkplatz warten Fahrgäste im Regen, Busse in zweiter Reihe blockieren die Straßenbahn, verlässliche Informationen über Abfahrtzeiten und -Orte sind eigentlich nur mit Hilfe eines Smartphones zu bekommen. „Frankfurt hat eigentlich gar keine Fernbusstation“, sagt der Verkehrsforscher Christoph Gipp. Und die Bankenstadt am Main steht damit im boomenden Fernbusmarkt keineswegs allein da.

Der zum Jahresbeginn liberalisierte Fernbusverkehr ist nicht nur nach Meinung von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) eine Erfolgsgeschichte: Die Zahl der Strecken sei bis Ende Juni um 84 Prozent auf 158 gestiegen, weitere 61 Genehmigungsanträge lägen auf dem Tisch. Noch liegen keine genauen Zahlen über die Fahrgäste vor, weil die zahlreichen neu gegründeten Unternehmen noch nicht in der jüngsten amtlichen Statistik enthalten sind. Doch auch bei den alten Platzhirschen mit der Deutschen Bahn an der Spitze stieg die Zahl der Passagiere im ersten Halbjahr um 12,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt berichtete.

Meist herrscht Tristesse

Zwar gibt es in Deutschland 53 Busbahnhöfe im engeren Sinne, doch höchsten Ansprüchen auch nach einem barrierefreien Zutritt für Behinderte genügen nur die Stationen in Hamburg und Mannheim, klagt der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO). Auch Berlin und München erhalten noch recht gute Noten von den Fernbusbetreibern, in Hannover ist gerade ein großer Umbau im Gange. Doch abseits dieser Städte herrscht meist Tristesse. „In den Innenstädten fehlt es einfach am Platz“, beschreibt BDO-Sprecher Matthias Schröter die Lage. Besonders unzufrieden ist man unter anderem in Dortmund, Köln, Saarbrücken, Ulm, Bielefeld oder eben auch Frankfurt. Doch in Frankfurt fahren die Busse immerhin ab Hauptbahnhof. Die Bitte, eine solche Haltestelle auch am Aachener Hauptbahnhof einzurichten, blieb bislang unerhört. Begründet wird dies trotz der langgezogenen Linienbushaltestellen mit mangelndem Platz für die Reisebusse. Während also am Jülicher Bahnhof „MeinFernbus“-Linien auf den Weg nach Berlin machen (Fahrzeit weniger als neun Stunden), gibt es in Aachen bislang nur Verbindungen mit „DeinBus.de“ nach Gießen, Marburg, Siegen. Abfahrt ist an der Wilmersdorfer Straße, auf dem Parkplatz eines Friedhofes am Rande eines Gewerbegebietes. Einladend ist diese Kulisse mit Kiosk nicht. Im Gegenteil.

In Aachen wollen sich weder Busunternehmen noch Politiker mit der Randlage auf dem Parkplatz eines Friedhofs dauerhaft zufrieden geben. Die meisten Reisebusse machen deswegen ohnehin einen Bogen um die Stadt. Der Betreiber vor Ort, „DeinBus.de“ hat als Alternative zum Linienbus Richtung Wilmersdorfer Straße einen Taxi-Service aus der Innenstadt (Sandkaulstraße) eingerichtet. Auf eine alternative Lösung zum Friedhofsparkplatz wird weiter gewartet. Bislang sind alle Ideen gestorben.

Die Sicht der Linienbetreiber ist einfach: In größeren Städten wollen sie ihre Gäste möglichst in die City fahren, in kleineren am liebsten schnell in Autobahnnähe halten, sagt „MeinFernbus“-Sprecher Gregor Hintz. Neben einer guten ÖPNV-Anbindung sollten Wetterschutz, Toiletten, Ticket- und Lebensmittelverkauf vorhanden sein.

Die meisten Kommunen scheuen bislang den Ausbau ihrer Busbahnhöfe, zumal Finanzhilfen etwa durch die Länder auf sich warten lassen. Trotz aller Anfangserfolge weiß noch niemand, wie nachhaltig der Erfolg der Linienbusse sein wird. Bahnchef Rüdiger Grube, selbst Busbetreiber, warnt vor überzogenen Erwartungen. „Da wird sich noch manch einer eine blutige Nase holen“, sagte er.

Eine Ausnahme macht die Stadt Hannover, die gerade ihren in die Jahre gekommenen Busbahnhof aufwendig saniert. Den Betrieb wird die eigentlich auf internationalen Linienverkehr spezialisierte „Deutsche Touring“ übernehmen. „Wir zahlen eine Pacht und müssen einen Teil unseres Gewinns an die Stadt abführen“, beschreibt Touring-Chef Frank Zehle das Konstrukt. Letztlich, so meint der Experte Gipp, könne man eine Busstation genauso wirtschaftlich betreiben wie einen Flughafen.

Der Verband BDO macht sich bereits Sorgen um die Vielfalt am Markt. Vor allem der Eintritt der Deutschen Post AG im Verein mit dem Adac zum 1. Oktober erzürnt die privaten Busunternehmer, die sich bereits mit der Deutschen Bahn AG und der spanisch-britischen „National“ messen müssen. Dazu kommen Start-Ups, von denen die Berliner „MeinFernbus“ bislang das expansivste Modell etabliert hat. Nach Untersuchungen der Beratungsgesellschaft Iges entfielen im August 36,3 Prozent der Fernbusverbindungen auf die grün lackierten Busse, die auch in Jülich Station machen, die damit die Deutsche Bahn (28,4 Prozent) überflügelten. Den Weg nach Aachen findet dieser Marktführer bislang aber eben nicht. Am Hauptbahnhof ist kein Platz für den Bus. Regen hin oder her.

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